Geschlechterdebatte

Arme Jungs!

14. März 2013, von Monika Ebeling, zuerst erschienen bei Geschlechterdemokratie

Er ist gerade mal 20 Jahre alt und schon ein ´geschlagener´ Mann.

poor-eyes

Seine Stimme ist ruhig und sanft. Eher bedächtig abwägend formuliert er seine Sätze. Vorsichtig tastet er sich mit seinem Anliegen voran und argumentiert dabei doch klar und nachvollziehbar. Ich entdecke in seinen Aussagen Gemeinsamkeiten mit meinen Erfahrungen und freue mich einem Mann zuhören zu können, der zusammenfasst, was ich bruchstückartig in den vergangenen 10 Jahren aufgesammelt habe. Er spricht für eine Gemeinschaft von Jungen und Männern, die das alles nicht mehr einfach so hinnehmen möchten, sagt er mir.

Er sei mit seinem Bruder bei seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Viele von uns, sagt er, hätten keine Väter, keine männlichen Vorbilder gehabt. In seiner Schulzeit sei er nicht genügend gefördert worden. Es kommt ihm so vor, als hätte dies System. Jungen werden gezielt und bewusst nicht mehr gefördert, findet er und es gäbe immer weniger Ausbildungsplätze für die Jungen mit schlechtem oder niedrigem Bildungsabschluss. Im Nachhilfeunterricht würden manche der Jungs, für die er spricht, von jungen Referendarinnen lernen, wie man einen Hartz IV Antrag ausfüllt, aber nicht, wie man besser werden kann.

Wegen eines schlechten Realschulabschlusses blieben ihm nur wenige Möglichkeiten auf einen Ausbildungsplatz. Der Berufsberater hätte gesagt, dass viele Jungen ´schlechte Karten´ hätten und große Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt bekommen würden. Er hätte einen Ausbildungsplatz gehabt, musste diesen aber wegen einer Allergie aufgeben. Nun sei er in der Leiharbeit. Er würde sehr wenig verdienen und käme mit dem Geld nicht über die Runden. Jungs sollen billige Arbeitskräfte sein, meint er, es kommt ihm so vor, als würden sie gezielt zu billigen Hilfsarbeitern gemacht.

Seine Vorgesetzten seien zu 100 % Frauen. Seine derzeitige Chefin sei sehr streng. Er war mal bei einer privaten Arbeitsvermittlerin, die Jungs wie ihn gar nicht mehr vermittelt. ´An euch Jungs verdien ich nix´, hätte sie gesagt. Die Betriebsleiterin für die er im Moment arbeitet würde herablassend mit ihm und seinen Kollegen umgehen. Er berichtet von einer Chefin, die mehrere Gruppenleiterinnen beschäftigt, die wiederum fast 100 Männer losschicken, um zu ´drücken´. Er hätte gehört, wie die Chefin einmal am Telefon sagte ´treibt diese Jungs mehr an, die müssen mehr einbringen´.

Es gibt Jungs, die davon berichtet hätten, von der Vorgesetzten geschlagen worden zu sein. Sie seien nicht so redegewandt. Ein junger Mann sei nach Warschau ausgeliehen worden. Auf den Feldern war es ein tägliches Kommen und Gehen. Auch dort waren die Vorgesetzten Frauen. Das Ganze kommt ihm vor wie Männerhandel, als ob Frauen einen Händlerring gegründet hätten, der Jungen und Männer mit geringem Bildungsstand ausbeutet. Prekäre Arbeit wird männlich sagt er und zitiert damit eine Unterstützerin, die auch meint, das Matriarchat käme subtil daher, wie ein Spinnennetz. Es ist für diese jungen Männer schwer, dem zu entkommen. Ein freundlicher Berufsberater hätte einmal gewarnt, passt auf, dass ihr nicht in der Gosse landet.

Seine Zukunftsaussichten sind schlecht, findet er. Finanziell hängt er, trotz Vollzeitarbeit, in der Armut. Viele von uns sind so arm, dass sie sich nix leisten können, sagt er. Wie soll es da privat bergauf gehen? Wir sind zu nichts mehr zu gebrauchen, fasst er zusammen, auch für Frauen nicht. Neulich hätte er eine Szene in der S-Bahn beobachtet. Zwei Frauen plauderten miteinander. Eine zitierte aus der Zeitung, die sie gerade las. Männer würden immer unfruchtbarer, hieß es da. Lauthals setzt sie nach ´Männer sind nicht einmal mehr als Besamer zu gebrauchen´ und lacht.

Wir wissen, dass es in den USA bereits Netzwerke und Männerhäuser gibt, sagt der junge Mann. Viele Männer in den USA seien obdachlos und viele gehen aufs Land, hätte er gehört. Wir würden uns gern darüber informieren, aber wir können schlecht Englisch. Viele von uns vereinsamen und leben nur noch, um zu arbeiten, meint er.

Er würde mit zwei weiteren jungen Männern in einer Wohngemeinschaft leben und hätte sich via Internet mit mehreren Hundert Jungs und Männern zwischen 15 und 30 Jahren locker zusammengeschlossen, weil es ihnen allen ähnlich geht und sie etwas dagegen tun möchten.
Gern würden sich diese Jungs öffentlich äußern, über Facebook zum Beispiel oder auf Internetblogs, aber sie haben Angst. Einmal vermuten sie, dass ihnen ihre Chefinnen das übel nehmen würden und sie ihren Arbeitsplatz loswerden könnten. Zum anderen glauben sie, dass sich Menschen über ihre Situation lächerlich machen könnten. Es ist schwer sich zu wehren, sagt der junge Mann in dem Gespräch mehrere Male.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Männer in der Zeitenwende

3. November 2012, von Prof. Walter Hollstein
Was auch in unseren Breitengraden bald Zukunft sein könnte, hat San Diego, die südkalifornische Stadt, hart an der Grenze zu Mexico, bereits vor fünfundzwanzig Jahren erlebt:
Schon damals gab es dort eine Bürgermeisterin; die Opposition im Rathaus wurde von einer Frau geführt. Die einflussreichste Tageszeitung gehörte einer Frau, und eine Frau leitete...

Geschlechterdebatte

Immer neue Entmutigungen für junge Männer

10. Juli 2012, von Lars Bielefeldt
Chancen bedeuten nicht Ergebnisse. Ergebnisgleichheit ist die Feindin der Chancengleichheit und Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichstellung!
Wie von Bettina Weiguny am 02. Juni 2012 vollkommen zutreffend konstatiert, steuert unsere Gesellschaft auf „Lauter verlorene Männer“ zu. Die ‚weibliche Brille‘, die uns im Rahmen unserer Sozialisation, die sich am...

Geschlechterdebatte

Ansichten eines gefährlichen Clowns

Von Bernhard Lassahn   17. März 2012
„Glauben Sie’s doch einfach“, sagte sie, „einfach glauben. Sie können sich nicht vorstellen, wie der eiserne Wille, einfach etwas zu glauben, hilft.“ So heißt es bei Heinrich Böll in den ‚Ansichten eines Clowns’. Glauben muss man auch, was jüngst im Auftrag der Böll-Stiftung als „Studie“ über die „Antifeministische Männerrechtsbewegung“ veröffentlicht wurde. Überzeugen kann es...

Geschlechterdebatte

Feministische Selbstgespräche, Filterbubbles und die Produktion von Nazis

9. April 2013, von Lucas Schoppe, zuerst erschienen bei man tau
Als der WDR-Talker Jürgen Domian auf seiner Facebook-Seite ein mild-kritisches Zitat über den neuen Papst veröffentlichte, Facebook dieses Zitat löschte, die Löschaktion von Domian kritisiert und von vielen als „Zensur“ bezeichnet wurde, trat die Bloggerin Antje Schrupp auf den Plan.
„Dummes Gerede“ sei das, mit Zensur habe das...

Geschlechterdebatte

Die Männerrechtsbewegung – grenzenlos

Von Arne Hoffmann   12. April 2012
In der momentanen Propagandaschlacht gegen die Männerrechtsbewegung werden aus strategischem Interesse die verschiedensten Falschbehauptungen gestreut. Eine besonders beliebte: Die Männerrechtsbewegung sei sehr winzig und umfasse lediglich wenige hundert Mann, weshalb sie eigentlich völlig unwichtig sei und es sich gar nicht lohne, sie in ständig neuen...

Gesellschaft

Inkompetenz bewahrt vor Zweifel

Wer inkompetent ist, merkt nichts (mehr).
Von Michael Klein   28. April 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Warum fehlt manchen Menschen die Einsicht, dass die Positionen, die sie vertreten, nicht haltbar sind? Warum behaupten Politiker vollmundig Dinge, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben oder sogar wissen, dass sie falsch sind? Warum beforschen Wissenschaftler weiterhin...

Geschlechterdebatte

Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)

01. April 2014, von Lucas Schoppe
„Vor allem die linken Parteien schrecken inzwischen immer mehr Männer ab, die eigentlich für die Anliegen dieses Lagers mehr als aufgeschlossen wären“, schreibt Arne Hoffmann in seinem gerade erschienenen „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“. (S. 19)
Der Text listet viele Beispiele panischer Abgrenzungen und Feindseligkeiten irgendwie linker Parteien gegenüber...

Geschlechterdebatte

Warum sorgen entführte Mädchen für internationale Aufmerksamkeit - und brennende Jungen nicht?

10. Mai 2014, von Arne Hoffmann
"Since the Nigerian Islamic radical group Boko Haram kidnapped over 100 schoolgirls in mid-April, the media and the American government have been up in arms over this outrage. With over 200 girls in captivity, Boko Haram warned that they may sell the children into slavery."
"Beginning the night of the kidnappings on April 16 and continuing ever since, the press...

Gesellschaft

Menschlichkeit zum halben Preis

11. August 2013, von Bernhard Lassahn
Andrea Nahles folgt, wie sie in ihrem Buch Frau, gläubig, links: Was mir wichtig ist selbstbewusst verkündet, der Weisung: „Mach’s wie Gott: werde Mensch“! Doch wie hält es die SPD mit Menschen, die keine Frauen sind?
„Wer die menschliche Gesellschaft will ...“, heißt es ihrem Parteiprogramm – nun, das will jeder! Ich kenne keinen, der etwas dagegen hätte...

Geschlechterdebatte

Grüne Staatsrätin fordert: „Schluss mit der Umerziehung von Frauen und Männern!“

21. Mai 2012, von Arne Hoffmann
"Wir müssen die Geschlechterfrage neu denken!" verkündet das Backcover von Gisela Erlers jüngst erschienenem Buch Schluss mit der Umerziehung!: Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern.

Weiter heißt es dort: "Warum sind Frauen in Spitzenpositionen so spärlich vertreten? Warum sind Jungen so häufig Bildungsverlierer? Es sind unterschiedliche Anreize, die beide...

Geschlechterdebatte

Ein offener Brief an alle Männer, Väter und Jungs zu Weihnachten

15. Dezember 2014, von Tom Todd
Liebe Männer, Väter und Jungs,gerade in der Weihnachtszeit, in der die Familie, die Liebe und gefühlsbetont der Zusammenhalt der Menschheit hochgehalten werden, schwappen die Wogen der Enttäuschung und Verbitterung verstärkt an die Oberfläche.
Gerade jetzt vielleicht verhärten sich noch mehr die Gefühle und Meinungen, die uns Männern dazu verleiten, hart ins...

Geschlechterdebatte

Umerziehung der Jungen

11. April 2014, von Eckhard Kuhla
Fast jeder Zeitungsleser überliest die Aussage "Jungen, die Bildungsverlierer". Diese entwürdigende Aussage wird quasi als Wahrheit in den Medien verkündet. Bisweilen heißt es sogar, noch verächtlicher: "Jungen, die Looser".
Die Betroffenen, die Jungen, können sich nicht wehren, und wie sieht es aus mit den Elternverbänden? Die wären ja die eigentlichen...