Geschlechterdebatte

Studie „Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen. Entstehung und Einfluss von Feminismus und Maskulismus“

27. April 2015, von Thomas Mittelberger

Die Autoren Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners geben in ihrer Studie „Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen“ einen Überblick über den Einfluss, den Frauen und Männer in der Vergangenheit auf die Entwicklung der Geschlechterrollen nahmen bzw. den sie heute geltend machen.

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Grundgedanke der beiden Autoren ist, dass der heutige machtvolle, institutionalisierte Feminismus einseitig die Interessen eines kleinen Kreises ohnehin privilegierter Frauen auf Kosten der überwältigenden Bevölkerungsmehrheit vertritt und mit den Wellen der Frauenbewegung früherer Jahrzehnte nichts mehr zu tun hat.

In der Studie finden nicht nur wissenschaftliche Artikel, sondern auch populärwissenschaftliche Veröffentlichungen, Berichte in Magazinen und Tageszeitungen sowie Postings auf Blogs und in den Sozialen Medien Berücksichtigung.

Die Studie zeigt auf, dass es beim Feminismus verschiedene Strömungen gibt. Bedeutend ist u. A. der Differenzfeminismus, welcher auf der Wahrnehmung beruht, dass Frauen und Männer von Natur aus physisch und psychisch verschieden sind. Ideologisch vorherrschend ist jedoch seit den 1970er Jahren der so genannte Gleichheitsfeminismus, der annimmt, dass die Geschlechter nicht von Natur aus (sex = biologisches Geschlecht) unterschiedlich sind, sondern erst durch die Gesellschaft entstehen (gender = soziales Geschlecht). Das Geschlechterverhältnis wird als männlich dominiert beschrieben und die vorherrschende Rollenzuschreibung als fortgesetzte Praxis der Unterdrückung der Frau bzw. weiblich konnotierter Charaktermerkmale verstanden. Um diesen Zustand zu überwinden, wird ein ausgeglichenes Verhältnis der Repräsentanz der Geschlechter als Ziel gefordert (Gleichstellungspolitik). Diese Vorgehensweise ist leistungsentkoppelt, pauschal und ineffizient. Sie wird von den meisten Menschen abgelehnt, im Alltag belächelt, aber dennoch konsequent durchgedrückt.

Überdies zeitigt die entstandene, verbreitete Männerfeindlichkeit kuriose Erscheinungen: Handel und Vergnügungseinrichtungen bewerben „Damentage“, die Frauen ausschließlich und exklusiv an bestimmten Tagen Preisnachlässe einräumen, was wiederum eine Diskriminierung von Männern ist. „Gender Studies“ werden in Hochschulen für immer mehr Studienfächer zu Pflichtkursen. Als reguläres Studienfach werden sie längst angeboten, dort werden aber meist nur Frauenthemen besprochen. Ein „Gender-Institut“ in der norwegischen Hauptstadt Oslo, welches der Staat zuvor mit umgerechnet etwa 6,5 Mio. Euro jährlich finanziert hatte, wurde 2010 geschlossen, nachdem ein bekannter norwegischer Komiker in seiner Fernsehserie „Gehirnwäsche“ die unwissenschaftlichen und erkennbar ideologisch motivierten Antworten von MitarbeiterInnen des Instituts aufzeigte. Auch die Universitäten liefern immer neue Vorschläge für gendergerechte Sprache. Zuletzt sorgte die deutsche Linguistin Lann Hornscheidt für mediale Aufmerksamkeit. Auf ihrer Instituts-Webseite wird ersucht, „zweigendernde Ansprachen“ wie „Herr“ oder „Frau“ zu vermeiden und stattdessen eine neue Formulierung der Ansprache zu verwenden: „Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt“.

In New York wiederum wird Männern teilweise sogar vorgeschrieben, wie sie in der Öffentlichkeit sitzen sollen: mit geschlossenen Beinen, weil Frauen breites Sitzen als Provokation empfinden würden. Andererseits wird von feministischer Seite jede Verantwortung von Frauen für sexuelle Provokation durch Kleidung als Einschränkung der Freiheit abgelehnt. Manche US-amerikanische Unternehmen verbieten männlichen Mitarbeitern, allein mit einer Frau im Aufzug zu fahren, da es immer wieder zu Klagen wegen sexueller Belästigung im Fahrstuhl kommt. Und manche Gynäkologen zeichnen die Untersuchungen an ihren Patientinnen per Video auf, um die Möglichkeiten für allenfalls teure und aufwendige Klagen wegen sexueller Belästigung einzuschränken.

Die beiden Autoren weisen in der Studie auch auf weniger bekannte Aspekte hin. So wird die Annahme, dass Frauen grundsätzlich friedlicher seien als Männer entkräftet. Schon im Ersten Weltkrieg wurden alle Kriegsparteien sehr wohl auch von Frauen unterstützt, was auch heute noch der Fall ist. Es sind auch Aktionen dokumentiert, bei denen Frauen jene Männer, die nicht in den Krieg ziehen wollten, mit sozialer wie sexueller Verachtung bestraften. Absicht dieser Frauen war es, diese friedensorientierten Männer öffentlich zu diffamieren. Es ist auch bekannt, dass während des Zweiten Weltkrieges die von Frauen geführten Abteilungen der Konzentrationslager für die gefangenen Geschlechtsgenossinnen nicht minder grausam waren als die von Männern geführten. Bis heute wird diese Rolle von Frauen im feministisch geprägten Geschichtsbild kaschiert. Weibliche Täterschaft bleibt generell tabuisiert (vgl. van Creveld 2001, Klonovsky 2003).

Laut den Autoren der Studie gilt dies besonders für die geschlechtsspezifische Verteilung der Anwendung von Gewalt. Denn anders als zumeist angenommen, ist häusliche Gewalt auf TäterInnen- wie OpferInnenseite etwa gleich verteilt. Die Dunkelziffern sexuellen Missbrauchs von Frauen an Kindern, oft Müttern an ihren Söhnen, ist hoch, doch wird darüber kaum geforscht und geschrieben. Emotionaler Missbrauch ist als solcher noch immer kaum bewusst (vgl. Döge 2010).

Der Begriff „Maskulismus“ ist eine analoge Wortschöpfung zum Begriff „Feminismus“ und bezeichnet Theorien und Aktivitäten für eine konsequente Gleichberechtigung beider Geschlechter mit dem Fokus auf die Lebenslagen von Männern. Maskulistisch zu sein bedeutet, sich antisexistisch zu orientieren. VertreterInnen des Maskulismus sind bestrebt, die mittlerweile beengende Konzentration des Feminismus auf die Belange von (ohnehin privilegierten) Frauen aus höheren Schichten zu beenden und das Geschlechterverhältnis zu einem neuen Gefüge zu erweitern. Auch hier gibt es radikale Strömungen, die aber auf Seiten der Frauenbewegung zu finden sind. MaskulistInnen ziehen, so Bauer-Jelinek und Meiners, wesentliche Erfolge der Frauenbewegungen – wie das Wahlrecht, das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit oder die Gleichberechtigung in der Familie – keineswegs in Zweifel, auch weil diese Errungenschaften ihren eigenen Grundwerten entsprechen.

MaskulistInnen organisieren sich zunehmend. So in Vereinen wie den geschlechterpolitischen Initiativen Manndat e. V., Agens e. V. und freimann e. V. mit Sitz in Graz oder der Männerpartei Österreichs. Gründe für maskulistisches – und somit gesellschaftspolitisches – Engagement im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit sind einerseits Erfahrungen konkreter Benachteiligungen der eigenen Person (oder von Gruppen) aufgrund des Geschlechts und anderseits der Wunsch nach Gerechtigkeit. Die beiden Autoren kritisieren, dass bis dato keine quantitativen wie qualitativen Untersuchungen über die Motive und Werte sowie Repräsentanzen von MaskulistInnen existieren.

Die Strömungen der gegenwärtigen Männerrechtsbewegung sind deutlich weniger ausgeprägt als jene der historischen Frauenbewegung oder des Feminismus. Beide sind deutlich älter und haben daher in der Vergangenheit bereits intensivere innere Auseinandersetzungen und Ausdifferenzierungen erlebt.

Frauen und Männer, die dem Feminismus kritisch-distanziert gegenüberstehen, argumentieren, dass Frauen in vielen westlichen Gesellschaften längst vollkommen gleichberechtigt und in manchen Bereichen sogar bevorzugt sind. So sind Frauen in Österreich beispielsweise nicht verpflichtet, Wehr- bzw. Zivildienst zu leisten und haben – trotz deutlich höherer Lebenserwartung – ein früheres Pensionsantrittsalter (in Österreich: Frauen mit 60 Jahren, Männer mit 65). Und das, obwohl sie aufgrund ihrer geringeren Arbeitsleistungen, Qualifikationen und Einkommen weit weniger in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen. Während Probleme von Frauen, die Geschlechterlohnlücke, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Karrierehindernisse, öffentlich präsent sind, werden jene der Männer nicht annähernd gleich thematisiert. Dazu gehören unter anderem die um sechs Jahre geringere Lebenserwartung, häufigere, frühere und schwerere Erkrankungen sowie Unfälle, die höhere Betroffenheit von Arbeits- und Obdachlosigkeit, die soziale Deklassierung, Isolation und Vereinsamung, die zahlreicheren Fälle von Alkohol- und Drogenproblemen und die größere Anzahl an Gefängnisaufenthalten sowie Selbstmorde, kurzum: Auf den Schattenseiten westlicher Gesellschaften sind Männer fast unter sich.

In der öffentlichen Berichterstattung werden Frauen zumeist als Opfer dargestellt, während Männer (wieder) vermehrt als „Täter“ präsentiert und als Feindbild aufgebaut werden: Es wird ihnen die Alleinverantwortung für alle Übel der Welt zugeschrieben, die herrschende Gesellschaftsstruktur, Kriege, Armut, Gewalt, Umweltzerstörung und die aktuelle Wirtschaftskrise. „Weibliche“ Eigenschaften oder Frauen sind somit positiv konnotiert (z. B. soziale Kompetenz, Kommunikation, Empathie), im Gegensatz dazu sind „männliche“ Werte negativ besetzt (z. B. Konkurrenz- und Risikobereitschaft, Mut, Schaffenskraft, Überzeugungskraft, Durchsetzungsfähigkeit).

Männnerrechtler kritisieren Diskriminierungen männlicher Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen: Mädchen erhalten für schlechtere Leistungen bessere schulische Beurteilungen. Männer werden bei Jobsuche und Beförderungen zunehmend benachteiligt (vgl. Schoppe 2013). Ein in der Öffentlichkeit sehr präsentes Thema ist die Benachteiligung von Männern beim Sorgerecht. Bei der Strafverfolgung erhalten Männer für ähnliche Vergehen härtere Urteile (vgl. Klonovsky 2008).

Der Kommentar von Christine Bauer-Jelinek am Schluss der Studie resümiert, dass die Geschlechterpolitik der letzten Jahrzehnte zu einem Paradox führte: Einerseits haben die westlichen Länder unter dem Druck des demografischen Wandels (Alterung der Gesellschaft) ein vitales Interesse die Geburtenrate zu steigern, andererseits werden Kinder zunehmend als Belastung und Karrierehindernis gesehen. Mit Äußerungen, die nicht dem Mainstream entsprechen, läuft man Gefahr, als „rechts“ abgestempelt und sozial ausgeschlossen zu werden. Ein sachlicher und offener Diskurs über das Geschlechterverhältnis findet (noch) nicht statt.

Von denselben Personen wird einmal die Gleichheit, dann wiederum die Verschiedenheit der Geschlechter als Begründung für Maßnahmen zur Unterstützung von Frauen angeführt. Einmal können Frauen alles besser als Männer (Männer sind destruktiv, Frauen sind konstruktiv, das bessere Geschlecht), ein anderes Mal müssen sie besonders geschützt und gefördert werden (als Ausgleich für ihre Unterdrückung im Patriarchat).

Weitgehend unerforscht und in den Medien kaum kommuniziert ist zudem der Umstand, dass in Doppelverdiener-Haushalten externe Hilfskräfte beschäftigt werden, von der Reinigungskraft über die Kinderbetreuung bis zur Nachhilfe. Auf diese Weise entsteht ein nichtquantifizierter und nicht thematisierter Bereich zwischen Schwarzarbeit und Prekariat, in dem vor allem Frauen mit Migrationshintergrund arbeiten. Die steigende Erwerbstätigkeit von hoch qualifizierten Frauen erzeugt somit gleichzeitig einen problematischen Arbeitsmarkt für geringqualifizierte Frauen.

Die bisherige Geschlechterpolitik führte dazu, dass die Regelungen beiden Geschlechtern nicht das angestrebte Mehr an Freiheit und Lebensqualität gebracht hat. Das von der Politik propagierte Halbe-Halbe-Prinzip, also Erwerbsarbeit und Familienarbeit(Care) jeweils „50:50“ zwischen den Partnern aufzuteilen, ist in der Praxis sukzessive zu einem „100:100“ mutiert.

Das eigentliche soziale Problem sei die Schere zwischen Arm und Reich. Sie erzeugt eine wesentlich größere Spaltung und Gefährdung des sozialen Friedens als die Geschlechterfrage. Die Geschlechterfrage eignet sich jedoch aufgrund genau dieser „Ungefährlichkeit“ für das System und die breite Konsensfähigkeit sehr gut dazu, die soziale Frage aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen. Die großen Herausforderungen unserer Zeit verlaufen daher nicht in erster Linie entlang der Geschlechtergrenzen, sondern entlang der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich.

Anja Langlois beschreibt in ihrem 2014 erschienenen Buch „Die missverstandene Emanzipation“ sehr gut zahlreiche Denkfehler bzw. unlogische und normativ anfechtbare Einseitigkeiten, welche sich die heutige Frauenbewegung nachsagen lassen muss. So wird immer wieder die unterschiedliche Erziehung von Jungen und Mädchen samt einer vermeintlich daraus resultierenden Benachteiligung der Mädchen thematisiert, allerdings ohne die dafür in Kindergärten, Grundschulen, aber auch in Familien (noch immer) Hauptverantwortlichen beim Namen zu nennen: Frauen.

Die Studie von Christine Bauer-Jelinek (Projektleiterin) und Johannes Meiners (Mitverfasser von Teil I) bietet einen guten Überblick über dieses weitläufige, sehr komplexe Thema. Am Ende der Studie befindet sich überdies ein sehr ausführlicher und interessanter Serviceteil. Dort werden zahlreiche Webseiten, Blogs und Vereine kurz beschrieben, sowie weiterführende Literatur angegeben. Wie die beiden Autoren in der Einleitung erwähnen, erheben sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit und möchten vielmehr auf bisher wenig beachtete Aspekte der Geschlechterdiskussion hinweisen und Anregungen für weitere Untersuchungen liefern. Eine sachliche Diskussion und genauere Differenzierung wäre für den Geschlechterdiskurs sehr von Nutzen.

STUDIE
Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen
Entstehung und Einfluss von Feminismus und Maskulismus
Autoren: Johannes Meiners, Christine Bauer-Jelinek
Auftraggeber: Club of Vienna, 2015
Fördergeber: Wien Kultur

 

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