Geschlechterdebatte

Catherine Hakims Präferenztheorie: Was Frauen wollen

18. August 2012, von Dr. Gérard Bökenkamp, zuerst erschienen bei ef-online

Ein alternativer Ansatz zur Diskriminierungsthese

In Deutschland werden ungleiche Verteilungen zwischen den Geschlechtern in den Spitzenpositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vor allem auf Diskriminierung zurückgeführt. Dies ist ein Erklärungsansatz, aber nicht der einzige.

Catherine-Hakim

Die britische Soziologin und Arbeitsmarktexpertin Catherine Hakim hat schon vor einigen Jahren einen alternativen Erklärungsansatz entwickelt, der in der englischsprachigen Wissenschaft  auf Resonanz gestoßen ist und von anderen Wissenschaftlern zum Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen gemacht, aber in Deutschland bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde: Die Präferenztheorie.

Die Präferenztheorie

preference-theoryCatherine Hakims Präferenztheorie erklärt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die nach wie vor bestehen, nicht aus der Diskriminierung von Frauen durch Männer, sondern aus der neuen Wahlfreiheit. Wahlfreiheit schafft in der Regel größere statistische Ungleichheit. Weil jede einzelne Frau eine Entscheidung über ihren Lebensstil treffen kann, sich entscheiden kann, welche Priorität sie dem Beruf, der Familie, dem Spaß an der Arbeit, dem beruflichen Aufstieg oder dem Geldverdienen gibt, besteht sogar eine größere Wahrscheinlichkeit, dass es größere Unterschiede zwischen den Berufslaufbahnen von Männern und Frauen gibt, als in Gesellschaften mit genormten Lebensläufen. 

In einer Gesellschaft, in der man sich entscheiden kann, ob man Sozialpädagoge oder Wirtschaftsingenieur werden will, kann sich die Einkommensschere im statistischen Mittel zwischen Männern und Frauen stärker öffnen als in einer Gesellschaft, in der es zum Beispiel nur Bauern und Bäuerinnen gibt. Den geringsten Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen gibt es deshalb nicht etwa in Schweden, sondern in Swasiland, gefolgt von Sri Lanka.

Wahlfreiheit und verschiedene Lebensstile

Frauen sind nach Catherine Hakim die Gewinner der Moderne. Mit der Gleichstellung vor dem Gesetz, der Entwicklung der  modernen Verhütungsmethoden, dem Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, mit der Entstehung eines Arbeitsmarktes für Teilzeit- und Nebenerwerbstätigkeiten sind für Frauen vorher nicht gekannte Wahlmöglichkeiten entstanden. Sie können zwischen verschiedenen Lebensstilen wählen. Sie können zwischen verschiedenen Formen von Familie und Partnerschaft wählen, sie können ihre Berufswahl selbst bestimmen und sie können sich entscheiden, wie intensiv sie sich in ihren Beruf einbringen wollen. Sie können unterschiedliche Kombinationen des Verhältnisses von Familie und Beruf wählen.

Die soziale Wirklichkeit, die uns heute in den Statistiken entgegentritt, sei daher nicht so sehr die Folge von Diskriminierung als davon, dass Frauen heterogene Präferenzen besitzen und in der Regel durch ihr aktives Handeln sehr gut in der Lage sind, diese Präferenzen auch zu verwirklichen. Dies folgt aber der realistischen Maßgabe, dass alle Menschen – Männer und Frauen -  bei knappen Ressourcen und Zeit Prioritäten setzen müssen.

Drei Gruppen von Frauen

Anhand dieser Prioritätensetzung unterscheidet Hakim drei Gruppen von Frauen. Frauen, die ihre Prioritäten auf Familie und Haushalt legen, Frauen, die ihre Prioritäten auf den Beruf legen und Frauen, die beides zu kombinieren suchen.

Für die auf Familie konzentrierten Frauen liegen die Prioritäten auf der Familiengründung und Kindern. Sie bevorzugen es, keinem Beruf außerhalb der Familie nachzugehen, sehen Bildung im Wesentlichen als kulturelles Kapital und folgen Werten von Fürsorglichkeit, Gemeinschaftlichkeit und sozialem Zusammenhalt.

Aus der Gruppe der Frauen, die ihre Priorität auf den Beruf legen, kommen im Wesentlichen die Frauen, die die öffentliche Arena suchen durch Aktivität in Politik, Kunst, Sport und so weiter. Sie investieren in ihre Qualifizierung, um im Wettbewerb gut aufgestellt zu sein. Wegen der Dominanz dieser Gruppe in der Öffentlichkeit gehen Politik und Medien fälschlicherweise von der voll berufstätigen Frau als Standardmodell aus.

Die dritte Gruppe von Frauen möchte arbeiten, aber nicht alle Energie in die Arbeit investieren. Es sind vor allem diese Frauen, die eine Teilzeitbeschäftigung suchen. Sie wollen mit der Familiengründung nicht vollständig aus dem Arbeitsmarkt aussteigen, aber auch nicht in Vollzeit von der Arbeit in Anspruch genommen sein.

Diese Gruppe ist mit 60 Prozent die größte Gruppe, die anderen zwei Gruppen machen jeweils etwa 20 Prozent der Frauen aus. Hakim kritisiert, dass die Familienpolitik davon ausgeht, alle Frauen seien karriereorientiert, was aber nur auf eine Minderheit zutrifft. 80 Prozent suchen ihr Glück hingegen in einem anderen Lebensstil.

Rollenpräferenzen

erotisches-kapitalDiese Verteilung findet sich nicht nur in Großbritannien, wo Hakim geforscht hat, sondern mit gewissen Abweichungen auch in anderen europäischen Ländern, wie unter anderem eine Studie von österreichischen und italienischen Wissenschaftlern ergeben hat, die Hakims Ansatz zur Erklärung unterschiedlicher Geburtenraten verwendet haben. Die drei Gruppen treten auch in einer Umfrage in Deutschland vom Frühjahr 2011 hervor:

Das Institut für Demoskopie Allensbach stellte die Frage: In welcher Rolle würden Sie sich als Frau am wohlsten fühlen? Mehrfachnennungen waren möglich. 59 Prozent der Frauen antworteten, dass sie sich als „Mutter mit einer Teilzeitbeschäftigung“ am wohlsten fühlen würden und 14 Prozent als „Hausfrau und Mutter“. Vier Prozent antworteten: „als Frau ohne Kinder in einer Teilzeitbeschäftigung“. Dem gegenüber standen 18 Prozent der Frauen, die gerne als Mutter in Vollzeit arbeiten würden, und 13 Prozent könnten sich gut vorstellen, in Vollzeit zu arbeiten, aber keine Kinder zu haben.

Spitzenpositionen erfordern einen 24-Stunden-Tag

Den Wunsch einer großen Mehrheit der Frauen, Beruf und Familie auszubalancieren oder sich ganz auf die Familie zu konzentrieren, sieht Hakim als Hauptursache für die oft beklagte Unterrepräsentation von Frauen auf den Führungsebenen und den Spitzenpositionen an.

Hakim erklärte in einem Interview: „In Kunst und Wissenschaft wird eine Person, die über ein Problem 24 Stunden am Tag nachdenkt, mehr interessante Ergebnisse hervorbringen als eine Person, die fünf Stunden am Tag darüber nachdenkt. Der Unterschied zwischen Vollzeit und Teilzeit ist nicht, dass der Teilzeitarbeiter in den fünf Stunden nicht gut seine Arbeit macht. Es ist der Umstand, dass der Vollzeitarbeiter nicht nur acht Stunden am Tag darüber nachdenkt, sondern 24 Stunden am Tag. Kreativität erreicht ein ganz neues Niveau, wenn das gesamte Denken darum kreist.“

Derjenige, der sein gesamtes Leben in den Dienst seines beruflichen Fortkommens stellt, hat einen nicht einholbaren Vorsprung gegenüber denjenigen, die sich dieser Aufgabe nur in Teilzeit widmen. Da mehr Männer eine Präferenz für diesen ganz auf die Arbeit ausgerichteten Lebensstil haben als Frauen, findet man Hakim zufolge eben Männer auch häufiger in Spitzenpositionen in Wirtschaft und Wissenschaft. Dabei muss man betonen, dass diese unterschiedlichen Prioritäten nicht besser oder schlechter sind, sondern einfach nur anders.

Familienarbeit und Spitzenpositionen

Hakim bricht ein weitverbreitetes Tabu, wenn sie die schnöde Tatsache beim Namen nennt, dass Spitzenleistungen im Beruf und Familientätigkeit in der Regel nicht miteinander vereinbar sind. Dabei gehe es nicht nur um die Stundenzahl, sondern darum, dass es unerwartete Ereignisse gibt und Krisensituationen, die nicht planbar sind und sich nicht an die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten halten. „Wenn einer es machen muss und es der Mann ist, der es tut, dann wird er befördert. Das hat nichts mit männlich oder weiblich zu tun, das ist einfach die Grundvoraussetzung und diese Grundvoraussetzung ist nicht sexistisch. Natürlich kann man sagen, dass der Job einen nicht verschlingen soll, aber je höher man kommt, desto verschlingender wird er.“  Allen Behauptungen zum Trotz verhielten sich Männer und Frauen, die an die Spitze wollen, daher nicht wesentlich anders, sondern folgten demselben Konkurrenzverhalten.

Partnerwahl von Spitzenkräften

Für das Privat- und Familienleben bleibt da wenig Zeit. Thomas Mann konnte seine Romane schreiben, weil seine Frau dafür gesorgt hat, dass die Kinder ruhig zu sein hatten, wenn der Vater von morgens bis abends in seinem Arbeitszimmer saß und, einem pedantischen Tagesablauf folgend, Weltliteratur schrieb. Oder die Kinder wurden von Nannys und Hausmädchen erzogen. Hakim zeigt, dass Frauen in Spitzenpositionen und mit dem Ziel, Spitzenleistungen zu erbringen, nicht weniger Zeit investieren als Männer, aber die Unmöglichkeit, dies mit zeitraubendem familiärem Engagement zu verbinden, auf eine andere Weise lösen. Sie verzichten in der Hälfte aller Fälle ganz auf Kinder und in vielen Fällen auch auf Ehe und Partnerschaft.

Der Unterschied liegt in der unterschiedlichen Partnerpräferenz. Männer in diesem Bereich heiraten oft Partnerinnen, die ihnen die Gestaltung des Familienlebens, für das sie selbst keine Zeit haben, abnehmen. Sie suchen also Ehefrauen mit anderen Präferenzen als sie selbst. Also gerade Frauen aus der Gruppe der 20 Prozent, die ihre Priorität auf das Häusliche und die Familie legen. Ein von beiden Seiten nachvollziehbarer Deal, um komplementäre Ziele zu erreichen.

Beruflich erfolgreiche Frauen suchen – soweit wir das aus den vorhandenen Befragungen und Studien etwa über Heiratsanzeigen und so weiter wissen - eher Männer, die beruflich mindestens so erfolgreich sind wie sie selbst. Damit kommt eine Umkehrung des traditionellen Modells – beruflich erfolgreiche Frau und häuslicher Ehemann – für die meisten Frauen nicht in Frage. Auch hier geht es nicht um gut oder schlecht, sondern einfach um persönliche Präferenzen und eine ganz persönliche Kosten- Nutzen-Abwägung.

Perspektiven der Präferenztheorie

Die Präferenztheorie der britischen Soziologin besticht, weil sie anders als die meisten Erklärungen zu diesem Thema nicht auf der Makro-, sondern auf der Mikroebene ansetzt. Sie geht vom Individuum und nicht vom Kollektiv aus. Sie fragt, wie individuelle Präferenzen sich auf die Makroebene auswirken. Sie geht von heterogenen statt von homogenen Interessenlagen der Geschlechter aus. Die Präferenztheorie wird damit dem Pluralismus der modernen Gesellschaft gerecht, anders als die Diskriminierungsthese, die von einem starren Interessengegensatz von Männern und Frauen ausgeht.

Sie führt auch das Konzept der Prioritätensetzung in das Erklärungsmodell ein. Es kommt nicht nur darauf an, ob ein Mensch etwas will oder nicht, sondern wie intensiv er ein Ziel im Vergleich zu einem anderen Ziel verfolgt. Hakims Präferenztheorie bietet eine fruchtbare Argumentationsbasis für die Diskussion über Quoten, Familienpolitik und Demographie und kann auch ein theoretischer Ausgangspunkt sein für die Betrachtung anderer gesellschaftlicher Bereiche.

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