Geschlechterdebatte

Feminismus als Ideologie

8. Juli 2012, von Dr. Alexander Ulfig

Ideologien sind wie Krankheiten oder böse Geister. Sie beherrschen zeitlang das Denken und Leben der Menschen. Die meisten Menschen können sich ihnen kaum entziehen. Wie narkotisiert folgen sie ihnen. Auch ansonsten aufgeklärte und kritische Menschen sind von ihnen naiv begeistert und schalten bei ihrer Beurteilung ihre Kritikfähigkeit völlig aus.

Moderne Ideologien wie der Feminismus haben aus dem Scheitern älterer Ideologien, z. B. des Nationalismus und des Kommunismus, viel gelernt. Ihre Strategien und Vorgehensweisen sind sehr subtil geworden. Sie haben Mechanismen entwickelt, die es ihnen ermöglichen, ohne physische Repression ihre Ziele konsequent und ohne Widerrede durchzusetzen. Trotzdem hat der Feminismus mit älteren Ideologien vieles gemeinsam.

Erstens ist die Dichotomisierung der Gesellschaft, die Aufteilung der Gesellschaft in entgegengesetzte Gruppen, zu nennen: Im Nationalismus herrscht die Entgegensetzung von Angehörigen der eigenen Nation und Angehörigen anderer Nationen (z.B. zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen), im Kommunismus die von Proletariern und Bourgeois, in der Spätphase des real existierenden Sozialismus von Mitgliedern der kommunistischen Partei und Nicht-Mitgliedern der kommunistischen Partei, im Rassismus die Entgegensetzung von Weißen und Schwarzen, im Feminismus die von Frauen und Männern.

Die entgegengesetzten Gruppen werden zu bestimmten Rollen stilisiert. Die Angehörigen der einen Gruppe werden als Opfer, die der anderen als Täter dargestellt. So werden beispielsweise im deutschen Nationalismus die Deutschen zu Opfern anderer Völker stilisiert. Sie werden als von anderen Völkern umkreist und bedroht angesehen. Die anderen Völker werden dabei nicht nur als Täter, sondern auch als Feinde betrachtet. Die Schaffung von Feindbildern ist ein wichtiges Merkmal von Ideologien.

psychologie der massenFür die kommunistischen Machthaber des Ostblocks war der kapitalistische Westen der Feind Nummer 1 und die größte Bedrohung. Sie sahen sich von den westlichen Kapitalisten und Imperialisten umzingelt. Auch eigene wirtschaftliche Misserfolge wurden von ihnen auf das Wirken der bösen Kapitalisten zurückgeführt.

Im Feminismus werden Frauen zu Opfern, Männer zu Tätern stilisiert. Alle Frauen sind als Frauen Opfer, Männer als Männer Täter. Die Männer werden pauschal für die Probleme von Frauen verantwortlich gemacht. Die Männer bzw. das Patriarchat fungieren als das Feindbild. Dass es auch männliche Opfer gibt, dass eigentlich alle Menschen Produkte und somit auch Opfer der Sozialisation und der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, bleibt mit Absicht unerwähnt. Nur Frauen sind Opfer, nur sie sollen dafür Kompensationen erhalten.

In jeder Ideologie wird des Weiteren eine gesellschaftliche Gruppe gegenüber der anderen als überlegen aufgefasst: im Nationalismus die Angehörigen der eigenen Nation gegenüber den Angehörigen der anderen Nationen, im Kommunismus die Proletarier gegenüber den Bourgeois beziehungsweise die Mitglieder der kommunistischen Partei gegenüber den Nicht-Mitliedern der kommunistischen Partei, im Rassismus Weiße gegenüber Schwarzen, im Feminismus Frauen gegenüber Männern.

Beispielsweise werden im deutschen Nationalismus die Deutschen gegenüber den Nicht-Deutschen als überlegen betrachtet: Sie sind fleißiger, disziplinierter, willensstärker, haben einen überlegenen Organisationssinn usw. Im Kommunismus werden die Proletarier bzw. die Angehörigen der kommunistischen Partei als überlegen gegenüber den Bourgeois bzw. den Nicht-Mitgliedern der kommunistischen Partei angesehen: Sie haben ein höheres Bewusstsein und somit den Einblick in den notwendigen Gang der Geschichte. Sie wissen, wie man die Gesellschaft gestalten sollte und wie Menschen handeln sollten. Im Rassismus werden Weiße gegenüber Schwarzen in jeder Hinsicht, vor allem in der intellektuellen, als überlegen betrachtet. Schwarze sind für weiße Rassisten eigentlich keine Menschen. Im Feminismus werden Frauen gegenüber Männern als überlegen aufgefasst: Sie werden als weniger aggressiv und gewalttätig, einfühlsamer, fürsorglicher, darüber hinaus als flexibler und kommunikativer als Männer dargestellt. Sie sind Männern moralisch überlegen. Eine von Frauen bestimmte Welt wäre friedlicher und humaner. Die alte Dichotomie von Gut (Frau) und Böse (Mann) kommt hier deutlich zum Ausdruck.

Gestützt werden solche Idealisierungen der überlegenen Gruppe durch permanente mediale Indoktrination und durch pseudowissenschaftliche Studien. Eine Folge dieses Überlegenheitswahns ist die Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die überlegene Gruppe. Den Angelegenheiten der Arbeiter wurde im real existierenden Sozialismus besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mit der Zeit galt die Aufmerksamkeit immer mehr der Avangarde der Arbeiterklasse, den Mitgliedern der kommunistischen Partei, die zu Vorbildern hochstilisiert wurden.

In unserer feministisch geprägten Gesellschaft wird Frauen, ihren Bedürfnissen, Wünschen, Interessen, Zielen usw. besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Eine zentrale Rolle spielen bei der Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die überlegene Gruppe die Mainstream-Medien. Immer mehr Sendungen funktionieren nach dem Muster „von Frauen – über Frauen – für Frauen“.

Ideologien dringen in alle Bereiche des Lebens, in Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Sprache, Kunst usw., ein. Dies macht ihren totalitären Charakter aus. Die Nationalisten weisen bei der Behandlung eines beliebigen Themas immer auf die Rolle der eigenen Nation hin. Der Nationalcharakter soll überall hervorgehoben werden, alles soll dem Wohl der eigenen Nation dienen. Im real existierenden Sozialismus hat die marxistische Ideologie alle Bereiche des Lebens beherrscht. Man konnte nicht über ein Thema sprechen, ohne auf die Klassenzugehörigkeit der Akteure einzugehen. Heute kann man nicht über etwas sprechen, ohne dass dabei gefordert wird, auf die Anzahl und die Rolle von Frauen zu achten. So ging es beispielsweise in der Ausstellung „Impressionistinnen“, die in Frankfurt am Main stattfand, in erster Linie nicht um die Merkmale und Qualitäten der dort ausgestellten Kunstwerke, sondern darum, dass sie von Frauen erschaffen wurden.

Der Anspruch von Ideologien zielt auf die Gestaltung des ganzen Lebens, d.h. nicht nur des öffentlichen, sondern auch des privaten. Im real existierenden Sozialismus mischten sich die Machthaber in die Familienplanung ein: Die Familie mit drei Kindern war zeitlang das propagierte Vorbild. Was wenig bekannt ist: Die Kommunisten schrieben den Menschen eine „sozialistische Sexualmoral“ vor. In den von den Nationalisten regierten Staaten stand die Fortplanzung der Angehörigen der eigenen Nation unter besonderer Beobachtung. Sie wurde besonders gefördert. Auch die Nationalisten hatten eine eigene „Sexualmoral“. Der Feminismus hat einen starken Einfluss auf  private Beziehungen zwischen Männern und Frauen und sogar auf die frühesten Interaktionen zwischen Jungen und Mädchen. Er mischt sich in die intimsten sexuellen und emotionalen Angelegenheiten von Männern und Frauen ein (sexual politics). Das Projekt des Gender-Mainstreaming spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Mit den meisten Ideologien ist ein Heilversprechen verbunden. Der Kommunismus spricht von einer zukünftigen klassenlosen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Alle Menschen werden in dieser Gesellschaft gleich sein. Sie werden wie Brüder solidarisch handeln. Der Feminismus verspricht seinen Anhängerinnen die Befreiung von traditionellen Geschlechterrollen, von dem Unterdrücker Mann, eigentlich die Befreiung von allem, was Frauen behindert.

Zu dem Heilversprechen gehört die Schaffung von unbegrenzten Entfaltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten für Frauen sowie einer besseren femininen Welt („die Zukunft gehört den Frauen“, „Planet der Frauen“). Menschen haben sich immer schon von Heilversprechen magisch angezogen gefühlt. Sie projizieren in sie ihre intimsten Wünsche und Hoffnungen.

Ideologien sind mehr als rein intellektuelle Systeme. Sie trachten danach, ihre Ideen in die politische Praxis umzusetzen. Ihr Ziel ist es, politische Macht, genauer: Kontrolle über politische Ressourcen, z.B. staatliche Institutionen und politische Entscheidungen, zu erlangen. Ideologien streben danach, Institutionen zu etablieren, die ihren Machtbereich erweitern und sichern.

 

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