Geschlechterdebatte

Gender Mainstreaming. Der Zahn der Zeit

02. August 2015, von Gudrun Eussner

Gestern schickt mir ein Freund den Link zu einem Artikel im FOCUS. Ein 560 000 Jahre alter Zahn ist gefunden worden, geschätzte 100 000 Jahre älter als der 1971 gefundene "Mensch von Tautavel", in der "Höhle von Arago", nahe Tautavel, bei Perpignan. Selbstverständlich steht darüber schon ein Artikel im Lokalblatt L'Indépendant, und so weiß ich das längst. Wer den Zahn Arago Nr. 149 gefunden hat, steht dort nicht.

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Nun aber geht mein Staunen los, und das verwandelt sich bald in Wut.

Wer hat den Zahn gefunden, diese Sensation verursacht? Jeder, der jemals mit Archäologen an Ausgrabungsstätten war, weiß, was ein solcher Fund bedeutet, und wie außergewöhnlich er ist. Der Finder heißt Valentin Loescher, er studiert seit 2014 Kunstgeschichte und Archäologie an der Pariser École du Louvre, erfährt man auf seiner FB-Seite.

In der Papierausgabe des Figaro, vom 29. Juli 2015, Seite 9, schreibt Romain David, unter dem Titel L'homme de Tautavel vieillit de 100 000 ans. Der Mensch von Tautavel altert um 100 000 Jahre, wer der Finder des Zahnes ist: le jeune homme tombe sur la dent. Von Camille weiß er, daß sie auch an der Entdeckung beteiligt war. Vielleicht wie Stéphane Hessel an der Erarbeitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte?

Bis ins Internet schafft es die Nachricht vom Finder nicht, da sind es "zwei junge Archäologen". Das ist der letzte Stand.

L'Indépendant ist allein der Fund wichtig: Site de la Caune de l'Arago : Un reste humain 100 000 ans plus vieux que l’Homme de Tautavel !

Ausgrabungsstätte Höhle von Arago: Ein Menschenrest, 100 000 Jahre älter als der Mensch von Tautavel! Das ist aber noch nicht genug der Geringschätzung. Unter dem Foto steht: Une découverte dont ne sont pas peu fières les petites mains qui contribuent régulièrement au fouilles sur le site. (Photo par D.R.)

Eine Entdeckung, über die die Zuarbeiter, die regelmäßig zu den Grabungen an der Stätte beitragen, nicht wenig stolz sind. Die Zuarbeiter, die "kleinen Hände", werden diese enthusiastischen Jugendlichen genannt, die da täglich in Schlamm und Geröll wühlen. Wahrscheinlich ist Romain David der Fotograf D.R., eben derjenige, der im Figaro weiß, wer den Zahn gefunden hat.

"Die 16-jährige Camille habe den Schneidezahn gemeinsam mit einem anderen freiwilligen Helfer gefunden," schreibt der FOCUS von dpa ab. Die Überschrift ist entsprechend: Wissenschaft.16-Jährige Französin findet 560 000 Jahre alten Zahn. Der FOCUS ist aber nur eines der Blätter, die von manchem auch liebevoll "Lügenpresse" genannt werden. Google News ergibt für tautavel zahn die herrlichsten Überschriften, die übereinstimmend mitteilen, daß die 16-jährige Schülerin Camille, eine "Hobby-Archäologin", diesen Schatz entdeckt hätte. DIE WELT titelt: "16-jährige Französin findet 560 000 Jahre alten Zahn." Die Meldung ist ein Zusammenschnitt der versammelten Märchenerzähler von dpa/AP/AFP/mak.

Die paar, die wie euronews nicht darauf insistieren, weil ihnen die Meldung nur einige Zeilen wert ist, schreiben von "Studenten". Es reicht aber für ein kurzes Video, in dem ein junges Mädchen bei der Ausgrabungsarbeit gezeigt wird. Das ist Camille.

SPON nennt die Namen zweier Entdecker, der junge Mann hält den Zahn in seiner Linken, im Text aber heißt es: "Eine 16-jährige französische Hobbyarchäologin hat gemeinsam mit einem Helfer einen rund 560.000 Jahre alten Zahn ausgegraben." Er zeigt also, höflicher und ernst dreinblickender Kavalier, den von Camille gefundenen Zahn; die lächelt dazu lieb. RP Online hält es nicht einmal für nötig, den Vornamen des jungen Mannes unter das Foto der beiden "Studenten" zu setzen. Der zählt nicht im Zeitalter des Gender Mainstreaming.

Im Tweet des Museums von Tautavel, wo die frohe Botschaft verkündet wird, erfährt man nicht, wer von den beiden Jugendlichen den Zahn entdeckt hat. Die Logik solcher Grabungen will es aber, daß es nur einer/eine von beiden sein kann.

Wie sieht es in den französischen Medien aus? Gemäß Le Monde haben beide den Zahn gefunden: "Zwei junge ehrenamtlich tätige französische Archäologen, Camille, 16 Jahre, und Valentin, in den 20ern, haben am Donnerstag, den 23. Juli, in Tautavel, in den Östlichen Pyrenäen, einen Zahn eines Erwachsenen entdeckt, der vor 550 000 Jahren gelebt hat."

Libération und die meisten anderen Medien nennen gar keinen Finder, da wurde "ein Zahn in Tautavel gefunden". L'Express zeigt das Foto der beiden Hobby-Archäologen, geht nicht ein auf den Finder, bringt aber ein zwei Minuten langes AFP-Vidéo, "Ein Zahn für die Geschichte", in dem Camille ausführlich interviewt wird. FranceTVInfo meint in einem seiner Beiträge, vom 28. Juli 2015, um 21:51 Uhr, daß beide, Camille und Valentin, den Zahn im Gesteinsschutt gefunden hätten. Um 12:06 Uhr desselben Tages, zehn Stunden früher, titelt FranceTVInfo den Artikel von Fabien Magnenou: Il trouve une dent vieille de 560 000 ans : "Je devrais peut-être jouer au Loto !" Er findet einen 560 000 Jahre alten Zahn: "Ich sollte vielleicht im Lotto spielen!" Der Archäologiestudent sei zum ersten Mal dabei und habe gleich "eine gute Hacke" gehabt, une bonne pioche.

"Es war letzten Donnerstag [23. Juli]. Ich kratzte in meinem Ausgrabungseck, während meine Kollegin, aus unserem Zweierteam, zur Pause war [sic!], erklärt er FranceTVInfo. Ich kratzte an einem kleinen Erdhügel, der viele Objekte enthielt, darunter recht große Tierreste: Ein Pferdeunterkiefer, ein Fußknöchel, bestimmt ein Horn vom Rhinozeros." Und dann plötzlich bemerkt er ein kleines herausragendes Endchen von Emaille. Ein Zahn, zweifelsohne. "Aber gut, Zähne, die findet man. Auswürfe von Hirschen beispielsweise. Bis dahin nichts Außergewöhnliches." Valentin und seine Teamkameradin Camille zeigen den Zahn Amélie Vialet, der Paläoanthropologin, die die Ausgrabung leitet. Sein Profil wird also seiner charakteristischen Krümmung wegen vom Computer untersucht. Die Probe wird anschließend ins Laboratorium geschickt. "In dem Augenblick gibt's große Aufregung," teilt der aus Metz stammende Student mit.

"C'était jeudi dernier [le 23 juillet]. Je grattais mon carré de fouilles pendant que ma binôme était en pause [sic!], explique-t-il à francetv info. Je grattais un monticule de terre avec beaucoup d'objets, dont des restes d'animaux assez gros : une mandibule de cheval, une cheville osseuse, sûrement une corne de rhinocéros..." Et puis soudain, il aperçoit un petit bout d'émail qui dépasse. Une dent, sans doute. "Mais bon, des dents, on en trouve. Des craches de cerf, par exemple. Jusque-là, rien d'exceptionnel." Valentin et sa binôme, Camille, vont alors présenter la dent à la paléo-anthropologue qui dirige la fouille, Amélie Vialet. Son profil est alors examiné par ordinateur, grâce à ses courbures caractéristiques. L'échantillon est ensuite envoyé au laboratoire. "A ce moment-là, il y a de l'excitation", confie l'étudiant, originaire de Metz.

In den englischsprachigen Medien sind die Finder zwei Studenten: French students find human tooth which is at least 550 000 years old, titelt The Independent.

Camille, die angebliche Finderin, ist gar nicht zugegen, als Valentin den Zahn findet.

Dies schildere ich so ausführlich, weil mir das symptomatisch erscheint für unsere Zeit, in der Jungen und Männer die letzten in der Reihe der Menschen sind, erst recht weiße Männer. Die Medien schrecken selbst bei einer, gemessen an der großen Politik, weniger bedeutenden Nachricht nicht davor zurück, ihrer Ideologie gemäß zu berichten. Die beiden Nachrichten von FranceTVInfo verdeutlichen es am besten: Eine Schülerin, die bei der Entdeckung des Zahnes in der Nähe ist, muß die Heldin sein, dem Entdecker werden seine Leistung und in den meisten Nachrichten sogar sein Name aberkannt: ein anderer freiwilliger Helfer.

Unsere Gesellschaft entmannt sich selbst.

Update

"French student finds tooth dating back 560,000 years." Angelique Chrisafis in Paris and Agence France-Presse, The Guardian, Tuesday 28 July 2015, 13.11 BST

Also, der Mann findet den Zahn während die Dame gerade Pause machte. Zahn hin, Zahn her - wie der Spiegel selbst mit Randmeldungen wie dieser versucht, die eigene Ideologie zu pushen, ist nur noch lächerlich.

"SPON Forum Wissenschaft. Frankreich: 16-Jährige findet 560.000 Jahre alten Menschenzahn." Kommentare # 36, #37, #38, #39, #43, #44, 28./29. Juli 2015, Seite 4/5

"Lesermail (maskulistische Analyse weist Sexismus deutscher Medien nach)." Genderama,
Blog von Arne Hoffmann, 29. Juli 2015

Der Artikel erschien zuerst in dem Blog von Gudrun Eussner.

 

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