Geschlechterdebatte

„Neue“ Männer

27. Februar 2016, von Prof. Walter Hollstein

„Neue Männer braucht das Land“ – so sang es Ina Deter vor Jahren. Der Song hat sich gehalten, und die Forderung auch. Nun ist es nicht so, dass sich etwa nichts getan hätte. Der blosse Augenschein in unseren Städten zeigt, was vor dreissig oder vierzig Jahren noch unmöglich gewesen wäre: Männer, die Kommissionen machen, Väter, die Kinderwagen schieben, Männer in Pflegeberufen etc.

men shadowsDie empirische Sozialforschung belegt die Veränderungen. Das Berufsspektrum von Männern ist um einiges „weicher“ geworden, auch die Männer selber: Sie können inzwischen besser über ihre Gefühle sprechen, sie sind kommunikativer geworden, ehrlicher, aufrichtiger, authentischer.

Nun gefällt das nicht allen. Auch jüngeren Männern nicht.

So alteriert sich Philipp Loser im Zürcher „Tagesanzeiger“  über Männer als „Weicheier und Heulsusen“. Damit meint er vor allem: jüngere Väter, die Mühe haben mit der Vereinbarkeit von Kindererziehung und Erwerbstätigkeit. Seltsam daran ist zunächst einmal, dass Frauen, wenn sie sich über dieses Problem beklagen, niemals diffamiert werden. Männer schon, denn als harte Männer, wie es Loser fordert, dürfen  sie das ja nicht; es ist ein Rollenverstoss. Nun ist die Verteidigung eines solch anachronistischen Männerbildes, wie Loser es noch vertritt, gottseidank eher selten geworden.

In anderer Richtung gibt es allerdings Bemerkenswertes. Von veränderten Männern lassen sich offenbar nicht mehr die Männertugenden des 19. und 20. Jahrhunderts erwarten. Das haben die Ereignisse von Köln in plastischer Deutlichkeit gezeigt. In der NZZ schreibt Cora Stephan: „Die Silvesterereignisse von Köln haben nicht nur die Verletzlichkeit der Frauen, sondern auch die Schwächen des westlichen metropolitanen Mannes offenbart. Wo war er, als es darauf ankam?“ Und: „Der postheroische Mann kann mit «Ehre» wenig anfangen, und auf die Idee, Frauen als schutzbedürftig anzusehen, kommt er schon lange nicht mehr. «Sisters are doing it for themselves.»“ In der Welt doppelt Eckard Fuhr nach: „Der moderne Mann hat in Köln versagt. Die Männer haben ihren Frauen Silvester nicht geholfen. Sie waren gelähmt, orientierungslos und haben die zivilgesellschaftliche Feuerprobe unter verschärften Migrationsbedingungen nicht bestanden.“

Tja, dem mag so sein. Aber wenn man diesen Tatbestand beklagt – zum Teil nach Köln sehr heftig – müsste man auch fragen, warum dem so ist und wie es dazu kam. Eine Erklärungsschiene ist die folgende: Buben werden inzwischen  klammheimlich oder auch ganz offen umerzogen. Der Kindergärtler, der sein kleines Holzschwert in den Hort mitbringt, wird wegen seines „gefährlichen“ Spielzeugs  wieder nach Hause geschickt. Statt lustvollen Ringkämpfen müssen die Buben im Turnunterricht Schleiertänze aufführen. Fussballspielen auf dem Schulhof wird verboten; stattdessen werden Kommunikationszonen für Buben eingerichtet. Alles, was mit bubenhaftem Toben, Raufen und Kräftemessen zu tun hat, wird von weiblichem Erziehungspersonal misstrauisch beäugt, verboten oder sogar bestraft.

Wenn die Mädchen am „Töchtertag“ ausziehen, um sich „richtige“ Männer in den traditionellen Männerberufen am Montageband, beim Hochofen oder in der Auto-Werkstatt zum weiblichen Vorbild zu nehmen, wird Buben beigebracht, Wäsche zu sortieren, zu backen oder Putzmittel zu unterscheiden. Damit es kein Missverständnis gibt: Dass Jungen solche Fertigkeiten erlernen, ist gut, hilft ihnen selbst bei der eigenen Bewältigung des Alltags und ist eine gute Voraussetzung für eine geschlechterdemokratische Arbeitsteilung in der späteren Partnerschaft. Aber Helden, Beschützer und Muterprobte macht das eben nicht. Diesen Zusammenhang muss man sehen, wenn man „Köln“ kritisiert.

Der Artikel erschien zuerst in Basler Zeitung 26.2.2016

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Kommentare   

0 # Yep ...Wolf-Dieter 2016-02-28 21:26
... dem ist nichts hinzuzufügen.
Antworten
Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Gender Mainstreaming. Der Zahn der Zeit

02. August 2015, von Gudrun Eussner
Gestern schickt mir ein Freund den Link zu einem Artikel im FOCUS. Ein 560 000 Jahre alter Zahn ist gefunden worden, geschätzte 100 000 Jahre älter als der 1971 gefundene "Mensch von Tautavel", in der "Höhle von Arago", nahe Tautavel, bei Perpignan. Selbstverständlich steht darüber schon ein Artikel im Lokalblatt L'Indépendant, und so weiß ich das längst. Wer...

Geschlechterdebatte

Ein Kämpfer für den rechten Glauben besucht ein Amt

Die offene Gesellschaft und ihre falschen Freunde: Ein Monolog für zwei Personen 23. Januar 2016, von Lucas Schoppe
Die Kampagne „ausnahmlos“ wurde von Feministinnen nach den vielfachen sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht mit erheblicher medialer und politischer Unterstützung lanciert. Vereinzelt fragten Kommentatoren in sozialen Netzwerken auch danach, ob denn die Kampagne ausnahmslos allen...

Geschlechterdebatte

„Recht und Gerechtigkeit“

13. Oktober 2012, von Arne Hoffmann, zuerst erschienen auf Genderama
Das Kachelmann-Buch und die einstweiligen Verfügungen
Ich konnte mir jüngst auf der Buchmesse noch ein Kachelmann-Buch schnappen, bevor dem Heyne-Verlag die einstweilige Verfügung zugegangen war, die ihn vom weiteren Vertrieb von Büchern mit der vollen Namensnennung von Claudia D. abhält. Ob der Verlag gegen einen...

Gesellschaft

Gruppenbehaftetes Denken - Furchtsymptom unserer digitalen Gegenwart?

11. März 2015, von Deborah Ryszka
Um sich als ganzheitliches, vollkommenes Individuum zu verstehen, braucht der Mensch andere Menschen - er ist ein soziales Wesen. Sogar wenn er in den tiefsten Ecken des Teutoburger Waldes ein Einsiedlerleben führt, kommuniziert er: in Gedanken mit sich selbst oder mit den ihn umgebenden Tieren, oder aber Bäumen.
Und dieser kommunikative Akt stellt eine Form der...

Geschlechterdebatte

Rechte Kerle: Rosenbrock, Gesterkamp, Kemper

18. September 2013, von Lucas Schoppe
„Sollte man mit den Männerrechtlern oder nur über sie reden? Die Debatte darüber hat gerade erst begonnen.“
Eine seltsame Debatte: als ob es in einer Demokratie normal wäre, zunächst einmal langwierig zu diskutieren, ob bestimmte Gruppen überhaupt zur Diskussion zugelassen werden dürften. Der Autor, der hier über „Männerrechtler“ so schreibt, wie sonst ein...

Gesellschaft

Falsche Lehren aus der Silvesternacht

3. Januar 2017, von Prof. Monika Frommel
In ihrem Buch „Die Nacht, die Deutschland veränderte" arbeiten Voogt und Wiermer die Kölner Vorgänge vom letzten Silvester auf. Die Probleme liegen nicht bei Islam und Sexualstrafrecht.
Ein gerade erschienenes Buch von Gerhard Voogt und Christian Wiermer hilft zu verstehen, was in der Kölner Silvesternacht 2015/16 passiert ist. Nun rüstete Köln für...

Geschlechterdebatte

Fördert endlich die Jungen!

15. Februar 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Ein Sammelband beschäftigt sich mit der Frage, ob wir eine Männerquote in Kitas und Schulen brauchen, anstatt endlich ideologiefreie Konzepte zur Jungenförderung zu entwickeln.
Seit Jahren stagnieren die schulischen Leistungen von Jungen. Sie haben im Schnitt schlechtere Noten als Mädchen, brechen die Schule wesentlich häufiger ab. Die Mehrzahl der...

Gesellschaft

Offener Brief an Cordt Schnibben, DER SPIEGEL

02. März 2015, von Arne Hoffmann
Einige meiner Leser haben die Bitte des SPIEGEL-Redakteurs Cordt Schnibben, ihnen über ihre Erfahrungen mit dem Niedergang des deutschen Journalismus zu schreiben, nicht nur erfüllt, sondern auch mich ins CC gesetzt. Einen dieser Briefe veröffentliche ich nach Rücksprache mit dem Verfasser gerne hier als Offenen Brief an den SPIEGEL.
Dass immer mehr Journalisten...

Gesellschaft

Horst Arnold - ein bitterer Nachruf

12. Juli 2012, von Dietmar Nikolai Webel
Exemplarische Abrechnung mit der Gleichstellungsideologie der letzten 10 Jahre
Der Gymnasiallehrer Horst Arnold musste für 5 Jahre hinter Gitter, weil seine Kollegin behauptet hatte, sie sei von ihm in der großen Pause im Biologievorbereitungsraum rektal vergewaltigt worden. Es stand Aussage gegen Aussage. Warum sollte sie so etwas behaupten?
Sicher ist...

Gesellschaft

Einspruch unerwünscht – wie sich die Mainstream-Medien von ihren Lesern entfremden

21. September, von Jens Berger
Die FAZ erlaubt unter Online-Artikeln zum Themenkomplex Ukraine/Russland schon seit längerem keine Leserkommentare mehr. SPIEGEL Online geht da selektiver vor und schließt den Kommentarbereich erst dann, wenn die Leser die Artikel zu kritisch bewerten.
Am konsequentesten ist jedoch die Süddeutsche, die ihren Kommentarbereich gleich ganz abgeschafft hat und...

Geschlechterdebatte

Pulitzer-Preisträger: Angebliche Sex-Übergriffe bringen Vorteile für "Opfer"

13. Juni 2014, von Arne Hoffmann
Sexuelle Übergriffe und der Umgang mit den Opfern sind ein Problem an amerikanischen Hochschulen. Ein konservativer Publizist glaubt: Die Opferrolle ist unter den Studentinnen begehrt. Die Belästigen seien kaum erkennbare "Mikro-Übergriffe".
Die Opfer von Vergewaltigungen profitieren, wenn sie die Tat anzeigen. Denkt zumindest der konservative amerikanische Autor George...