Geschlechterdebatte

Die Diskriminierung des Mannes

3. Juni 2012, von Prof. Gerhard Amendt

Über die negativen Auswirkungen des Feminismus

Fast jede Form des sozialen Wandels kann zu Konflikten führen. Denn Wandel löst komplexe Alltäglichkeiten auf, die sich innerhalb von Kulturen, sozialen Schichten, Ethnien und im Arrangement der Geschlechter als Selbstverständlichkeiten etabliert haben. Solchen Wandel wollte auch die Frauenbewegung bewirken. Sie hat es erfolgreich getan. Unter dem Einfluss des Feminismus hingegen, der ein Resultat der sich auflösenden Frauenbewegung war, wurden Konflikte des sozialen Wandels allerdings nicht gelöst, sondern absichtsvoll verschärft.

So hat sich in den letzten drei Jahrzehnten der mittelalterliche Gegensatz einer vermeintlichen Welt des Guten versus des Bösen – die Frauen als das Gute und die Männer als das Böse – herausgebildet. Hier friedfertige Frauen, denen kriegslüsterne Männer gegenüberstehen, hier Anhängerinnen des Wärmestroms, denen die kalte instrumentelle Vernunft der Männer auf dem Wege zu einer besseren Welt im Wege steht. Die Logik einer polarisierten Welt wurde auch auf das Sexuelle ausgeweitet, wonach Männer potenzielle Vergewaltiger und Frauen ihre Opfer seien.

Letztlich wird in diesem Denken das „Matriarchat“ als himmlische und das „Patriarchat“ als höllische Schicksalsmacht fantasiert. So etwa ließe sich die von Elisabeth Badinter 2010 in ihrem Buch vertretene These einer beunruhigenden naturalistischen Rückbesinnung des Feminismus auf die Frau als Naturwesen zusammenfassen. Demnach brächten die Frauen das Gute ganz allgemein als Verlängerung ihrer guten – die Menschheit erhaltende – Gebärfähigkeit hervor. Das feministische Denken, zumindest das seiner radikaleren Vertreter, suchte Zuflucht in manichäischen Fantasien einer guten von Frauen geleiteten Welt, die die Welt der bösen Männlichkeit einst abschaffen wird.

Die damit einhergehende Polarisierung des Alltagslebens von Männern und Frauen, ja sogar von Kindern in den Schulen, lief deshalb sehr oft auf den Abbruch von Beziehungen hinaus, da die polarisierte Welt eine einvernehmliche Liebesbeziehung von Männern und Frauen unmöglich machte. Extremistische Varianten forderten Frauen sogar auf, ihre heterosexuellen Beziehungen aufzugeben und zur friedlichen homosexuellen Welt zu wechseln. Das Lesbische wird als herrschaftsfrei und gewaltlos phantasiert. Allerdings ganz zu Unrecht, denn die Forschung über Gewalttätigkeit weist signifikant mehr Gewalthandlungen in homosexuellen als in heterosexuellen Beziehungen aus. Ganz abgesehen davon, dass der sexuelle Aspekt einer Identität sich nicht wie ein Mantel wechseln lässt.

Wer jenseits von Konflikten den Wandel von Beziehungen zwischen Männern und Frauen innerhalb einer Gesellschaft fördern will, der muss dazu fähig sein, den Anderen (und das andere Geschlecht) in seiner Widersprüchlichkeit anzuerkennen, d.h. in seinen ansprechenden wie problematischen Seiten. Denn allein durch die Lösung von Konflikten lässt sich die beziehungsreiche Welt von Männern und Frauen langsam, aber sicher fortentwickeln.

Ein grundsätzliches Problem ist dabei, wie die natürliche Arbeitsteilung, nach der der Mann die äußere Natur und die Frau die Reproduktion der Gattung durch das Gebären verkörpert, in ein austariertes zeitgemäßes Verhältnis gebracht werden kann. Das verändert nicht nur die äußeren Lebensbedingungen, sondern ganz besonders auch die tradierte Kultur insgesamt. Dabei steht nicht nur die Veränderung der sozialen Rollen von Männern und Frauen in Berufen, dem öffentlichen Leben und der Politik an. Zugewiesene Rollen werden in aller Regel von außen durch soziale Kräfte gesteuert, die über den Arbeitsmarkt und die Konkurrenz zwischen den Menschen wirksam werden. Ob diese Steuerung nachhaltig wirksam wird, hängt entscheidend davon ab, ob jeder einzelne die internalisierten Gefühle der Vergangenheit, also die verinnerlichte Tradition aus ihrer Selbstverständlichkeit herauslösen und auf die neuen Aufgaben in anerkennender Weise ausrichten kann. Hier handelt es sich um langfristig wirksame Veränderungen, die nicht selten merklich hinter den schnellen Rollenveränderungen der ökonomisch beherrschten Sphäre herhinken.

Die alten Rollen leben fort

Beispielhaft zeigt sich das in der Vorliebe vieler Frauen für die Arbeit mit Kindern. Ihre traditionelle Gefühlswelt lässt sie das Familienähnliche auch im Beruf suchen. Deshalb sind technische Berufe ihrer Gefühlswelt eher fremd.

Vergleichbare Probleme haben Männer. Denn menschheitsgeschichtlich ist ihre Gefühlswelt unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit davon geprägt, dass sie sich mit den Unbilden der äußeren Welt auseinandersetzen müssen. Das selbstverständlich Wagemutige und nicht selten Heroische ist deshalb traditionell mit Männlichkeit verbunden. Dafür erhielten sie nicht nur Anerkennung und Bewunderung von Frauen. Sie lösten damit ebenso deren sexuelles Begehren aus. Wenn sie versagten, unterblieb die Anerkennung und sexuell begehrenswert schienen sie dann auch nicht mehr. Das machte Männer stolz und selbstgewiss. Und verletzlich, wenn sie versagen. Ihre Berufswahl ist deshalb eher auf das Neue als auf das Gewohnte ausgerichtet.

In der Zwischenzeit ist die archaische Eindeutigkeit dieser Dynamik aber verdeckten Erscheinungsweisen gewichen: Sie ist noch wirksam, aber nicht mehr so leicht zu erkennen. Wie sehr dieses menschheitsgeschichtlich basale Arrangement die männliche Psyche noch immer beherrscht, können wir in extremer Weise in der Selbstinstrumentalisierung von Männern für die Interessen von Frauen und besonders für feministische Politik beobachten. Sie setzen sich für sie ein, allein geleitet von dem Wunsch, Frauen zufriedenzustellen. Dieser Wunsch ist so übermächtig, dass er unter Wissenschaftlern dazu führte, dass nicht wenige die feministische These von der alleinigen Gewalttätigkeit von Männern in Partnerschaften vorbehaltlos unterstützten, obwohl mittlerweile über 200 Studien zur partnerschaftlichen Gewalttätigkeit vorliegen, die zeigen, dass Gewalt in Partnerschaften ein symmetrisch verteiltes Verhalten ist. Man kann erkennen, dass an die Stelle der äußeren Naturbeherrschung im archaischen Modell der Arbeitsteilung die zeitgemäße Versorgung der Frauen mit ideologischem Wohlbefinden getreten ist. Lediglich ein Wandel der Befriedigungsform hat stattgefunden: Sie unterstützen feministische Ziele, indem sie Forschung vereiteln oder deren Ergebnisse unterdrücken, die jene Frauen zufriedenstellt, deren Wohlbefinden davon abhängt, dass sie keine Verantwortung für sich selber übernehmen müssen. So können sie ihre Aggressivität verleugnen. Profeministische Männer verkörpern eine strenge Wiederholung archaisch anmutender Arbeitsteilung, die Frauen vor den Herausforderungen des außerfamiliären Lebens befreien will. In Wirklichkeit sind diese Männer herrschsüchtig und bevormundend. Ihr Profeminismus gaukelt ihnen eine Lage vor, nach der sie sich als allmächtige Beschützer bedrohter Frauen fantasieren können, ohne es in Wirklichkeit jedoch zu sein. Sie schmeicheln sich selbst.

Dieser archaische Männertypus löst besonders in modernen Gesellschaften Erstaunen aus. Denn immer mehr Frauen wünschen diese Fremdversorgung nicht mehr, weil sie sich traditionell männlichen Herausforderungen stellen und Verantwortung, die Männern bislang im Berufsleben oblag, selber übernehmen wollen. Dieser Männertyp wirkt antiquiert, da er sich Sorgen auflädt, die Frauen selber übernehmen.

Problematische Bevorzugung von Frauen im Beruf

Die Wirksamkeit archaischer Traditionen im Geschlechterarrangement lässt sich obendrein in den Vorlieben von Frauen für die Übernahme außerfamiliärer Verantwortung aufspüren. Sie streben vielfach in Berufe, die der narzisstischen Selbstdarstellung (wie Medien, Werbung, Mode etc.) und dem Gefühl der schnellen Befriedigung durch emotionale Beziehungen besonders entgegenkommen und dem Einsatz ihres erotischen wie sexuellen Kapitals – wie Catherine Hakim im Sociological Review 2010 beschreibt – profitable Investitionsmöglichkeiten bieten. Dort sind Frauen mit ausschließlich hohem Bildungsabschluss besonders erfolgreich. Weniger auffällig sind sie dort, wo traditionell männliche Tugenden wie zähes Beharren und beständiges Streben schnelle Erfolge und schnelle narzisstische Befriedigung ausschließen oder erst auf lange Sicht verheißen.

Männer riskierten dabei heute wie in der Vergangenheit Kopf und Kragen, um die stetig steigenden Erwartungen der Frauen und Kinder nach höherem Lebensstandard und Sicherheit in der Hausarbeit, Familie und Gesellschaft zu fördern. (In den gefährlichsten Berufen gibt es so gut wie keine Frauen. Ebenso wenig in den körperlich anstrengendsten wie psychisch herausfordernden und denen, die Tötungsfähigkeit und -bereitschaft in Kriegshandlungen voraussetzen.) Das traditionelle Risikomonopol der Männer wird heutzutage eingeschränkt. Allerdings ist die – bereits erwähnte – Vermeidungshaltung von Frauen unübersehbar. Sie stellt einen ungelösten Konflikt dar, der sich als Diskriminierung der Männer niederschlägt. Gleichheit der Chancen für Männer wie Frauen darf sich nicht nur auf Erstrebenswertes und Glamouröses in der Berufswelt beziehen.

Denn Arbeit war für Männer nie Selbstzweck, sondern sinnvolles Handeln, eingebettet in die stillschweigende Übereinkunft, Ehefrau und Kinder gut zu versorgen und sich die Familie und Partnerschaft als Raum der Erholung und Selbstfindung zu erhalten. Was früher stillschweigende Übereinkünfte waren, wird gegenwärtig vor allem in den gebildeten Schichten durch ausdrückliche Absprachen über partnerschaftliche Lebensplanung ersetzt.

Andererseits hat es am klassischen Modell der geschlechtlichen Arbeitsteilung seit der Dominanz der kapitalistischen Verwertung der Arbeitskraft spätestens seit dem 19. Jahrhundert immer schon Abstriche gegebenen. Denn ohne außerfamiliäre Lohnarbeit der Frauen wäre das Überleben der Familie der Unterschichten nicht zu sichern gewesen. Beschleunigt wurde diese Rollenangleichung – jenseits der Arbeiterbewegung – durch die Frauenbewegung. Sie postulierte als politisches Ziel, was in der Arbeiterschaft hingegen der ökonomischen Not entsprang: Frauenarbeit und gleiche Entlohnung.

Gerade die moderne Frauenbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich aus der Studentenbewegung der 1968er Jahre entwickelt hat, war weitgehend eine Bewegung von Töchtern der gebildeten Schichten. Die Frauen der Unterschicht, aber auch deren Männer, standen ihr fremd gegenüber, denn deren Programmatik erschien ihnen allzu lebensfremd und elitär. Was heutzutage frauenpolitisch als Frauenförderung gefordert wird, gilt in der Unterschicht als zusätzliche Privilegierung von bildungsmäßig eh schon Privilegierten die in Quotenpolitik ihren organsierten Ausdruck findet (Amendt 2011).

Denn Frauenförderung hat zum Ziel, Frauen aus Gründen der Geschlechterparität in Leitungsfunktionen zu hieven - und nicht aufgrund von Bewährung und Effizienz im Konkurrenzkampf mit anderen Bewerbern. Die politisch betriebene Aufstiegsförderung kann die Mehrheit der beruflich tätigen Frauen nicht nachvollziehen, noch weniger sie unterstützen, da ihre eigenen beruflichen Erfolge letztlich trotzdem an die Konkurrenz mit anderen Bewerbern geknüpft sind und von ihrer geringeren Ausbildung eingeschränkt werden. Ob der CEO ein Mann oder eine Frau ist, ist für ihre Lebensverhältnisse unerheblich. Gleichstellende Frauenförderungspolitik läuft nicht nur auf die Diskriminierung von Männern im Wettbewerb hinaus. Sie ist für den größten Teil der Bevölkerung eine Form der Förderung unter politisch Gleichgesinnten, die im Anschluss an die konkurrenzfreie Beförderung an die Voraussetzungen ihres Aufstiegs nicht mehr erinnert werden wollen.

Wie die Männer schlechtgemacht werden

Über Männer hat es in den vergangenen 30 Jahren im Westen einen Diskurs in Massenmedien, Wissenschaften, Forschung und Politik gegeben, der das Wesen von Männlichkeit entwertete. Paul Nathanson und Katherine Young haben diese Entwicklung empirisch unter dem Begriff (2001 und 2006) für die Medien erforscht. Die mysandrische Rhetorik, die in die Medien Einzug hielt, ist an Männern keineswegs folgenlos vorbeigegangen. Darüber kann auch ihr bislang deprimiertes Schweigen nicht hinwegtäuschen, das allerdings seit mehr als zehn Jahren von vielen Männern durchbrochen wird, die durch diskriminierende Gesetze nach der Scheidung ihre Kinder verlieren. Die Auswirkungen habe ich aufgezeigt in Scheidungsväter .

Der männerfeindliche Diskurs, der von regierungsfinanzierten Frauenorganisationen betrieben, aber auch von einigen Frauenzeitschriften unterstützt wird, dürfte gerade unter gebildeten jüngeren Männern zu Identitätsverwirrungen, Zweifeln an ihrer Väterlichkeit und letzlich zu einer Schwächung des Wunsches nach Kindern geführt haben. Ihre Heirats- und Zeugungsfreudigkeit hat statistisch gesehen nachgelassen. Denn auch an vielen deutschen Universitäten werden sie in Pflichtkursen mit einer systematischen Entwertung der Geschichte ihrer Väter sowie einer generellen Identifizierung von Männlichkeit mit Negativität und Gewalttätigkeit konfrontiert.

So sehen Studenten zwar, dass Frauen äußerst erfolgreich sein können, wenn sie die gleichen Chancen zum Wettbewerb nutzen. Absurderweise werden sie trotz ihres Kompetenzzuwachses aber ständig als Opfer dargestellt und bevorzugt. Dies trägt zu einer idealisierenden Ideologisierung von Männern als quasi Allmächtigen bei. Die Idealisierung des Mannes als den ewig Starken mit den „breiteren Schultern“ bleibt trotz der negativen Konnotierung deshalb unüberhörbar; ganz in der menschheitsgeschichtlichen Tradition als Beherrscher der äußeren feindlichen Welt. Männliche Belastbarkeit wird damit zugleich nicht nur idealisiert, sondern indirekt abermals eingefordert. Der Feminismus lässt hier einen seiner wesentlichen Widersprüche erkennen. Vorwurfsvoll werden Frauen als Opfer etikettiert, aber gleichzeitig werden sie als allmächtig vorgeführt, obwohl nur eine Handvoll von ihnen über die Machtfülle verfügt, die der feministischen Ideologie und Wunschwelt vorschwebt. Ich habe diesen Widerspruch in einem Beitrag für die Zeitschrift als Opferverliebtheit des Feminismus oder: die Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit (2004) und als Widerstand gegen Selbstverantwortung interpretiert.

Im Gegensatz dazu hat die Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren Empowerment, Selbstermächtigung, praktiziert. Sie wollte widersprüchliche Interessen zwischen Männern und Frauen klären und eingeschliffene Arbeitsteilungen und Erwartungshaltungen zwischen ihnen aufheben: Eben Wandel durch Konfliktlösungen erreichen. Mit dem Zerfall der 68er-Bewegung hat das allerdings ein jähes Ende gefunden. Anstelle von Selbstbefähigung setzte die erwähnte dichotome Weltenteilung des Feminismus in Machtvolle und Machtlose ein. Die feministischen Zirkelinhaber katapultierten sich in den Status quasi-messianischer Erlöser. Ihre elitären Ideologien enteigneten Männer wie Frauen ihrer Individualität. Paradoxerweise in einem Zeitalter, das als das der Individualisierung verkündet wurde. In gewisser Weise hat die feministische Ideologie Frauen zu passiven Wesen ohne Durchsetzungskraft erniedrigt. Das ähnelt verblüffend dem Diktum, vom „physiologischen Schwachsinn des Weibes“, das Paul Justus Möbius 1908 in die Welt setzte, um Frauen vor der Berufswelt zu „beschützen“. Ähnliches wird heute zum Ausdruck gebracht. Demnach bräuchten Frauen einen Retter und Schutz zum Überleben. Damals sollte die Rettung der vom Manne beschützte heimische Herd sein. Heute ist es ein umgestalteter Staat nach Maßgabe feministischer Vorgaben, der Männer im Namen der Gleichstellung (nicht der Chancen dazu) diskriminieren und Frauen konkurrenzlos fördern soll.

Manche Männer reagieren darauf mit Arroganz, indem sie die augenscheinlich lustvolle Opferverliebtheit von Feministen als Abkömmling weiblichen „ewigen Lamentierens“ abtun. Sie schwiegen sogar dann noch, als sich die sozialdemokratische Partei den Kampf gegen die Männlichkeit als Voraussetzung von Menschlichkeit ins Parteiprogramm schrieb und auf Plakaten des Bundesfamilienministeriums alle Jungen als potentielle Vergewaltiger in den Fußstapfen ihrer gewalttätigen Väter vermutet wurden.

Die Ausgrenzung der Väter

Die Abwertung der Männlichkeit mit dem Ziel, Väter aus der Familie auszugrenzen, ist eines der Kernprojekte des Feminismus. Dieses Projekt wurde über parteiliche Forschung (advocacy research) verfolgt, die zuvörderst von Regierungsagenturen finanziert wurde. Das hat sichergestellt, dass sich Feminismus freundliche Forschung legitimieren ließ und dass die Selbstevaluierung feministischer Projekte der Überprüfung durch etablierte Wissenschaft entzogen werden konnte. Die Delegitimierung von Väterlichkeit wurde dabei entlang zweier strategischer Behauptungen betrieben.

Die eine gründete darauf, dass Gewalt in Ehen und Partnerschaften prinzipiell vom Mann ausgehe und dass Gewalt gegen Frauen ebenso Gewalt gegen Kinder sei und sie zu einer Leidensgemeinschaft verschweiße. Gewalttätigkeiten von Frauen wurde hingegen für unmöglich gehalten. Diese Behauptung hat mehr als 25 Jahre den öffentlichen Diskurs und die Familienpolitik beherrscht. Daraus sind vielerlei beschützende Projekte wie Frauenhäuser, Frauenparkplätze und Beratungsstellen hervorgegangen. Deren Hintergrund war ein nur mäßig kaschierter Hass auf alles Männliche. Wenn nicht in der Praxis, so doch zumindest in den politischen Annahmen.

Die Bereitschaft der allgemeinen Öffentlichkeit, Frauen begeistert als Opfer wahrzunehmen, mag erklären, warum Forschungsergebnisse, wie die von Murray Straus an der University von New Hampshire, kein Gehör in der Öffentlichkeit fanden. Straus hat bereits 1985 herausgefunden, dass Frauen genauso gewalttätig wie Männer sind. Die vergangenen Jahrzehnte waren jedoch von einer gegenläufigen Tendenz in modernen Gesellschaften geprägt. Ganz im Gegensatz zur überbordenden Individuationsrhetorik wurden Frauen als Opfer von männlichen Tätern klassifiziert. Offensichtlich ist hier aber der Wunsch der Vater des Gedankens. Erst in den letzten Jahren hat sich der mühselige Prozess auch in den USA und Canada beschleunigen können, der die unterdrückten Forschungsergebnisse über weibliche Gewalt ans Tageslicht brachte. Unterdrückt werden die Aussagen von Frauen, dass sie genauso häufig gegenüber dem Ehe- und Lebenspartner gewalttätig werden wie dieser ihnen gegenüber. Frauen unterscheiden sich weder in den Formen der leichten, der mittelschweren oder der schwersten Gewalttätigkeit von Männern. Es besteht eine Symmetrie der Gewalttätigkeit. Die feministische Schutzbehauptung, dass auch Frauen durchaus gewalttätig würden, aber dann nur zur Selbstverteidigung, hat vor den Aussagen der befragten Frauen keinen Bestand. Weil Gewalt offensichtlich ein Partnerproblem ist, habe ich 2009 in der Welt ) gefordert, dass Frauenhäuser zu schließen seien, weil sie auf der unbegründeten Annahme beruhen, dass allein Frauen durch Gewalt gefährdet seien. Statt Frauenhäusern habe ich Zentren für Familien mit Gewaltproblemen gefordert. Denn Mütter sind gegen ihre Kinder nicht weniger, sondern häufiger gewalttätig als die Väter.

Die zweite Behauptung, die den feministisch organisierten Frauenschutz begründen sollte, bezog sich auf das Verhalten von geschiedenen Männern. Ihnen wurde vorgehalten, dass sie sich ihren Unterhaltsverpflichtungen massenhaft entziehen und die Beziehung zu ihren Kindern abbrechen. Scheidungen, die zu 80% von Frauen beantragt werden, würden ein Armutsrisiko allein für Frauen darstellen, weil das Scheidungsrecht die materielle Bereicherung des Mannes als „patriarchalische Rendite“ vorsehe. Diese These bezieht sich vor allem auf eine Studie der Harvardprofessorin Lenore Weitzman The Divorce Revolution von 1985, die eine durchschnittliche Bereicherung der Männer durch ihre Scheidung um 70% und eine Verarmung der Frauen um 40% behauptet. Der Wegfall des Schuldprinzips im Scheidungsrecht habe zur Verelendung der Frauen geführt, weil das Scheidungsrecht ein Recht Männern Männer sei. Die Studie gehört zu den am häufigsten zitierten wissenschaftlichen Studien überhaupt. Auch sie entsprach dem Wunsch, geschiedene Frauen als Opfer und hilfsbedürftige Wesen zu beschreiben. Die Glorifizierung alleinerziehender Frauen als Opfer ging Hand in Hand mit der Rhetorik von Feministen und linken Regierungen, die Alleinerziehende einer klammheimlichen Heroisierung und Mitleidskultur unterwarfen. Das hat letztlich zu deren sozialer Privilegierung gegenüber verheirateten Paaren mit Kindern geführt. Lenore Weitzman´s Forschung schien das hinreichend zu begründen. Allerdings hatte ihre Studie einen erheblichen Mangel. Ihre Ergebnisse waren grob fehlerhaft, weil die Berechnungen von feministischer Parteilichkeit (englisch: advocacy research) motiviert war, staatliche Hilfen für alleinerziehende Frauen zu mobilisieren. Mehrere Wissenschaftler haben die Studie wiederholt. Allerdings konnten sie nie die Ergebnisse von Weitzman bestätigen. Mehr als zehn Jahre später räumte die Wissenschaftlerin unter dem Druck der Wissenschaftscommunity ein, dass ihre Ergebnisse falsch seien. An der Tatsache, dass Scheidungen für Beteiligten, besonders in den unteren Schichten, ein Verarmungsrisiko enthalten, ändert das allerdings nichts. Es beseitigte aber den Eindruck, dass Ex-Ehemänner die Ursachen dieser Verelendung seien.

Mutter Staat

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Politik des Feminismus den demokratischen Prozess durchaus geschwächt hat. Denn was als Konflikt zwischen Männern und Frauen ausgetragen werden müsste, endet in der Zuschreibung von vermeintlich unveränderlichen Wesensmerkmalen in Stagnation. Männer werden abgewertet und Frauen idealisiert; beides vereitelt Verständigung und sozialen Wandel. Männer und Frauen stehen sich dann gegenseitig im Wege. Da der Feminismus gemeinsame Lösungen für unmöglich hält, soll der Staat als dritte Partei zu Gunsten der Frauen tätig werden. Er soll tief in die Privatsphäre und das Geschlechterarrangement eingreifen. Er soll das partnerschaftliche Leben unter möglichst weitgehende staatliche Kontrolle bringen. Sein Ziel soll es sein – wie eine finnische Seminarteilnehmerin formulierte – zum besten Freund jeder Frau zu werden. Die intime Sphäre von Paaren der staatlichen Aufsicht zu unterwerfen, kommt dem Verzicht auf Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung gleich. Dagegen müssen Männer und Frauen sich gemeinsam wehren. Die Einladung an Frauen, sich der „verzückten Opferbesessenheit“ des Feminismus anzuschließen, ist für Partnerschaften nicht weniger destruktiv wie es für Gesellschaften abträglich ist, weil sie Frauen die autonome Gestaltung ihres Lebens unmöglich machen. Für die männliche Gefühlswelt hingegen geht von unzufriedenen Frauen weiterhin die Aufforderung aus, dass sie sich aus traditionellen Rollen und Gefühlen nicht befreien dürfen. Das Prinzip des sinkenden Ozeanriesen , Frauen und Kinder zuerst, wird damit ins Unendliche fortgeschrieben. Der Feminismus verhindert die Modernisierung der Geschlechterarrangements. Er verkörpert den Holzweg, von dem abzukommen, sich für Männer wie Frauen gleichermaßen lohnt.

Gerhard Amendt
ist Professor em. für Geschlechter und Generationenforschung und Gründer des gleichnamigen Instituts der Universität Bremen, Autor mehrerer auch englischsprachiger Bücher zu Geschlechterbeziehungen, darunter I did not divorce my kids (2008). Weitere englischsprachige Texte zum Download unter www.gerhard-amendt.at.
Ursprünglich erschienen in GOETHE-INSTITUT, ART&THOUGHT, 94, Januar 2011 mit geringfügen Änderungen und Ergänzungen versehen.

Übersetzungen des Textes liegen in Englisch, Arabisch und Farsi vor.

Bildnachweis: George W. Bush, Michael W. Hagee, Peter Pace, James Amos

 

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