Geschlechterdebatte

Meine Frauenarbeitsmarktneurose

19. April 2013, von Peter Köpf

Ich muss zum Psychiater. Das riet mir kürzlich ein Kollege. Vielleicht hat er Recht.

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Seine Diagnose stützt sich auf meine Neigung, meine Mitmenschen auf Merkwürdigkeiten in der Geschlechterdebatte aufmerksam zu machen, etwa dass bei Daimler die Männer revoltierten, weil sie sich wegen der Frauenförderung „um ihre Karriere gebracht“ fühlen, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter dem Titel #Macho jüngst schrieb.

Oder dass unter den 50 beliebtesten Vorstandschefs in den USA nur eine Frau ist. Einen Fund in der Süddeutschen Zeitung, einspaltig eingeklemmt zwischen Anzeige und Seitenrand, nach der weibliche Angestellte nicht diskriminiert werden, reiche ich weiter samt der Schlagzeile „Frauen verdienen, was ihnen zusteht.“ Auch wenn die Moderatorin Tina Mendelsohn in einem FAZ-Beitrag die Frage stellt, warum es mit den Frauenrechten in Deutschland nicht klappe, reiche ich ihre fragezeichenlose Frage gern zur Diskussion weiter: „Das könnte ja auch etwas mit uns Frauen zu tun haben.“ Solche seltenen, vom Mainstream abweichenden Feststellungen verbreite ich gern. Zum Nachdenken.

wo-ist-lieutenant-adkins-536z47rhd7463Dass mein Kollege mich zum Psychiater schicken möchte, hat mit einer Schlagzeile zu tun, die Anfang März mehrere Zeitungen druckten: „Weniger Frauen arbeiten Vollzeit“. Nur noch 15,6 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen arbeiten nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung auf einer Vollzeitstelle (36 bis 39 Wochenstunden), war da zu lesen. 1991 waren es noch 34,2 Prozent gewesen. Leider war die Überschrift des Beitrags erstens unvollständig (das zweite Ergebnis der Studie lautet: Männer schuften zunehmend lange) und zweitens irreführend, weil weitere 26 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen 40 Stunden und mehr arbeiten. Aber generell ist der Anteil unter den erwerbstätigen Frauen mit 36-plus-x-Stunden-Verträgen gesunken, von 62 auf 41 Prozent (Männer: 82 Prozent). Gleichzeitig verdienen inzwischen sieben von zehn Frauen selbst Geld. Unterm Strich: Immer mehr Frauen arbeiten zwar, aber im Schnitt eben kürzer. Und Männer arbeiten wieder länger. Das beginnt schon in jungen Jahren. Männer bis 26 leben zu einem wesentlich höheren Anteil von eigener Erwerbstätigkeit.

Ich schickte die Essenz dieses Beitrags an einige Menschen, von denen ich weiß, dass sie Zeitungen lesen, in denen sich derartige Fakten selten niederschlagen, weil Frauen und Feministen das Thema unter sich debattieren und einige Redaktionsleiterinnen abweichende Stimmen abblocken („nö, so Männerrechtler müssen nicht sein“). Außerdem merkte ich an: Polemiker könnten argumentieren, dass angesichts der vergleichsweise geringen Vollerwerbsquote von Frauen unter Quotenzwang diejenigen gute Chancen auf Spitzenposten haben, die das wirklich wollen. Die anderen Frauen hätten sich offenbar anders entschieden „und kümmern sich zum Ausgleich um die stetig wachsende Zahl der Kinder. Kluge Frauen“, resümierte ich knapp, setzte aber vorsichtshalber noch ein Fragezeichen.

Ironie versteht der Leser nicht, lautete vor langer Zeit einer der Lehrsätze für Volontäre. Und tatsächlich: „Ich glaube, du müsstest deine Frauenarbeitsmarktneurose langsam professionell behandeln lassen“, antwortete der Kollege. „Ich bin mit meinen Laien-Versuchen offensichtlich grandios gescheitert.“

Welche Frauenarbeitsmarktneurose?

Das Statistische Bundesamt wunderte sich dieser Tage, dass bei einem Frauenanteil von 46 Prozent unter allen Erwerbstätigen nur 30 Prozent der Führungspositionen weiblich besetzt seien. Was aber ist daran zum Wundern, wenn sich der Anteil ziemlich genau deckt mit dem Anteil der Frauen unter Vollzeitbeschäftigten? Ist es überraschend, dass junge Daimler-Mitarbeiter nicht glücklich sind, wenn bis 2020 jede dritte freiwerdende Führungsposition mit Frauen besetzt wird, weil das Unternehmen bis 2020 statt 12 Prozent 20 Prozent weibliche Chefs haben will, die Frauen aber nur 14 Prozent der Gesamtbeschäftigten ausmachen (und deren Anteil nicht im gleichen Maß erhöht werden soll)?

Auf solche Fragen folgt meist die Antwort, auch als Teilzeitkraft könnte frau ein Unternehmen leiten. Meine Arbeitsmarktneurose bezweifelt das.

Anfang März wies die OECD darauf hin, dass deutsche Frauen „105 Minuten mehr unbezahlte Arbeit am Tag verrichten als Männer“. Und wieder meldet sich meine Neurose: Aber Männer leisten im Gegenzug mehr bezahlte Arbeit – und arbeiten unterm Strich laut Gender Datenreport (allerdings von 2001, eine neue Erhebung des Statistischen Bundesamts läuft) insgesamt sogar mehr.

Der Entdecker meiner Neurose antwortet auf solch Fakten mit dem Generalverdacht, ich hielte Frauen für faul. Das ist natürlich Unsinn. Ich halte sie für klug. Mit Ausrufezeichen!

Manchmal schreibt meine Neurose auch Leserbriefe. „Gezwungen zur Teilzeit“ lautete vor zwei Jahren die Überschrift über einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung. Ich fragte den Autor, den ich persönlich kenne, „weshalb ostdeutsche Frauen viel seltener Teilzeit und häufiger Vollzeit arbeiten als westdeutsche, auch solche mit Kindern.“ Und ich deutete eine Antwort an: „Eine Antwort könnte lauten: Weil viele Frauen das so wünschen, westdeutsche vor allem.“

Kluge Frauen! Doch die Antwort folgte umgehend, und sie gipfelte in der „persönlichen Anmerkung“: „Ich lese zwischen den Zeilen, dass du irgendwie ‚frauengeschädigt‘ bist, nur so kann ich mir deine Leidenschaft bei dem Thema erklären...“

Inzwischen lesen wir in einem Bericht des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend („Frauen im Minijob“) von einer „Sogwirkung für verheiratete Frauen“ in die Minijobs, dass jedoch „über die Motive und Anreizstrukturen für Frauen (und Männer), einen Minijob zu ergreifen bzw. auszuüben, bislang nur ungenügende Kenntnisse bestehen.“ Die aufgeworfene Frage beantwortet die Studie leider nicht, sie beschäftigt sich lediglich mit den Folgen von langjähriger Minijobberei – für Frauen.

Niemand weiß deshalb genau, was sie vom ersten Arbeitsmarkt abhält oder genügsamer macht. Das Ministerium glaubt an eine „bestehende gesellschaftliche Norm“, die offenbar auch die 13 Prozent der Minijobberinnen mit Hochschulabschluss nicht überwinden können.

Die unbeantwortete Frage bezüglich Mini- und Teilzeitjobs lautet, und zwar in jedem Einzelfall: Entfalten Minijobs wirklich eine „Klebewirkung“? Sind sie tatsächlich „ein Programm zur Erzeugung lebenslanger ökonomischer Ohnmacht und Abhängigkeit von Frauen“, das diese „‘leichtfertig‘ als passgenaues Angebot angenommen haben“, wie die Minijobstudie es formuliert, oder entscheiden autonome Wesen sich trotz der Risiken (finanzielle Abhängigkeit vom Partner, schlechtes Image, weniger Rente) für einen anderen Weg („gute Bedingungen, nur wenige Stunden arbeiten, flexibel bleiben“) als es ganz bestimmt gutmeinende, manchmal aber auch bevormundende Lebensweggestalterinnen es bei DEN Frauen gern sähen?

Die Mehrzahl der Frauen in solchen Arbeitsverhältnissen scheint zufrieden zu sein, wie eine neue Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums nahelegt. Und weshalb sollten wir Frauen (und Männer) beneiden, die sich unnötiger Ausbeutung verweigern, selbst dann, wenn sie keine Kinder betreuen oder Angehörige pflegen müssen (fast zwei Drittel der Minijobberinnen sind älter als 40 Jahre, die meisten verheiratet, ihre Männer fast alle Vollzeit tätig). Was wäre gegen mehr Muße einzuwenden? Mit Faulheit hat das hoffentlich nichts zu tun. Dagegen mag es ein Beweis für die Klugheit DER Frauen sein, insbesondere wenn stimmte, was deutsche Zeitungen immer wieder drucken: „Frauen verdienen bei gleicher Arbeit 23 Prozent weniger als Männer.“ Das wäre wirklich ungerecht.

Auch hier ruft meine trotzige Neurose dazwischen und weist mich darauf hin, dass das nur bei vergleichbaren Jobs gilt. Inzwischen anerkennt selbst das Frauenministerium die Tatsachen: dass pro Stunde wenig(er) verdient, wer seit durchschnittlich sieben Jahren für 400 (inzwischen 450) Euro monatlich hinter einer Ladenkasse sitzt, im Restaurant kellnert, soziale Arbeit übernimmt oder in Privatwohnungen putzt (aber auch Gebäude reinigt, ein Drittel der Minijobs erledigen Männer, häufig als Zusatzjob), dass es während langer Erziehungs- und anderweitiger Pausen selten zu Lohnerhöhungen kommt, dass die Studienfachwahl für spätere Gehälter relevant sein kann und so fort. Das alles fördert nebenbei auch nicht die Aufstiegschancen, was – noch einmal nebenbei – auch für RedakteurInnen gilt, die sich Tag für Tag mit Genderfragen beschäftigen statt mit Innen- und Außenpolitik oder dem, worauf es ankommt: Wirtschaft.

Über solche Feststellungen kann sich nur hinwegsetzen, wer keine Frauenarbeitsmarktneurose hat. Werden sie berücksichtigt, ergibt sich bei der Frage der Bezahlung von gleicher Arbeit laut Institut der Deutschen Wirtschaft ein noch immer ungerechter Lohnabstand von durchschnittlich zwei Prozent, was aber sicher nicht in tarifvertraglich geregelten Bereiche zutrifft, sondern bei frei verhandelten Honoraren.

Und es erübrigt sich zu sagen, dass generell „richtige“ und nach Tarif bezahlte Arbeitsplätze für Männer wie Frauen die wünschenswerte Alternative wären. Falsch ist auch, dass noch immer nicht auf jedem zweiten Platz im Bundestag Frauen sitzen. Schließlich stellen sie mehr als der Hälfte der Bevölkerung. Also, rein mit euch, spottet meine Neurose. Aufnahmeantrag gestellt und mitgemacht, Wahlplakate geklebt und in den Fußgängerzonen gefroren. Einmal Ochsentour gebucht, dann klappt’s vielleicht auch mit Kandidatur und Einzug in die Volksvertretung. Sonst muss die CSU weiter Männer diskriminieren, weil nur 19 Prozent der Mitglieder Frauen sind, aber 40 Prozent des Vorstands. Antwort der Anti-Neurotiker: Frauen haben dafür weniger Zeit, weil sie Kinder hüten und Angehörige pflegen müssen.

Ich bedaure auch, dass noch immer mehr Männer ein Unternehmen gründen als Frauen, die eine Firma sicher viel besser führen könnten. Ich verstehe nicht, weshalb es unter den Top 100 DJs nur eine Frau gibt und niemand den Wünschen von Sportlerinnen wie der Schifahrerin Lindsey Vonn nachkommt, sich beim Slalom, beim Pool-Billard oder in der Formel 1 mit Männern zu messen.

Dennoch bin ich zuversichtlich, dass es zunehmend Frauen geben wird, die sich in allen Bereichen des Lebens durchsetzen werden – jeweils bis ganz nach oben. Ich freute mich über Tina Mendelsohns Satz: „Deutschland sucht händeringend weibliche Führungskräfte. Währenddessen reden wir Frauen noch über Grundsatzfragen…“

Die Männer sind – entgegen alten Stereotypen – bereit. Keinesfalls streben alle Kerle heute da hin, wo böse Mädchen den Himmel erwarten, eine wachsende Zahl von Männern sehnt sich nicht danach, vom Job aufgefressen zu werden. Mehrheitlich werden sie künftig wie heute schon Frauen (laut Accenture-Studie) auf ein ausgeglichenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit achten – und manch einer dafür gern auf die große Karriere verzichten. Längst sind wir auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der wahr wird, was die Bloggerin bei Daimler meinte: „Chef oder Chefin? Ist doch egal“. Ich bezweifle, ob darauf tatsächlich folgte, was die FAS berichtete: „Das Echo auf den Blog war vernichtend – und rekordverdächtig zugleich: Mehr als 100 Wortmeldungen gingen binnen kürzester Zeit ein, eine hämischer, böser oder zynischer als die andere: ein einziger Aufschrei der Männer!“ Eine Sprecherin von Daimler sagte, von 150 Kommentaren seien zwölf „explizit negative“ gewesen. So what? Ewiggestrige gibt’s überall – in dieser Debatte auch unter Frauen.

Noch einmal meldet sich meine Neurose, sie beschwört eine Lösung, welche die vermeintliche Gerechtigkeitslücke schließen könnte: kostenlose Ganztagsbetreuung aller Kinder in staatlichen Einrichtungen, sechs Stunden Arbeitspflicht für alle bei gesetzlicher Begrenzung der Arbeitszeiten auf acht Stunden täglich, Verbot der Anwesenheits- und Klüngelkultur nach Feierabend, und schon haben wir gleiche Startchancen für Muttis und Vatis, für Eltern und Kinderlose beim Wettlauf um die angeblich von allen so sehr begehrten Chefposten.

Doch leider vergisst diese „Lösung“ den menschlichen Faktor, dass Menschen ihr Leben selbst gestalten und sich nicht in verordnete Rollen zwingen lassen möchten. Kann es sein, dass wir manchmal sehr an der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen vorbei debattieren? Können staatliche Eingriffe das Grundproblem der Genderdebatte überhaupt beseitigen: dass sich irgendwie alle als Opfer sehen – und alle irgendwie geschädigt sind? Leiden wir nicht alle unter einer Gender-Neurose? Und müssten wir deshalb nicht alle dringend zum Psychiater?

 

 

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