Geschlechterdebatte

„Endlich ein Mann“

27. März 2015, von Prof. Walter Hollstein

In Bremen fehlen (männliche) Lehrer. Dort sind nur noch knapp zehn Prozent der Lehrenden an Grundschulen männlichen Geschlechts. Das wäre nun nicht unbedingt einer Meldung wert; denn in der westlichen Welt fehlen überall Lehrer.

FehlenderLehrer myxs3428In Nancy ebenso wie in Birmingham, in Frankfurt, Bologna, Kopenhagen und selbstredend auch in Basel. Im deutschen Stadtstaat Bremen tut man aber etwas gegen diese Mangelerscheinung mit bösen Folgen. Dort hat man das Projekt „Rent a Teacherman“ begründet.

In  Zusammenarbeit zwischen der Universität und der Schulverwaltung werden männliche Pädagogik-Studenten an Schulen „ausgeliehen“, die derzeit „männerfrei“ sind. Dabei kommt es zu Episoden, die ebenso amüsant wie symptomatisch sind: So berichtet ein Student, dass ihn die Rektorin bei seinem Arbeitsbeginn durch die Schule geführt und ihm die Räumlichkeiten erklärt habe. Dabei sei er von erstaunten Buben angesprochen worden: „Was machst du denn hier?“ Daraufhin habe er erzählt, dass er demnächst als Lehrer bei ihnen sei. Als Reaktion der Stossseufzer der Buben: „Oh, endlich mal ein Mann!“

Jungen wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf. Sie werden mit weiblichen Werten, Erziehungszielen, Verhaltensmustern, Erwartungen und Anpassungsforderungen zugeschüttet; aber sie sind angehende Männer, möchten und müssen wissen, was denn nun eigentlich ein Mann konkret ist, was Männlichkeit bedeutet und wie sie gelebt werden kann. Statt solches konstruktiv zu erfahren, stossen sie ständig an weibliche Verhaltensmuster und Grenzsetzungen. In ihrer Motorik drücken sie dann häufig ihren Widerstand gegen die Erziehungseinrichtungen als weibliche Bastionen aus. Die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers hat das sarkastisch kommentiert, indem sie darauf hinwies, dass Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute in der Frauen-Schule sicher Ritalin verordnet bekämen, um ruhig gestellt zu werden. 

Der Ärztereport der deutschen Krankenversicherung Barmer GEK konstatiert aufgrund eines Datensatzes, der acht Millionen Kinder erfasst hat, dass eine „Generation ADHS“ (Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen) heranwachse. Zwischen 2006 und 2011 sind ADHS-Diagnosen unter 0-19 Jährigen um 42% gestiegen – in allen Altersgruppen sogar um 49%. Verordnungen von Methylphenidat („Ritalin“) nahmen im gleichen Zeitraum um 35% in dieser Altersgruppe zu. Besonders auffällig ist, dass von den 620.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen 76% Jungen sind. Nach Berichten aus dem Kanton Zürich dürfte das auf die Schweiz problemlos übertragbar zu sein.

In England hat man schon in den späten sechziger Jahren festgestellt, dass die Unruhe der Buben mit dem Anteil von Lehrerinnen wächst und mit jenem von männlichen Lehrern sinkt. Der starke Bewegungsdrang von Jungen – aus den Unterschichten stärker als aus den Mittelschichten – sei ein Protest gegen die „feminisierte Schule“. Die deutschen Wissenschaftler Heike Diefenbach und Michael Klein haben in einer sehr aufwändigen Untersuchung herausgefunden, dass die Leistungsstärke der Buben sinkt, wenn sie von vielen Frauen unterrichtet werden und wächst, wenn der Anteil männlicher Lehrer steigt. Diese Arbeit, die zum ersten mal 2002 in der „Zeitschrift für Pädagogik“ erschienen ist, ist bis heute unwiderlegt. Feministinnen haben dagegen polemisiert. Das sei Sexismus. Frauen würden nicht schlechter unterrichten als Männer. Das allerdings haben Diefenbach und Klein an keiner Stelle behauptet. Es geht vielmehr darum, dass Männer einen Lehrstil praktizieren, der Buben entgegen kommt, sie deutlich mehr interessiert und motiviert.

Endlich ein Mann No 2

Eine bekannte TV-Moderatorin hat mir unlängst erzählt, dass ihr dreizehnjähriger Sohn „plötzlich“ gute Noten von der Schule nach Hause brächte. Jahrelang sei er ein Problemkind gewesen, sei ungern in die Schule gegangen und  habe „null Bock“ gehabt.  Nun, da er einen Lehrer habe, sei das alles anders; zuvor sei er all die Jahre von Lehrerinnen unterrichtet worden. Ob ich ihr das erklären könne. Konnte ich. (Männliche) Lehrer sind in der Lage, Buben besser zu motivieren als (weibliche) Lehrerinnen. Darauf habe ich bereits das letzte Mal hingewiesen (BAZ 30.1.). Grosse empirische Untersuchungen bestätigen das.

Die Situation der Buben insgesamt ist seit längerem alarmierend. Der Hamburger Lehrer Frank Beuster spricht inzwischen schon von einer Jungenkatastrophe. Buben werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt, müssen häufiger eine Klasse wiederholen, sind an „unterwertigen“ Schulen und Sonderschulen überrepräsentiert, während sie an Gymnasien unterrepräsentiert sind, und sie erreichen deutlich seltener eine Matura. Vielfach müssen sie auch bessere Leistungen erbringen, um an eine weiterführende Schule zu gelangen.

Gesellschaftlich benannt werden aber nur Probleme, die Mädchen betreffen. Anlässlich der soeben publizierten Bildungsstudie der OECD wirft beispielsweise der Deutsche Philologenverband der OECD Engstirnigkeit vor. So spielten die Defizite vieler Jungen im sprachlichen Bereich lediglich eine Randrolle, während Probleme der Mädchen mit der Mathematik aufgebauscht würden. Dementsprechend haben die Medien auch bei uns  berichtet; die Bubenseite war – wieder einmal – ausgeblendet.

Das Problem geht aber über die Schule hinaus: Gewalt und Ausschreitungen von Jungen haben signifikant zugenommen, psychische und psychosomatische Störungen sind bei Jungen achtmal häufiger als bei Mädchen, der Anteil von Jungen in Förderschulen beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen, Alkohol- und Drogenprobleme von Buben nehmen dramatisch zu, die zweithäufigste Todesursache von Buben ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens achtmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter.

Statt die Probleme der Buben anzunehmen und deren Ursachen zu ergründen, werden sie negiert, verniedlicht oder „frauenspezifisch“ beantwortet. So empfiehlt die Sozialwissenschaftlerin Anita Heiliger allen Ernstes, dass alles besser würde, wenn Buben nur lernten, „die Bedürfnisse und Interessen von Mädchen zu erfragen“. Damit steht sie nicht allein. Da Buben in der frauendominierten Schule nun einmal als Störfaktor ausgemacht worden sind, ist die Lösung, dass sie sich am Verhalten der Lehrerinnen und Mitschülerinnen anpassen sollen. Das aber führt bei den Buben – eigentlich auch nur logisch – zu noch mehr Unruhe, Unlust und Unmut.

Den richtigen Weg zeigt eine österreichische Studie. Forscher der Universität Innsbruck haben belegt, dass der Einsatz von Männern im Vorschulbereich (Kindergärten) das Verhalten der Buben positiv beeinflusst. Die Jungen zeigten sich im Unterricht interessierter, kooperativer, aktiver und leistungsstärker. Statistisch signifikante Unterschiede zu Pädagoginnen gab es in den Bereichen „Interesse an Kommunikation und affektivem Austausch“, „Freude an Körperkontakt“ und „Streben nach Aufmerksamkeit“.

Befürchtungen, dass der Einsatz von mehr männlichen Kindergartenpädagogen zu einer Verfestigung oder Wiederaufrichtung konventioneller männlicher Geschlechterrollenklischees beitragen könnte, weisen die Autoren zurück: Das scheine „einer durch nichts belegbaren genderideologischen Voreingenommenheit zu entspringen.“

Der Artikel erschien zuerst in Basler Zeitung 30.1. und 27.3. 2015

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Kommentare   

0 # RE: „Endlich ein Mann“Luftgitarre 2015-03-29 13:33
"Jungen wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf."

Mädchen auch.
Antworten
0 # Jungen und ADHSTom T 2015-03-29 14:40
Die ADHS-Problematik habe ich hier zusammengefasst: http://agensev.de/aktionen/adhs-krankheit-oder-kulturdefizit

Ich möchte einige Sachen ergänzend unterstreichen:

1. mindestens 40% (Einzelne Sozialarbeiter berichten von 80%) der mit ADHS diagnostizierten Kinder sind Trennungskinder
Das heißt: sie haben auch zuhause kein männliches Vorbild (90% der Trennungskinder leben bei ihrer Mutter)

2. mit ADHS diagnostiziert wird im Verhältnis 1:4 Mädchen:Jungen, medikamentiert 3:1.

3. die Behandlung dieser "Krankheit" mit Ritalin u. ä. beraubt den Kindern wichtige Selbsterfahrung und Lernerfahrungen, z. B. Erlernen von Frustrationstoleranz

Man könnte daraus den Schluss ziehen:
Wer als Junge nicht dem feministischen Diktat gehorsam folgt, der wird charaktermanipulierend gedopt.
Antworten
Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Reaktionäre?

08. März 2015, von Prof. Günter Buchholz
“Der Klimawandel? Erfunden. Die Evolution? Eine Lüge. Gleichberechtigung von Mann und Frau? Emanzen-Quatsch. Reaktionäre ignorieren alle Fakten. Applaus ist ihnen dennoch sicher”, so Georg Diez in einem Artikel auf Spiegel Online.
Sehr geehrter Herr Diez,wenn Sie schon Leute mit anderer Auffassung meinen zusammenstauchen und als angebliche Reaktionäre...

Geschlechterdebatte

Cuncti-Dossier „Jung & Männlich“

13. Oktober 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Die Situation junger Männer in Deutschland wird immer prekärer.
21,6 Prozent weniger Männer als Frauen erwerben die Zugangsberechtigung zum Studium. 63,7 Prozent mehr junge Männer als junge Frauen sind arbeitslos (Jungen- und Männer-Genderindex).
 

Geschlechterdebatte

Diversity kann letztlich nur Individualität bedeuten

10. 08. 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Diversity soll Vielfalt bedeuten. Doch die bestehenden Diversity-Programme orientieren sich nicht an der Vielfalt von Individuen, sondern an der von Kollektiven.
In immer mehr Unternehmen und Organisationen werden Diversity-Programme eingeführt. Beispielsweise bei der Deutschen Bahn AG. In einem Interview für das Portal ATKearney361Grad gibt Annette Gräfin von...

Gesellschaft

Inkompetenz bewahrt vor Zweifel

Wer inkompetent ist, merkt nichts (mehr).
Von Michael Klein   28. April 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Warum fehlt manchen Menschen die Einsicht, dass die Positionen, die sie vertreten, nicht haltbar sind? Warum behaupten Politiker vollmundig Dinge, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben oder sogar wissen, dass sie falsch sind? Warum beforschen Wissenschaftler weiterhin...

Geschlechterdebatte

Grüne Staatsrätin fordert: „Schluss mit der Umerziehung von Frauen und Männern!“

21. Mai 2012, von Arne Hoffmann
"Wir müssen die Geschlechterfrage neu denken!" verkündet das Backcover von Gisela Erlers jüngst erschienenem Buch Schluss mit der Umerziehung!: Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern.

Weiter heißt es dort: "Warum sind Frauen in Spitzenpositionen so spärlich vertreten? Warum sind Jungen so häufig Bildungsverlierer? Es sind unterschiedliche Anreize, die beide...

Geschlechterdebatte

Gleichberechtigung durch Bevorzugung? Das Professorinnenprogramm ist ein eklatanter Bruch mit dem Grundgesetz

10. Januar 2013, von Michael Klein, zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Eckhard Kuhla, erster Vorsitzender von Agens e.V., kommt das Verdienst zu, im European auf das Professorinnenprogramm aufmerksam gemacht zu haben, das seit 2007 und “fast unbemerkt von der Öffentlichkeit” vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Kultusministerien der Ländern konspirativ betrieben wird. 
Ziel...

Geschlechterdebatte

Buchvorstellung: „Verwundbar sind wir und ungestüm. Erzählungen aus der unsichtbaren Welt der Männer"

02. Dezember 2014, von Arne Hoffmann
Vor einigen Wochen zitierte die Wochenzeitung "Die Zeit" den verstorbenen Väterrechtler Dietmar Nikolai Webel mit der Einschätzung, es entstehe seit einiger Zeit eine ähnlich starke Welle von Literatur über die Benachteiligungen von Männern, wie es sie in den siebziger Jahren zum Frauenthema gegeben hatte – und so wie damals fast nur in kleinsten Verlagen...

Geschlechterdebatte

Sprache als Gesinnungstest

15. Juni 2013, von Lucas Schoppe
Auf den Text über die "geschlechtergerechte Sprache", den ich hier veröffentlicht hatte, bin ich noch mehrmals angesprochen worden. Schon in den Kommentaren hatte Matthias Mala ja darauf hingewiesen, dass es Universitäten gibt, an denen diese Sprache verbindlich ist. Meine eigene Ex-Universität in Göttingen gehört dazu.
Gewiss wird es immer noch im Ermessen von...

Geschlechterdebatte

Ein offener Brief an alle Männer, Väter und Jungs zu Weihnachten

15. Dezember 2014, von Tom Todd
Liebe Männer, Väter und Jungs,gerade in der Weihnachtszeit, in der die Familie, die Liebe und gefühlsbetont der Zusammenhalt der Menschheit hochgehalten werden, schwappen die Wogen der Enttäuschung und Verbitterung verstärkt an die Oberfläche.
Gerade jetzt vielleicht verhärten sich noch mehr die Gefühle und Meinungen, die uns Männern dazu verleiten, hart ins...

Geschlechterdebatte

Gleichstellungspolitik und mediale Aushöhlung des Grundgesetzes

22. Mai 2014, von Prof. Günter Buchholz
In der ARD wurde am 21. Mai 2014 ein Film über Elisabeth Selbert gezeigt, die sogenannte „Mutter der Gleichstellung“. Im Anschluss daran wurde über die Situation von Frauen in der Sendung PlusMinus diskutiert. Auf der Internet-Seite der ARD findet man auch eine Galerie mit Kommentaren zur Frauenquote. Auch von mir wurde dort ein Kommentar veröffentlicht.
Propaganda...

Geschlechterdebatte

Diskriminierte Männer klagen an

11. Januar 2017, von Eckhard Kuhla
Diskriminierte Männer reichen Klagen ein, Gerichte bestätigen Verfassungswidrigkeit von Frauenförderung, betroffene Verwaltungen betreiben Schadenbegrenzung, eine ungewöhnliche aber überfällige Geschichte – nach fast 20 Jahren Gleichstellungspolitik in Deutschland.
Es ist wohl so, Ideologien verlieren ihre „Strahlekraft“, wenn sie politisch überziehen. Hier geht es...

Geschlechterdebatte

Fachhochschule Nürnberg: Redefreiheit für Monika Ebeling durchgesetzt

Die Forderung nach Verbot eines Vortrags über Männerdiskriminierung mündet in eine konstruktive Debatte.
Von Arne Hoffmann, 3. Mai 2012

Der AstA der Nürnberger Georg-Simon-Ohm-Hochschule ließ die Alarmsirenen schrillen. "Schockiert" habe man dort erfahren, heißt es in seinem auch online gestellten offenen Brief, dass die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling an der Fakultät der...