Gesellschaft

Kann ein Faschist große Literatur schreiben?

13. August 2012, von Prof. Adorján Kovács

Die Bewertung faschistischer Intellektueller in Europa erfolgt mit zweierlei Maß: Gab es gute und böse Faschisten?

nzz

Teil 1: Ungarn und Rumänien

Mögen andere Länder verdrängen und vertuschen, Du, glückliches Deutschland, bist immer ehrlich, weißt genau Bescheid und alles besser! Denn Deutschland ist das Land der Vergangenheitsbewältigung und hat als solches durch eine zwar recht spät installierte, aber dafür umso intensivere Erinnerungskultur die Bearbeitung der nationalsozialistischen und gleichzeitig deutschen Verbrechen und der von Deutschen initiierten, organisierten und größtenteils auch durchgeführten Massenvernichtung der europäischen Juden zu einer staatstragenden Ideologie gemacht.

In Deutschland riecht man ein Spurenelement von Faschismus sofort, wie die Lachse, die ihr Geburtsgewässer in molekularer Verdünnung erkennen. Hat ein russischer Rocksänger sich mit 20 ein pseudonazistisches Tattoo stechen lassen, kann er später, als gereifter Bariton, den „Holländer“ in Bayreuth nicht singen. Eine Ruderin hat einen ex-neonazistischen Freund. Schon kann sie nicht bei Olympia starten. So ist das in Deutschland. Meistens. Aber nicht immer.

Offiziell ist man sich in Europa in der Verurteilung des Faschismus einig mit Deutschland. Dennoch kann man nicht behaupten, dass Menschen, die faschistisches Gedankengut vertreten haben und auch schuldig geworden sind, in Deutschland und Europa gleich beurteilt werden. Da gibt es verrückte Unterschiede! Natürlich hat das damit zu tun, dass bis heute eigentlich niemand genau weiß, was „Faschismus“ eigentlich ist. Eine einheitlich anerkannte Definition – Pustekuchen! Also besser alles sofort verurteilen, was faschistisch sein könnte! Der offizielle deutsche Reflex! Doch ist eine undifferenzierte und nivellierende Sichtweise, die jeden Faschisten über einen Kamm schert, zwar einfach, verstellt aber den Blick auf die Realität, die sich als komplexer erweist als der gemeine Antifaschist sie sich vorstellen kann. Schließlich scheint es aber auch zu ganz entgegengesetzten Ansichten über Faschisten zu kommen, je nachdem, ob sie Ungarn, Franzosen, Italiener, Engländer, Deutsche oder Rumänen waren. Und man kann nicht leicht erkennen, ob es am Beurteilten oder am Beurteiler liegt. Bleiben wir bei der Kunst der Worte, der Literatur. Verba volant, scripta manent. Das sollte genügend eindeutig sein. Doch nicht einmal die verbriefte freiwillige Mitgliedschaft in einer faschistischen Partei oder Bewegung reicht manchmal bei einem Schriftsteller für eine Verurteilung durch die Nachwelt aus, wogegen bei anderen schon bloße Äußerungen genügen, sie vor der Nachwelt zu kompromittieren - und damit oft auch ihr Werk. Gibt es also als Resultat der Vergangenheitsbewältigung so etwas wie gute und böse Faschisten?

Ein aktueller Fall ist der ungarische Schriftsteller József Nyírö. In der deutschen Presse wurde, durchaus richtig - was Ungarn betreffend in letzter Zeit immer weniger der Fall ist - und doch gleichsinnig als Groteske gefärbt, wie um zu zeigen, dass solches sich in Deutschland nie ereignen könnte, folgendes vermeldet: Es sei im Mai 2012 zu einem heftigen Streit zwischen den Regierungen Ungarns und Rumäniens gekommen, nachdem die ungarische Regierung die feierliche Überführung der Asche József Nyírös in den rumänischen Ort Odorheiu Secuiesc für ein inoffizielles Staatsbegräbnis angekündigt hatte. Nach Ansicht der rumänischen Regierung widerspreche die Ehrung Nyírös europäischen Werten, da Nyírö sich antisemitisch geäußert habe.

Wer war dieser József Nyírö, der 1889 in Zsombor, im siebenbürgischen Teil des Königreichs Ungarn geboren wurde und 1953 in Madrid gestorben ist? Was in der deutschen Presse zu lesen war, stimmt teilweise sogar: Er war ein nationalistischer ungarischer Schriftsteller und Politiker. Aber das kann so schlimm nicht sein, denn die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sind ihrem Urheber sogar in Deutschland verziehen worden. Kriegstreiberei und Demokratiefeindlichkeit – vergessen Sie´s! Eine Lappalie. Und es muss immer alles aus seiner Zeit heraus gesehen und beurteilt werden, versteht sich doch! Aber ein „Blut-und-Boden-Literat und bekennender Rassist“, als Nyírö vom „Focus“ bezeichnet wurde? Das ist schon etwas Anderes! Ist er mithin ein böser Faschist?

Nyírö war Szekler, wie die siebenbürgischen Ungarn heissen, und nach einem Studium der Theologie und Philosophie zunächst katholischer Priester. Er schied aus dem Amt aus, nachdem er seine Jugendliebe geheiratet hatte, und wurde exkommuniziert. Danach arbeitete er als Mühlenbetreiber, später als Journalist und schrieb seine Kurzgeschichten und Romane. Bis jetzt war das ein Lebenslauf, so richtig nach dem Geschmack eines linken deutschen Kulturredakteurs. Aber dann kam die Kehre. Auf ungarisch.

Im Jahre 1941, nachdem Siebenbürgen durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch teilweise wieder ungarisch geworden war, engagierte er sich politisch und ging als Abgeordneter der Siebenbürgischen Partei nach Budapest, wo er Herausgeber und Mitarbeiter von rechtsgerichteten Zeitschriften wurde. Er war im selben Jahr auch der Hauptvertreter Ungarns beim von Joseph Goebbels veranstalteten „Weimarer“ bzw. „Europäischen Dichtertreffen“. Nyírö zitierte dort Martin Luther, wie der auf den biblischen Spruch hingewiesen habe, dass „das Blut uns rein mache“. So werde Europa durch Blut gereinigt, um geistig neu geboren zu werden. Diese Hoffnung auf eine geistige Neugeburt hatten viele damals, und merkwürdigerweise war als Mittel dazu Gewalt gegen Personen für die meisten kein Problem, solange es nur die anderen traf. Warum ausgerechnet ein Adolf Hitler eine „geistige“ Neugeburt bewerkstelligen sollte, bleibt uns Heutigen unverständlich, aber das Vertrauen in eine Führerfigur ist unverkennbar. Die theologische Begründung, für die der Ex-Katholik nicht zufällig den Antisemiten Luther anführte, ist pervers, aber typisch. Wir müssen darauf noch zurückkommen.

Nach dem Putsch der nationalsozialistischen Pfeilkreuzler war Nyírö ab Oktober 1944 Mitglied des sogenannten ‚Pfeilkreuzler-Parlaments‘, bestehend aus jenen Abgeordneten des alten Parlaments, die mit den Pfeilkreuzlern kooperierten, und flüchtete im März 1945 mit dem Sonderzug dieses Parlaments vor der anrückenden Roten Armee nach Deutschland. Der ungarische Innenminister László Rajk beantragte 1947 bei den Alliierten seine Auslieferung als Kriegsverbrecher gemäß dem Londoner Statut von 1945; die Anfrage blieb allerdings aus unbekannten Gründen erfolglos. Jedenfalls ist Nyírö nie als Kriegsverbrecher verurteilt worden. Nach der Gründung der Bundesrepublik zog Nyírö weiter ins faschistisch regierte Spanien, weil er aufgrund der veränderten Rechtslage einer eventuellen Auslieferung entgehen wollte. Nachdem er bereits in Deutschland Vorsitzender von neugegründeten pfeilkreuzlerischen Organisationen war, arbeitete er nun beim Spanischen Rundfunk und übernahm Aufgaben innerhalb der pfeilkreuzlerischen Emigration. Es besteht also kein Zweifel, dass es sich beim späten Nyírö um einen unverbesserlichen Nationalisten und Antisemiten gehandelt, jedenfalls um jemanden, der sich nie von den Pfeilkreuzlern distanziert hat.

Schauen wir auf seine literarische Bedeutung, so empfiehlt es sich, den unverdächtigen Lóránt Czigány zu konsultieren, der ungarische Literatur in Berkeley lehrte und über Nyírö in seiner „Oxford History of Hungarian Literature“ von 1984 schreibt: „Nyírös originelle Stimme wurde von den Kritikern bemerkt, als er seine erste Sammlung von Kurzgeschichten, ‚Jesus-Schnitzer‘ (1924), veröffentlichte. Obwohl nicht gänzlich frei von Manierismus oder obskuren Dialektworten, waren Nyírös Geschichten sofort darin erfolgreich, mit lyrischen Zeichnungen des Szekler Lebens in den Bergen eine einzigartige Atmosphäre zu kommunizieren. Er war einer der ersten Autoren, die die besondere Welt der Szekler und die Naturschönheiten der schneebedeckten transsylvanischen Alpen porträtierten. Mit einem Gefühl für Zeitlosigkeit, Tragödie und Vergänglichkeit zeigt sich Nyírös Sensitivität am besten in den Kurzgeschichten von ‚Holzstelen‘ (1933), die alle das letzte Ereignis im Menschenleben beschreiben, den Abschluß individueller Tragödien: den Tod.“ Czigány kritisiert an späteren Romanen Nyírös, dass „seine Vision oft bei seiner wilden Suche nach Mythen, Mysterien und dem ‚letzten Lebensrätsel‘ verschwimmt“, preist aber vor allem seinen autobiographischen Roman von 1926 wegen dessen „Sinn für Proportion“ und „künstlerischer Authentizität“. Für den deutschen Leser genügt dies, um das Verdikt vom „Blut-und-Boden-Literaten“ ad acta zu legen. József Nyírö war kein durchgehend erstklassiger, aber ein bedeutender Autor, der natürlich in der kommunistischen Zeit quasi nonexistent, oder, wie Czigány es ausdrückt, „seit 1945 in Ungarn und Rumänien von einer offiziellen Stille umgeben war“. Die typische totalitäre Strategie des Totschweigens.

Nachdem die ungarische Literaturwissenschaft diesen Autor als interessanten „Regionalisten“ wiederentdeckt hatte, wurde die offizielle Stille von der Regierung Orbán nach 2010 beendet und ein Teil von Nyírös Schriften zur Pflichtlektüre in den Schulen gemacht. War das nötig? Und kann man die journalistische und politische Tätigkeit wirklich von seinem Werk trennen? Ist das nicht viel zu spitzfindig? Bevor diese Fragen beantwortet werden können, sei nochmals ein Blick auf das gescheiterte Begräbnis geworfen. Denn es ist schon auffällig, dass ausgerechnet Rumänien, das aktuell durch die putschartig geplante Absetzung seines Präsidenten Traian Basescu die EU auf den Plan ruft (wobei von dieser vergessen wird, dass der italienische Regierungswechsel zum Bänkerspezi Mario Monti von ihr selbst putschartig betrieben wurde), die „antisemitischen Äusserungen“ Nyírös zum Vorwand nahm, die Beisetzung seiner Asche auf heute rumänischem Boden zu untersagen. Auffällig, weil ein bekennender Holocaust-Leugner, der 39-jährige Sozialdemokrat Dan Sova, jüngst zum Minister in Rumänien ernannt worden ist. Auffällig auch, weil Rumänien damals, in den 1930er Jahren, selbst zwei Intellektuelle hervorgebracht hat, die zwar durch ihre nationalistische, faschistische und antisemitische Vergangenheit „europäischen Werten“ nicht entsprechen, aber in Rumänien und im Ausland hoch geehrt sind: Mircea Eliade und Emil Cioran.

Mircea Eliade, der 1907 in Bukarest geboren wurde, studierte an der dortigen Universität unter Nae Ionescu. Dieser war der Begründer des rumänischen Existentialismus, einer Bewegung, die durch Irrationalismus, Mystik, Messianismus, Anarchismus und Faschismus gekennzeichnet war. (Man beachte die religiösen Begriffe!) Eliade reiste mit 21 Jahren nach Indien und studierte drei Jahre in Kalkutta. Ab 1945 lebte und lehrte er in Paris, seit 1957 lehrte er als Professor für Religionswissenschaften an der University of Chicago. In Rumänien sympathisierte er ab 1937, nach einer bis dahin eher nur nationalistischen Phase, mit der antisemitischen und faschistischen Eisernen Garde (Legion des Erzengels Michael). Er trat der Garde bei und unterstützte sie aktiv im Wahlkampf für die Parlamentswahlen. Die Sehnsucht nach „vollständiger Transformation“ war auch hier ein zentraler Begriff, ganz ähnlich der Nyír?schen „Neugeburt“. Eliade war auch Gründer von „Criterion“, einer Gruppe von antisemitischen und faschistischen Intellektuellen. Während des Krieges hielt er sich als Diplomat meist im Ausland auf (in England, Frankreich, Portugal, wo er Salazars Diktatur bewunderte), was ihm gleich doppelt - vor dem konkurrierenden faschistischen Diktator Ion Antonescu und vor den Kommunisten - das Leben rettete.

Auch nach 1945 veröffentlichte er vereinzelt Beiträge in legionären Zeitschriften und war von der Niederlage Hitlerdeutschlands tief enttäuscht. Der Ruhm des vielbegabten Eliade beruht vor allem auf seinen religionsgeschichtlichen Schriften, die in englischer Sprache erschienen, und an denen niemand, der sich mit dem Sakralen und dem Mythos beschäftigt, vorbeikommt. Was heißt das für unser Thema? Eliade starb 1986, ohne sich öffentlich jemals mit dieser seiner Vergangenheit intensiver auseinandergesetzt zu haben. In Rumänien sind Universitäten und Straßen nach ihm benannt, er ist posthum in die rumänische Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden. Auch in Deutschland ist ebenso wie in Frankreich und den Vereinigten Staaten, wo er lebte und arbeitete, nie ein großes Problem in seiner Vergangenheit gesehen worden. Mircea Eliade: ein guter Faschist?

Wie Nyírö ist der Rumäne Emil Cioran im multiethnischen Siebenbürgen, strenggenommen als ungarischer Staatsbürger geboren worden (1911 in Resinár / Resinari / Städterdorf). Auch er studierte in Bukarest und lernte dort 1928 Intellektuelle wie Eugène Ionesco und Mircea Eliade kennen, mit denen er eng befreundet war. Es war dasselbe Fluidum wie bei Eliade und anderen Bukarester Intellektuellen und Studenten: Sie alle waren damals stark von Nae Ionescu beeinflusst. „Cioran hat nicht abgestritten, dass er sich zeitweise – wie viele andere rumänische Intellektuelle damals – von den gewaltverherrlichenden Elementen der faschistischen Bewegung angezogen fühlte und sie als vitalen Gegenpol einer vorgeblich in Durchschnitt und Mittelmaß erstickenden Kultur empfand. Später entschuldigte er seine Verirrung vor dem Hintergrund einer spezifisch nationalen Untergangsstimmung mit ihren politischen Auflösungserscheinungen. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war er Sympathisant der Eisernen Garde und Bewunderer Hitlers, des NS-Regimes und seines Antisemitismus. 1933 schrieb er zur Person Hitlers: ‚Es gibt keinen heutigen Politiker, den ich für sympathischer und bewunderungswürdiger halte als Hitler‘ und 1934 in Bezug auf den Röhm-Putsch: ‚Was ist für die Humanität verloren, wenn die Leben einiger weniger geistig und moralisch schwacher Menschen genommen werden?‘ Ein dogmatischer Faschist – [...] im Sinne [...] der Nazis – ist Cioran allerdings niemals gewesen“, schreibt der Autor des Cioran-Eintrags in der Web-Enzyklopädie Wikipedia.

Was ist schon ein dogmatischer Faschist? Ist damit eine Parteimitgliedschaft gemeint? Auch Nyírö war nie ein Pfeilkreuzler. Die rumänische Philosophin Marta Petreu jedenfalls brachte es fertig, Beweggründe, die Ciorans Abirrung motivierten, ausführlich darzulegen. Daniel Krause fasst in einer Rezension ihres Buches „An Infamous Past“ in der Zeitschrift „Tabula Rasa“ zusammen: „Da ist zunächst der Minderwertigkeitskomplex des ‚Balkanesen‘. Alle politischen Extravaganzen scheinen gerechtfertigt, sofern sie zur Modernisierung des Landes beitragen. Zum andern ist eine hysterische Empfänglichkeit für alle Erscheinungsformen (vermeintlicher) politischer ‚Größe’ zu konstatieren. Es ist eine einzige Eigenschaft Hitlers, die Ciorans Aufmerksamkeit weckt: Des ‚Führers‘ Fähigkeit, die Massen in den Bann zu schlagen, ein ganzes Volk (dem Anschein nach) auf ein Ziel auszurichten. (Deswegen kann Cioran sagen, ob eine ‚Bewegung‘ rechts oder links stehe, sei ihm im Grunde egal. Auch Mao hätte seine Zustimmung gefunden.) Auch hier gilt: Allfällige ‚Opfer’ der nationalen Erhebung sind ohne Zögern in Kauf zu nehmen. Cioran sucht eine Intensität kollektiver Erfahrung, die ihm weder die westlichen Demokratien noch das verachtete Rumänien zu bieten vermögen. Dies vor allem erklärt seine Faszination durch den Faschismus“.

Der eine akzeptiert „Opfer“, der andere „reinigt“ mit Blut. Gewalt wird verherrlicht, politische Größe in einer Führerperson verkörpert gesehen. Von 1933 bis 1935 hielt sich Cioran in Berlin auf, die totalitäre politische Ordnung Deutschlands gefiel ihm ausnehmend. 1937 zog er nach Paris, wo er den Rest seines Lebens in einer kleinen Mansardenwohnung im Quartier Latin verbrachte. Die sprachliche Nähe zum Französischen half dem rumänischen Exilanten, in sein Heimatland reiste er bis Kriegsende nur noch kurz zu Besuchen. Ciorans Ruhm beruht auf seinen geschliffenen kulturkritischen Essays, die er nach 1945 auf französisch schrieb, deren Anerkennung aber zunehmend unter der Aufdeckung seiner faschistischen Vergangenheit leidet.

Die apologetischen Ausführungen von Marta Petreu wurden zitiert, weil es typisch ist, dass diese zu einem international anerkannten Autor wie Cioran erscheinen. Auch bei Nyírö könnten Gründe gesucht und gefunden werden, mit denen man seine „Verirrung“ erklären - und eben leider auch verharmlosen - könnte. Frank-Rutger Hausmann hat keine Apologie beabsichtigt, aber in seinem Buch über die „Weimarer Dichtertreffen“ namens „Dichte, Dichter, tage nicht“ erwähnt, Nyírös Bücher seien von den Nazis ohne sein Zutun vereinnahmt worden, weil sie im Gebirge spielen und nicht in der Deutschen angeblich fremden Tiefebene; er habe sich skeptisch zum von ihm besuchten Deutschland geäußert und 1942 in Weimar für die Teilnahme von jüdischen Autoren geworben. Aber hilft das angesichts der folgenden Katastrophe? Doch ist sein internationaler Bekanntheitsgrad nicht so hoch wie der Ciorans und er kann darum leichter in Bausch und Bogen, also mitsamt seinem Werk, verurteilt werden.

Haben doch die beiden Rumänen nach dem Weltkrieg im Ausland gewirkt, auf englisch oder französisch, also in Weltsprachen, geschrieben und dadurch die Spuren verwischt. Wenigstens Cioran scheint sich aufrichtig von seiner Vergangenheit distanziert zu haben. Allerdings waren beide, Eliade und Cioran, nicht zur Zeit des durch Antonescu selbständig betriebenen rumänischen Holocausts in Rumänien. Glück oder kluge Voraussicht? Nyírö hingegen hat sich nach einer ausschließlichen Phase als Schriftsteller ab 1941 heillos in die Politik verstrickt und aus dieser „Verirrung“ nicht mehr herausgefunden; er war auch als Parlamentarier aktiv in Budapest während der Verbrechen der Pfeilkreuzler. Darin kann man sein Pech, seine Dummheit oder sein Verbrechen sehen. Selber schuld! Bei den Rumänen kann also die faschistische Phase lebens- und werkgeschichtlich als Vorbereitung der vordergründig „sauberen“ Hauptphase ihres Werkes betrachtet und dahingehend geforscht werden, ob in der Hauptphase die erste gewissermaßen „unterirdisch“ weiter wirksam gewesen sein könnte; bei dem Ungarn kann die auf den ersten Blick „unschuldige“ Hauptphase als Schriftsteller als Ankündigung seiner faschistischen Phase und daher als womöglich doch nicht so unschuldig gesehen werden. Die Untersuchung einer möglichen Verbindung zwischen diesen Phasen hat gerade erst begonnen.

Ein weiterer Unterschied fällt beim Vergleich der rumänischen mit dem ungarischen Faschisten ins Auge: Bei Nyírö hat man den Eindruck eines heillosen Provinzialismus, der mit dem geistigen Universalismus eines Eliade, der früh schon fantastische Romane geschrieben hat und mit der Hippie-Bewegung sympathisierte, in keiner Weise mithalten kann. Wenn schon die ungarischen Fachleute ihn als „Regionalisten“ bezeichnen, scheint die Regierung Orbán schlecht beraten, ausgerechnet seine Werke als Schullektüre zu empfehlen. Die ungarische Literatur weist genügend Autoren auf, die moderner, internationaler, offener wirken. Die Barriere einer Sprache, die mit keiner anderen europäischen eng verwandt ist und die viele Ungarn gerne als Grund für ihre Isolation anführen, wurde einerseits zu oft durchbrochen, um als echtes Argument gelten zu können, verleitete Ungarn andererseits ganz gerne dazu, sich vorzeitig in die Rolle des schmollenden Unverstandenen zurückzuziehen. Das Schmoren im Saft des „Volkstümlichen“ hat Tradition in Ungarn. Doch das ist ein eigenes Problem. Man ist versucht, den provinziellen Nyírö schneller und leichter zu verurteilen als den universellen Eliade, aber macht Universalismus den Faschisten wirklich besser?

Weiter mit Teil 2: USA, Frankreich, Belgien, Norwegen – und Deutschland

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