Geschlechterdebatte

Diversity kann letztlich nur Individualität bedeuten

10. 08. 2014, von Dr. Alexander Ulfig

Diversity soll Vielfalt bedeuten. Doch die bestehenden Diversity-Programme orientieren sich nicht an der Vielfalt von Individuen, sondern an der von Kollektiven.

Diversity

In immer mehr Unternehmen und Organisationen werden Diversity-Programme eingeführt. Beispielsweise bei der Deutschen Bahn AG. In einem Interview für das Portal ATKearney361Grad gibt Annette Gräfin von Wedel, Leiterin der Abteilung Diversity Management, Auskunft über das Diversity-Programm des genannten Unternehmens.

Unter Diversity versteht sie die Vielfalt von Gruppen. Zu den Gruppen gehören Frauen und Männer, Junge und Alte sowie Menschen „unterschiedlicher Herkunft“ bzw. „unterschiedlicher Kulturen“. Einige dieser Gruppen sollen besonders gefördert werden, ohne dass Gräfin von Wedel dafür einen Grund geben würde. „Konkret haben wir das Ziel, den Frauenanteil bis 2015 auf 25 Prozent insgesamt und auf 20 Prozent in Führungspositionen zu erhöhen.“ (Auch wenn man Diversity als Vielfalt von Gruppen auffasst, sehen wir anhand dieser Äußerung, dass Diversity in erster Linie Frauenförderung und Frauenbevorzugung bedeutet, also das Gegenteil von Vielfalt.)

In Diversity-Programmen, wie dem der Deutschen Bahn AG, werden Menschen nach ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilt. Diversity-Programme gehen von einer kollektivistischen Sichtweise aus: Vielfalt bedeutet Vielfalt von Gruppen, in Analogie zur Vielfalt von Arten in der Biologie.

In einer individualistischen Gesellschaft kann Vielfalt jedoch nur die Vielfalt von Individuen bedeuten. Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder hat seine je eigenen Bedürfnisse, Interessen, Präferenzen, Pläne und Lebensentwürfe. Jeder besitzt seine je eigenen Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen. Jeder besitzt seine je eigenen sexuellen Präferenzen. Insofern schließt die Vielfalt von Individuen die Vielfalt von sexuellen Orientierungen ein.

Vor der Einführung von Diversity-Programmen und vor der Einführung des Programms Gender Mainstreaming gab es bereits Diversity, nämlich die Vielfalt von Individuen, mit anderen Worten: Diversity als Individualität. Damals wurden Menschen als Individuen gefördert. Damals wurden Menschen in Bewerbungsverfahren als Individuen und nach ihren individuellen Qualifikationen beurteilt. Das bestqualifizierte Individuum sollte die entsprechenden Arbeitsstellen erhalten, und zwar unabhängig von seiner Gruppenzugehörigkeit. Das entsprach dem Grundgesetz, nach dem Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit weder benachteiligt noch bevorzugt werden sollen (vgl. Artikel 3 des Grundgesetzes). Insofern herrschte vor der Einführung von Diversity-Programmen eine viel größere Vielfalt als nach ihrer Einführung. Diversity als ein kollektivistisches Denkmuster ist ein Rückfall hinter den Individualismus, genauer: hinter die durch den Individualismus erreichten Errungenschaften.

Natürlich kann hier der Einwand erhoben werden, dass das oben dargestellte Ideal oft nicht eingehalten wurde, dass Arbeitsstellen in vielen Fällen nicht nach dem Prinzip der Bestenauslese vergeben wurden. Doch das Verletzen eines Prinzips spricht nicht gegen die Gültigkeit dieses Prinzips. Der Kritiker der Diversity-Ideologie Prof. Günter Buchholz hat in einem Interview für das Magazin NovoArgumente auf die Frage des Redakteurs „Ihre Forderung lautet: Qualifikation statt Quote. Damit wollen Sie erreichen, dass das am besten qualifizierte Individuum die Anstellung erhält. Wie wollen sie das bewerkstelligen? Ist dies nicht ein wenig realitätsfremd? Spielen bei der Vergabe von Arbeitsstellen nicht immer auch leistungsfremde Kriterien eine Rolle?„ folgende Antwort gegeben:

„Das Prinzip der Bestenauslese ist gesellschaftlich ebenso wünschenswert und sinnvoll wie das Prinzip der Vermeidung von Korruption. Kann und soll man aber, nur weil Korruption faktisch stattfindet, schon das Prinzip aufgeben, und somit, nur weil man nicht realitätsfremd sein möchte, zu allgemeiner Korruption übergehen? Nein. Dasselbe gilt – entgegen feministischer Empfehlungen – für die Bestenauslese (und damit zugleich für das Leistungsprinzip). Wenn gegen dieses Prinzip verstoßen wird, kann dadurch nicht der Übergang zu irgendwelchen Willkür- oder Proporzentscheidungen gerechtfertigt werden.“

Abschließend bleibt noch die Frage, wem Diversity im Sinne einer Vielfalt von Gruppen nützt. Wie das obige Zitat von Gräfin von Wedel zeigt, geht es bei Diversity um die Erhöhung des Frauenanteils im Management, insbesondere im höheren Management (Stichwort „Führungspositionen“), und zwar unabhängig davon, ob die in Frage kommenden Frauen besser qualifiziert sind als ihre männlichen Mitbewerber. Demnach sollen unter dem Deckmantel der Diversity Frauen bevorzugt behandelt werden. Prof. Günter Buchholz in einem Kommentar zu dem Interview mit Gräfin von Wedel:

„Es geht in Wahrheit darum, einer bestimmten Klientel, die unter den profitgesteuerten Personalauswahlprozessen eher nicht zum Zuge kommen, Sondervorteile außerhalb der normalen Konkurrenz zu verschaffen und zugleich alle anderen, die die damit verbundenen Nachteile tragen müssen, eben darüber zu täuschen ...“.

Von Diversity profitieren außerdem diejenigen, die sich die Diversity-Programme ausdenken, sie in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft umsetzen und betreuen. Dies betrifft vor allem die Bereiche Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Der Publizist Kevin Fuchs macht darauf aufmerksam, dass Diversity-Programme auf den bereits bestehenden Strukturen und Netzwerken der Gleichstellungsbürokratie aufbauen:

„Ein vordergründig neues, modernes Konzept soll auf Grundlage alter Gesetze, alten Personals und alter Strukturen umgesetzt werden. Letztlich handelt es sich hier nur um eine Reinkarnation der langgewohnten, stupiden Frauenpolitik.“

Die Politik der Diversity kann als eine Lobby- und Klientelpolitik für eine bestimmte Gruppe von Frauen aufgefasst werden. Bereits privilegierte Frauen werden weiter privilegiert. Sie möchten ihre Privilegien um jeden Preis aufrechterhalten und sichern. Die Politik der Diversity stabilisiert die bereits bestehenden Strukturen und Netzwerke der Gleichstellungsbürokratie und begünstigt die Bildung neuer.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Petition zur Förderung von Jungen - Das Potential von Jungen begreifen

Petition an Manuela Schwesig 30. November 2014, von Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs
Liebe Unterstützer/innen, wir bedanken uns recht herzlich für eure Unterstützung zur Jungenförderpetition im Bildungsbereich.
Eine ehrliche und effektive geschlechterspezifische Bildungsförderung muss beide Geschlechter und damit auch Jungen im Blick haben, denn auch Jungen sind Kinder und...

Geschlechterdebatte

Mein Leserbrief an die Zeit

10. Oktober 2014, von Dr. Andreas Kraußer
Sehr geehrte Frau Niejahr,
ich möchte in meiner Funktion als Erster Vorsitzender von MANNdat e.V. auf Ihre Berichterstattung zur Frauenquote (Ausgabe Nr. 42 v. 9.10.14) Stellung beziehen.
Zunächst sei darauf hingewiesen, dass in Publikationen von MANNdat nicht wie in Ihrem Artikel suggeriert von Schreckschrauben, die keinen abbekommen oder Familien...

Geschlechterdebatte

Gender Mainstreaming. Der Zahn der Zeit

02. August 2015, von Gudrun Eussner
Gestern schickt mir ein Freund den Link zu einem Artikel im FOCUS. Ein 560 000 Jahre alter Zahn ist gefunden worden, geschätzte 100 000 Jahre älter als der 1971 gefundene "Mensch von Tautavel", in der "Höhle von Arago", nahe Tautavel, bei Perpignan. Selbstverständlich steht darüber schon ein Artikel im Lokalblatt L'Indépendant, und so weiß ich das längst. Wer...

Geschlechterdebatte

Frauenpolitik und Karrierismus

Oder: Wie die Linken auf ihre Ideale verzichten 16. August 2015, von Dr. Alexander Ulfig
Früher haben große Teile der Linken Karriere abgelehnt. Sie wurde als Ausdruck der Entfremdung angesehen und galt als Inbegriff von Geldgier, hierarchischen Strukturen, Konkurrenz und Ellenbogenmentalität, kurz: als Inbegriff des falschen Lebens.
Seit geraumer Zeit beobachten wir eine Rehabilitierung des...

Geschlechterdebatte

Was hat das Deutschlandradio eigentlich gegen Menschenrechte?

31. Mai 2015, von Lucas Schoppe
Die Situation deutscher Mütter ist – von der breiten Öffentlichkeit wie üblich unbemerkt – unerträglich geworden. „Unverheiratete Mütter und ihre Kinder geraten (…) in eine noch nie da gewesene Situation des Ausgeliefertseins an den Kindesvater.“
Durch gesetzlichen Zwang sieht sich die unschuldige Mutter der Willkür eines missgünstigen Vaters ausgesetzt, der sich zwar – wir...

Geschlechterdebatte

Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Frauenquote?

01. Dezember 2014, von Prof. Günter Buchholz
Die Frauenquote ist schwach legitimiert, und das merken auch Feministinnen. Sie wiederholen fortwährend Standardformeln, die bei oberflächlicher Kenntnisnahme plausibel wirken mögen, hauptsächlich, wie in der Werbung, durch häufige Wiederholung auf allen medialen Kanälen, aber sie halten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Also wird diese Kritik...

Geschlechterdebatte

Infopaket zur Gleichstellungspolitik

04. März 2014
In den Leitmedien herrscht eine sehr einseitige Berichterstattung zur Gleichstellungspolitik: Die Gleichstellungspolitik wird dort meist unkritisch propagiert, wobei unbegründete und falsche Informationen verbreitet werden.
Das betrifft beispielsweise die längst als falsch erwiesene Behauptung von einem 23 %igen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sowie die Mär von der...

Geschlechterdebatte

Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten - Wunsch und Wirklichkeit

03. Oktober 2013, von Manfred Datlar
Die Studie "DER MANN 2013: Arbeits- und Lebenswelten - Wunsch und Wirklichkeit" (in der Presse kurz und plakativ "Wie tickt der Mann?" bezeichnet) beschäftigt sich mit dem Thema Gleichberechtigung. Natürlich in erster Linie aus Sicht der Frau.
Immerhin wurde diese Studie im Auftrag von Bild der Frau angefertigt. Bemerkenswert für MANNdat ist, dass immerhin...

Politik

Wie der Liberalismus eine Zukunft hat

Vom Liberalismus des Besitzbürgers zum Liberalismus des Staatsbürgers. Eine Denkschrift 10. 08. 2014, von Prof. Günter Buchholz
Das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag, das in den Medien mit viel Spott und Häme kommentiert wurde, legt den Gedanken nahe, dass der Liberalismus in Deutschland tot sei.
Allerdings ist die FDP noch in einigen Bundesländern in den Parlamenten vertreten, und sie mag...

Geschlechterdebatte

Apartheid 2.0: Der Friedhof der Lesben

02. April 2014, von Hadmut Danisch
Ich dachte ja erst, es wär ein Aprilscherz.
Heute morgen seh ich am Straßenrand eine Zeitungsverkäuferin mit der BZ, das lokale Berliner Käseblatt für die Bevölkerungsschichten, die gerade so etwas besser und etwas längere Texte lesen können als die BILD-Leser. Titel-Seiten-Schlagzeile „Erster Berliner Friedhof nur für Lesben”.
...

Geschlechterdebatte

Der radikale Biologismus des Gender-Mainstreamings

25. November 2014, von Prof. Günter Buchholz
Bei der Frauenquotenpolitik geht es darum, ein Mittel zu finden, um sich auf dem Arbeitsmarkt und in den Personalhierarchien privater Unternehmungen und öffentlicher Organisationen in der subjektiv als übermächtig erlebten Konkurrenz gegenüber Männern Sondervorteile zu verschaffen.
In der Durchsetzung dieser Interessen gibt es bis hin zum offenen...

Geschlechterdebatte

Frauenquote in der Filmbranche

29. September 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Regisseurinnen fordern eine Frauenquote in der Filmbranche. Sie beklagen „eine männliche Sicht auf die Welt“ in Film und Fernsehen.
170 Regisseurinnen fordern eine Frauenquote für die Vergabe von Regieaufträgen und Fördermitteln. Zu den Unterzeichnerinnen von Pro Quote Regie gehören u.a. Doris Dörrie, Senta Berger und Veronica Ferres.
...