Gesellschaft

Vor- und Missverständnisse

29. Juli 2012, von Prof. Adorján Kovács

Auch beim Diskurs über Religionen und Glaubensinhalte wird Vorverständnis benötigt. Fehlt die Bereitschaft, dieses zu entwickeln, dann wird nicht korrekt zitiert, werden falsche Belege angeführt. Angst vor der Wahrheit braucht nicht toleriert zu werden, eine vernünftige Kritik darf solche mangelhaften Zitate und Belege auch als solche entlarven. Darüber darf sich derjenige, der das Vorverständnis verweigert und Missverständnisse sät, nicht beschweren.

koran

In den ersten Tagen der Beschneidungsdebatte wurde ein türkischstämmiger Kölner Kinderchirurg, Hikmet Ulus, der natürlich ein gewisses sicheres Einkommen davonschwimmen sah, in der „taz“ interviewt, wie er zur inkriminierten Operation stehe.

Er kam in Schwierigkeiten. Als die Interviewerin, Frau Akyol, Gas gab und fragte: „Ist der Schnitt am Gemächt aber nicht tatsächlich ein tiefer Eingriff in die Freiheit und die Selbstbestimmung des Individuums?“, wurde er pampig: „Entschuldigen Sie bitte, die Taufe überlassen Sie doch auch nicht Ihrem Kind.“ Eine Parallele zur christlichen Taufe zu ziehen, das konnte Frau Akyol so nicht schlucken: „Da wird auch nicht operiert.“ Wie erstaunlich recht sie mit dieser schlichten Wahrheit doch hatte.

In der Folge verlor sich der Kinderchirurg in unerquicklichen Erörterungen zur Finanzierung dieses Eingriffs, kam aber bei der Frage, ob diese Tradition überhaupt noch zeitgemäß sei, auf seine Parallele zurück, die ihm wohl keine Ruhe ließ: „Gegenfrage: Wie zeitgemäß ist es, ein kleines Kind an den Füßen festzuhalten und mit dem Kopf ins Wasser zu halten?“ Ich glaube nicht, dass Herr Ulus hier bösartig sein wollte: Er ist einfach in der Türkei zur Schule gegangen und hat dort davon gehört, dass Christen ihre Kinder bei der Taufe in der Art des Waterboarding quälen, also mit einer Folter, in Vergleich zu der eine Beschneidung geradezu eine Wellness-Massnahme ist. Es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall, sondern um das, was im türkischen Schulsystem gelehrt wird. Auch bei sträflich unverschuldeter Ahnungslosigkeit ist es schon dreist, Belege dieser Art anzuführen. Ist der Empfang der Eucharistie nicht Menschenfresserei? Wer weiß, was dazu anderswo so alles erzählt wird?

Diese kleine Farce erinnerte mich an ein Interview, das ich in der FAZ vor nunmehr 8 Jahren gelesen habe. Mehmet Aydin, Theologe, Philosoph und im Kabinett Erdogan Staatsminister für Religionsangelegenheiten, äußerte sich damals, am 3. April 2004, über Demokratie, Gleichberechtigung und religiöse Symbole. Hier in Deutschland hat es kaum jemanden interessiert, obwohl die Kopftuchdebatte gerade begonnen hatte. Das Interview ist mir darum unvergesslich geblieben, weil es in prototypischer Weise die Selbsttäuschung oder Selbstgerechtigkeit türkisch-islamischer Argumentation zu eigenen und die Sophismen ebendieser Argumentation zu (beispielsweise) christlichen Themen offenbarte, dieselbe Weigerung, das Andere auch nur ansatzweise zu verstehen, wie ich sie in den Antworten des Kinderchirurgen wiederfand.

Zunächst fabulierte Aydin über die Anlage der Demokratie schon im Koran. Es fehlte nicht viel und der Koran wäre von ihm als demokratische Geburtsurkunde beschrieben worden – Griechenland hin oder her. Er behauptete es einfach und der demütige (oder überhöfliche) Fragesteller hakte nicht nach: Schließlich geben 1400 Jahre islamischer Geschichte in dieser Sache recht. Zur dann folgenden Frage nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau in islamischen Staaten antwortete Aydin daher nur konsequent selbstbewußt:„Das islamische Denken an sich hat kein Problem mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es gibt genügend islamische Argumente, sie nicht nur zu akzeptieren, sondern auch aktiv zu verteidigen. Dementsprechend gibt es in der Türkei das Frauenwahlrecht schon seit den dreißiger Jahren - als man in vielen europäischen Ländern davon noch nicht einmal zu träumen wagte.“

Er vergaß nur leider zu erwähnen, dass dieses Gesetz von Atatürk, dem Gründer der zumindest seinerzeit laizistischen Republik Türkei, eingeführt wurde. Atatürks Verhältnis zum Islam war, sagen wir, zwiespältig. Er war es, der das Kalifenamt abschaffte, die Derwischklöster und religiösen Gerichtshöfe schloss, Religionsschulen für Geistliche und Richter auflöste und die allgemeine Schulpflicht an staatlich geleiteten Schulen einführte. Er war es auch, der die Frauenemanzipation als einen ebenso gegen den Islam gerichteten Akt forcierte wie er das Sakrileg einer Übersetzung des Korans ins Türkische betrieb. – Einen solchen irreführenden Beleg führt gewöhnlich an, der seinen Gesprächspartner für ahnungslos hält und für dumm verkaufen will.

Auf die Frage danach, ob seine Vision von einer Harmonie der Kulturen, die Aydin gerade entworfen hatte, nicht unhistorisch sei, antwortete dieser Religionsminister eines sich immer mehr zur islamischen Republik mutierenden Staates abschließend: „Übrigens zeigt Europa selbst, dass sich Demokratie auch dann entwickeln kann, wenn nicht alle religiösen Überlieferungen freiheitlich sind. Bei Lukas heißt es etwa: ,Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie, hereinzukommen.´ Da spricht die Bibel ausdrücklich vom ,Nötigen'. Der Koran dagegen sagt: ,Kein Zwang im Glauben.' Klarer kann man sich kaum ausdrücken.“

Diese ziemlich unverfrorene Verfälschung eines jesuanischen Gleichnisses blieb nicht unbemerkt und ein am 24. April abgedruckter Leserbrief monierte sie denn auch. Doch der Leserbriefschreiber glaubte, Aydin habe nicht das ganze Kapitel aus dem Lukasevangelium gelesen (was sehr unwahrscheinlich ist) und hantierte mit dem Unterschied zwischen „Nötigen“ und „Auffordern“, also einem Übersetzungsproblem. Das ist überhaupt nicht erforderlich, um den Fehlschluss zu entlarven, mit dem Aydin hier operierte.

Ausgangspunkt des Gleichnisses bei Lukas 14, 15-24 ist der Ausruf eines Tischgenossen Jesu, der sagt: „Selig, wer am Mahl im Reich Gottes teilnehmen wird!“ Jesus antwortet mit dem Gleichnis vom Festmahl, zu dem ein Mann viele einlädt, die sich dann alle mit faulen Ausreden entschuldigen lassen. Als dies dem Mann berichtet wird, wird er zornig und fordert seinen Knecht auf, die „Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen“ von den Straßen hereinzuführen. Als ihm gemeldet wird, es sei noch immer Platz da, antwortet er: „Geh hinaus an die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll wird! Ich sage euch nämlich: Keiner von jenen Männern, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen.“

Von einer Nötigung, das Christentum anzunehmen, ist hier weit und breit nicht die Rede, es geht um die Teilhabe am Reich Gottes. Man könnte vielmehr sagen, dass Jesus mit dem Gleichnis ausspricht, auch der türkische Religionsminister, der ein jesuanisches Gleichnis böswillig falsch auslegt, wird dereinst zu seinem Besten „genötigt“, am Reich Gottes teilzuhaben, obwohl er sich als Moslem derzeit dagegen verwahrt. Überhaupt ist das Gleichnis eine Warnung an alle, die ihrer Einladung zu sicher sind, die überheblich glauben, dieser Einladung würdig zu sein, eine Warnung an selbstsichere Christen und Muslime und alle Menschen.

Angesichts solcher Beispiele ist es nun interessant, dass es gerade Muslime sind, die häufig behaupten, besonders in Deutschland würde der Islam falsch dargestellt. Damit sind wohl nicht Volkes Stimme und gewisse Blogs gemeint, wo diese Behauptung stimmt, sondern die in den massgeblichen Medien und Fachbüchern veröffentlichte Darstellung des Islam. Ich kenne aber kein Beispiel einer Stellungnahme aus Deutschland, in der auf dem Niveau eines Philosophen und Ministers ein solcher Unsinn wie der Aydins formuliert worden wäre. Als sogar der in Deutschland geborene Orientalist Navid Kermani anlässlich einer Bildbeschreibung davon sprach, dass Christen an das Kreuz glauben würden, musste man endgültig daran zweifeln, dass ein Muslim für christliche Glaubensinhalte ein Vorverständnis überhaupt entwickeln will. Warum diese Verdrehungen? Welche Ursache liegt dem zugrunde? Kermani ist dafür von einem Bischof kritisiert worden; es gab große Aufregung wegen der vorübergehenden Aberkennung des Hessischen Kulturpreises. Nun war das berechtigte Kritik an einer verfälschenden Aussage eines Muslims zum Christentum. Dennoch sprachen Kermani und die veröffentlichte Meinung schon von „Diffamierung“. Wie ist es aber mit einer Kritik an islamischen Prinzipien? Hat es da bei Atheisten und Christen ähnliche Irreführungen und Fehlschlüsse gegeben, nur auf die islamische Seite gemünzt?

Nehmen wir die Kopftuch- und Beschneidungsdebatten als diejenigen Diskurse, die die größten Wellen geschlagen haben. Die Versuche, die islamische Position zu verstehen, waren extrem differenziert. Es genügt, auf die Flut von hochgelehrten Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt hinzuweisen. Die Muslime haben mit Patrick Bahners und anderen nicht die schlechtesten Unterstützer gehabt. Es hat sich trotzdem mehr und mehr durchgesetzt, den Islamkritikern zu unterstellen, sie würden Muslime hassen. Leider haben auch Linke eine islamische Religionskritik mit diesem Totschlagargument torpediert. Kürzlich führte Feridun Zaimoglu das Wort im Mund, in einem FAZ-Interview zur aktuellen Beschneidungsdebatte: „Wir erinnern uns an die Kopftuchdebatte: Rechtskonservative bemühen die Frauenrechte. Für den, der den Muslim hasst, ist jedes Mittel recht.“ Aha, so war das also, ist ja klar. Die feministische Linke hat sich also nicht kritisch zum Kopftuch und dem mit ihm verbundenen archaischen Frauen- und Männerbild geäußert. Mit seiner Folgerung allerdings hat Zaimoglu recht: „Was geschah nach der Debatte um das Kopftuch frommer junger Frauen? Nichts.“ Das stimmt, in Deutschland wird selten eine eindeutige Konsequenz aus einer Debatte gezogen, es wird gerne zerredet. Oder lächerlich gemacht. So wie Nils Minkmar vor kurzem die polizeiliche Strandjagd auf Nudisten und salafistische Burkabini-Trägerinnen für ähnlich lächerlich hielt und beides dadurch gleichsetzte, ohne zu bedenken, dass es zwar keinen Nudistenstaat gibt, der alle dazu zwingt, nackt zu sein, sehr wohl aber Staaten und sie tragende Ideologien, die den Burkabini für die Hälfte der Bevölkerung vorschreiben. Von wegen Anarchie am Strand!

Auch Zaimoglu pfeift auf echte Gegenseitigkeit: „Die Blechaufklärer, die mit Islamschelte Geld verdienen, bekamen Verdienstsspangen. Jetzt schnüffeln diese Damen und Herren am Unterleib der Männer.“ Und weiter geht´s: „…unbedarfte Bürger…, …Glaubensfeind…, …das giftgeifernde Wort, die Unterstellung, , die bloße Behauptung, Selbstbesoffenheit, …Profilneurotiker…, …Schwätzer und Einflüsterer…, …Krawallschwestern…, …keifende Frauen, die wie die Wildsau durchs Unterholz krachen…, …Rüpel…“. So sieht der Schriftsteller also Autoren wie die des CUNCTI-Dossiers zur Beschneidung. Ach, dürften diese doch Kirchen- und Christentumskritik ähnlich differenziert in einer großen überregionalen Zeitung beantworten! Ach, man wünschte sich, Zaimoglu würde sich, wenn er wieder zum rituellen Schafsopfer in die Türkei fährt, dort ebenso vehement für die Rechte der Christen einsetzen. Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und nicht verhandelbar! Was hat der Prophet angeblich nicht so alles vorgegeben… War da nicht die Steinigung? Nicht verhandelbar? Zaimoglu fällt damit hinter die innerislamische Diskussion zurück.

Psychologisch ist es von Beschnittenen nicht zu erwarten, dass sie über ihren Schatten springen und die Kraft aufbringen, ihren Nachkommen die Beschneidung zu ersparen, bis diese sich selbst entscheiden können. Das ist auch der Grund, warum die Betroffenen sich nie öffentlich beschwerten, sie kennen sich ja nicht anders. Ein fait accompli also – und was macht der solchermaßen Gezeichnete, der seine Religion verlassen möchte? Aber diese Probleme stehen hier nicht im Mittelpunkt des Artikels: Mir geht es um die Gegenseitigkeit. Sollen denn die Herrn Ulus und Aydin angesichts ihrer Äußerungen schlankweg als Christenhasser bezeichnet werden dürfen? So wie die Verhältnisse in der Türkei sind, wird das möglicherweise nicht weit von der Wahrheit weg sein. Aber was ist das für eine Form des Diskurses? Sie ist zutiefst jämmerlich.

Belege und Zitate sollten jedoch in einem Diskurs stimmen, das möchte doch verlangt werden dürfen, wenigstens in diesem Land. Das können Muslime umgekehrt auch verlangen, auch wenn es kein Lehramt gibt bei ihnen und mithin die Entscheidung, was genau mit einem Koranzitat oder einem Beleg aus der Tradition gemeint ist, noch schwerer fallen dürfte. Also wird nachgefragt werden. Gut so! Dann muss eine gute Antwort kommen und noch eine Frage und auf diese eine noch bessere Antwort. Was soll denn die Alternative sein? Gesprächsverweigerung? Alles nicht verhandelbar?

Das Christentum hat die (wohlgemerkt unfreiwillige) Esse mehrhundertjähriger Kritik nicht zu seinem Nachteil überstanden; auch heute ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich jede Kritik (nicht Verächtlichmachung!) selbstverständlich erlaubt. Natürlich muss in einer freien Gesellschaft auch eine Antwort auf die Kritik erlaubt sein. Hat der Islam Angst vor Kritik? Darf zum Beispiel nicht gefragt werden, ob eine Beschneidung nach 8 Tagen oder mit 5 Jahren einen Unterschied darstellt? Das ist also schon Islamhass? Eine solche Antwort ist keine und fällt auf den zurück, der so redet. Kritikfähigkeit muss offenbar erst erlernt werden. Die Art der Verdrehungen der Wahrheit, die eingangs demonstriert wurden, erinnern nicht ganz von ungefähr an die „Argumentationen“ aus realsozialistischer Zeit. Die kommunistischen Staaten hatten vor nichts so viel Angst wie vor der Wahrheit und verdrehten sie mit aller Raffinesse und Plumpheit. Besonders gerne verkauften sie ihr Gegenüber für dumm. Kritikfähig waren sie überhaupt nicht. Ob es den hier in Deutschland lebenden Muslimen gefällt oder nicht, den Kontakt mit einer weitgehend atheistischen Gesellschaft haben sie selber gesucht und sie müssen diese und noch viele Diskussionen führen, wollen sie ernst genommen werden. Sie werden sich immer neue Nachfragen gefallen lassen und diese beantworten müssen. Na und? Wäre es nicht so, dann und nur dann würde Deutschland sich lächerlich machen.

Ein persischer Freund zitierte kürzlich, als wir über das Beschneidungsurteil sprachen, denselben Abschnitt aus der Bibel wie Feridun Zaimoglu. Mir wird immer etwas blümerant zumute, wenn Muslime aus dem Buch der Bücher zitieren, von dem sie ansonsten nicht so viel halten. Ich wittere das unabsichtliche oder kalkulierte Missverständnis, mit dem ich ins Boot geholt werden soll. Aber gut, natürlich schauen wir uns das Zitat erst einmal an: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Mein persischer Freund meinte damit, der Staat solle sich aus der Religion heraushalten. Ihm antwortete ich, dann solle sich die Religion auch aus dem Staat heraushalten. Zaimoglu geht weiter und droht mit diesem Zitat sogar für den Fall, dass der Staat sich durch seine Einmischung überdehnt: „Sonst kämen die Gläubigen auf die Idee, dem Kaiser vorzuenthalten, was des Kaisers ist.“ Also Illoyalität und Sabotage? Na wunderbar. Zumindest hat Zaimoglu den Sinn dieses Wortes nicht verstanden, aus welchem Grund auch immer. Er verdreht es. Das Zitat passt so nicht. Es ist eben gerade möglich, dem Kaiser und Gott zu geben, was ihnen zusteht. Zumindest für Christen. Also für Leute, denen Staat, Gesellschaft und Religion nicht dasselbe sind. Das ist der entscheidende Punkt.

 

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