Geschlechterdebatte

Männer in den Medien: Drei Forderungen an Journalisten, die ihre Verantwortung ernst nehmen

9. September 2015, von Arne Hoffmann

Der Deutsche Genderkongress 2015 macht auf die dringende Notwendigkeit einer konstruktiven Männerpolitik in unserer Gesellschaft aufmerksam. Hierfür ist eine faire, nicht-sexistische Behandlung von Männern in unseren Medien unabdingbar. Die folgenden Absätze erklären, in welchen drei Bereichen verantwortungsbewusste Journalisten besonders gefordert sind.

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1. Berichten Sie über männliche Opfer ebenso intensiv wie über weibliche.

Wenn in Medienbeiträgen immer wieder von "unschuldigen Frauen und Kindern" unter den Opfern die Rede ist, führt die Menschenrechtsaktivistin Dr. Charli Carpenter in ihrem gleichnamigen Buch aus, dann trägt das dazu bei, dass männliche Opfer als weniger tragisch erscheinen oder gleich vollständig unsichtbar gemacht werden. Zu ähnlichen Ergebnissen führen die Analysen des Professors für Politikwissenschaft Adam Jones.

Ein typisches Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit sind die Opfer der radikalislamischen Terrorgruppe Boko Haram: Es gab eine intensive mediale Berichterstattung über von Boko Haram entführte Mädchen, aber keine solche Berichterstattung über die von den Terroristen dutzendfach bei lebendigem Leib verbrannten Jungen. Auch bei Artikeln über Gewalt in der Partnerschaft sollten Männer nicht verschwiegen werden, die Fachleuten zufolge die Hälfte der Opfer stellen, was vielfach seit dreißig Jahren ignoriert wird .

Nicht-sexistischer Journalismus nimmt Opfer unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit gleichermaßen wichtig.

2. Steigen Sie aus dem beliebten Männer-Bashing aus.

Junge Männer – die gefährlichste Spezies der Welt titelte ein Cover des SPIEGEL, Eine Krankheit namens Mann ein anderes, und von der Wirtschaftskrise als Krise der Männer, die Frauen selbstverständlich nicht passiert wäre, phantasierte die Süddeutsche Zeitung. Hunderte von Seiten starke Fach- und Sachbücher wie Spreading Misandry, Sind Frauen bessere Menschen?, Wozu sind Männer eigentlich überhaupt noch gut? und The Second Sexism analysieren dieses Bashing seit Jahren. Der Soziologe Christoph Kucklick weist den Beginn dieser Männerfeindlichkeit in seinem Suhrkamp-Forschungsband Das unmoralische Geschlecht übrigens für etwa das Jahr 1800 nach. Noch heute entspricht sie dem Zeitgeist.

Die Massenmedien spielen eine große Rolle dabei, diesen Sexismus aufrecht zu erhalten. So gelangte der australische Medienwissenschaftler Jim R. Macnamara in seiner Studie Media and Male Identity: the Making and Remaking of Men zu folgenden Ergebnissen, was nicht nur australische Medien, sondern auch die Medien der USA, Kanadas und Westeuropas betrifft:

Nachrichten, Magazinsendungen, Talkshows und andere Medienformate prägen beim Publikum ein Bild von der Wirklichkeit, in dem Männer als Gewalttäter, Kriminelle, Mörder, Schläger, Missbrauchstäter, Perverse und verantwortungslose Rabenväter gezeigt werden, obwohl sich in Wahrheit nur ein Bruchteil aller Männer in diese Gruppen einordnen lässt. Über 80 Prozent der Darstellungen von Männern und Männlichkeit sind negativ. Dabei werden Männer und Jungen häufig als leichtsinnig, beziehungsängstlich, gefühllos und zu vernünftiger Kommunikation unfähig charakterisiert. Abgesehen von einer kleinen Minderheit beispielsweise von Kriegsveteranen und Feuerwehrmännern erscheinen Männer und Jungen nur dann als positiv, wenn sie ihre "weibliche Seite" entdeckt haben.

Dieses abwertende Männerbild wird auch von als glaubwürdig geltenden Quellen wie Akademikern und Bestseller-Autoren verbreitet und in überzeugend wirkende Formulierungen gepackt. Eine Tiefenanalyse von in den Medien veröffentlichten Texten zeigt hochkritische, wenn nicht sogar ätzende Angriffe auf Männer und die männliche Identität, die in aller Regel nicht durch Gegenstimmen ausgeglichen werden. Insgesamt werden Männer so in den Massenmedien dämonisiert, marginalisiert, entwertet und zum Objekt gemacht.

Verallgemeinerungen wie dass die Welt ein friedlicherer und besserer Ort wäre, wenn Frauen regieren würden, werden unhinterfragt verbreitet, während umgekehrte Klischees (Männer seien Frauen überlegen) als sexistisch, politisch unkorrekt und mitunter sogar als illegal gelten würden. Damit hat sich die Geschlechterdiskriminierung in den Diskursen umgekehrt.

Diese Erkenntnisse unterstützen die Warnungen, die zu diesem Thema seit einigen Jahren von verschiedenen Forschern geäußert werden. So könne der "hegemonische Diskurs vom Mangelwesen Mann bei vielen jungen Männern zu einer Erfahrung sozialer Ausgrenzung führen, die für Individuen und Gemeinschaften verheerende Folgen haben könnte" – beispielsweise, was geistige Gesundheit angehe, weshalb man aktiv Initiativen unterstützen müsse, die bei Jungen und Männern wieder ein positives Selbstbild fördern. Insbesondere männliche Teenager sind von einem Klima allgegenwärtiger Diffamierung betroffen, da sie in den Medien vor allem als Junkies, Analphabeten, Selbstmörder, Versager, Sexualstraftäter oder Vandalen gezeigt würden. Das führe dazu, dass Erwachsene sie häufig misstrauisch beäugten, woraufhin die Jungen mit Wut, Frustration oder Gefühlen der Entfremdung reagieren.

Die bislang nur dürftige Forschung im deutschsprachigen Raum gelangt zu ähnlichen Einsichten wie Macnamara. So erkannte die vom Österreichischen Sozialministerium in Auftrag gegebene Studie "Männer in den Medien" eine praktisch durchgehende Diskriminierung: "Auf 350 Seiten wird anhand Dutzender Beispiele aus dem gesamten deutschen Werbesprachraum dargestellt, dass sie zu Trotteln gemacht werden, und zu Volltrotteln in der Vaterrolle. Die Autoren merken an, dass es als sexistisch empfunden würde, würden Frauen und Mütter so dargestellt. Untersucht wurden 94 Werbespots und die 58 erfolgreichsten Kinofilme sowie 83 beliebtesten Fernsehserien der letzten sechs Jahre."

Nicht-sexistischer Journalismus erspart sich all diese Abwertungen von Männern.

3. Übernehmen Sie in Beiträgen über gesellschaftliche Streitthemen nicht länger einseitig die feministische Position

Damit die Geschlechterdebatte irgendwann auch wirklich zu einer "Debatte wird", sollten Beiträge über entsprechende Themen die Argumente beider Lager mit etwa gleicher Gewichtung darstellen, statt Sprachrohr allein der feministischen Lobby zu sein.

Ein typisches Beispiel, wie es nicht laufen sollte, war die Quotendebatte vergangener Jahre, bei der Thomas Tuma seinen Kollegen schließlich "Agitation und Meinungsmonopolisierung" in Form einer "Art Gesinnungspolizei" attestieren und die Frage stellen musste, "wann Journalismus zur Propaganda verkommt und wann er für seine Interessen Meinungspluralität zu opfern bereit ist". Wenn etwa eine feministische Journalistin eine ideologisch Gleichgesinnte interviewe, fehle mitunter nur noch die Frage "Frau Staatsratsvorsitzende, wie erklären Sie sich Ihren triumphalen Erfolg auf allen Ebenen?" Falls "derlei moderne, geschlechtspolitisch-korrekte Berichterstattung die Zukunft" des Journalismus sein solle, "geht es mit der ganzen Branche und ihrer Glaubwürdigkeit nun endgültig den Bach runter." Das Frauenbündnis drohe inzwischen "exakt jenen Klischees zu entsprechen (...), die er über die bösen Jungs so leidenschaftlich und liebevoll pflegt: ein geschlechterdominierter Club bräsiger Wir-wissen-wo’s-langgeht-Buddys zu sein." Das Ergebnis sei "letztlich Diskriminierung, nur andersrum."

Die Folgen dieser Diskriminierung zeigte auch der Medienhype um die von Anne Wizorek initiierte feministische Aufschrei-Kampagne, wobei männliche Opfer von Sexismus, wie von den Kampagnenführerinnen gefordert, selbstverständlich keine Rolle spielten. Dass in überraschend hohem Ausmaß auch Männer Opfer sexueller Übergriffe werden, blieb in der Regel konsequent ausgeblendet. Ebenso naiv wurde die Lesart übernommen, bei dieser Kampagne hätten "zehntausende von Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Gewalt" gesammelt. Ralf Bönt widerlegt diesen Zahlenzauber in dem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Anmerkungen zur Sexismusdebatte" in der Reihe "Aus Politik und Zeitgeschichte", der auch online nachzulesen ist: Tatsächlich handelte es sich um zehntausende von TWEETS, also Wortmeldungen in der entstandenen Debatte, wobei "lediglich 1,5 Prozent von ihnen der Intention von Anne Wizorek entsprachen" und der weit überwiegende Großteil aus Kritik oder aus Versuchen von Männern bestand, eigene Erfahrungen von Sexismus zu thematisieren. All diese Stimmen schlugen Journalisten ungerührt dem feministischen Lager zu.

"Wir nehmen bei bloßem Augenschein hin, was immer Frauengruppen sagen", erklärte einmal der damalige CBS-Nachrichtenkorrespondent Bernard Goldberg angesichts solcher Formen einer Moralischen Panik, wie es die #Aufschrei-Kampagne war. "Warum? Weil sich Frauen uns gegenüber als unterdrückte Gruppe verkauft haben und unterdrückte Gruppen in der Presse einen Freifahrtschein erhalten ... Ich gebe Feministinnen nicht die Schuld dafür, wenn sie uns Halbwahrheiten und manchmal sogar komplett Ausgedachtes erzählen. Ich gebe meinen Kollegen die Schuld, weil sie ihre skeptische Einstellung vergessen."

Drei einfache Schritte würden hier für Ausgewogenheit sorgen:

  • Die Anliegen und Themen der Männerbewegung sollten genauso häufig in den Medien vorkommen wie die Anliegen und Themen der Frauenbewegung, also etwa Obdachlosigkeit und Suizid als Probleme, von denen weit überwiegend Männer betroffen sind, Menschenrechtsverletzungen speziell mit männlichen Opfern, sexueller Missbrauch durch Mütter und dergleichen Tabuthemen mehr.

  • In britischen Zeitungen wie dem Telegraph und dem Independent können Männerrechtler wie Glenn Poole, Neil Lyndon und Ally Fogg seit Jahren regelmäßig Artikel veröffentlichen. Dasselbe sollte in deutschen Leitmedien möglich sein. Auch in Talkshows gehört als Gegengewicht zu jedem feministischen Gast ein Männerrechtler oder eine Männerrechtlerin.

  • In den Leitmedien wird die feministische Ideologie kontinuierlich verherrlicht, was es erschwert, dass sich deren Unterstützer auch mit ihren Schattenseiten (also etwa sexistischen, faschistoiden, antisemitischen und totalitären Aspekten) auseinandersetzen. Gleichzeitig wird so getan, als ob die maskulistische Bewegung direkt aus der Hölle käme: Ihre Vertreter erscheinen vor allem in den Sendern der ARD durchgehend als rechtsradikal, emotional gestört und am Rande der Kriminalität. Mit den Programmgrundsätzen von Ausgewogenheit und politischer Neutralität sowie dem Auftrag, Meinungsvielfalt abzubilden, hat das nichts mehr zu tun. Die massive Abwertung von Männerrechtlern in unseren Medien ist vermutlich schlicht Folge der massiven Abwertung von Männern.

Nicht-sexistischer Journalismus verleiht Menschen, die die Anliegen von Männern vertreten, dasselbe Gewicht und dieselbe Wertschätzung wie Menschen, die die Anliegen von Frauen vertreten.

Offenkundig würde das hier geforderte geschlechtsneutrale Herangehen an Genderthemen den gegenwärtigen Journalismus in diesem Bereich auf den Kopf stellen. Für eine wirklich antisexistische Medienpraxis sind diese drei Schritte aber unabdingbar.

 

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