Geschlechterdebatte

Was vom Manne übrig blieb – Das Problem der männlichen Identität

1. Juni 2012, von Prof. Walter Hollstein

Was vom Manne übrigblieb

Im Folgenden möchte ich einige Bemerkungen zu Problemen der männlichen Identität in der heutigen Gesellschaft machen. Die Betonung liegt auf "Bemerkungen". Im Gegensatz zu der Lebenssituation von Frauen, die inzwischen eigentlich in allen Schattierungen und auf allen Lebensstufen sehr gut erforscht worden ist, sind Männerwelten bisher eher rudimentär beschrieben worden. Freuds "dark continent" sind heute die Männer, nicht mehr die Frauen. Das ist auch ein stückweit die Verantwortung von Männern, aber nicht nur.

Damit bin ich eigentlich gleich bei meiner ersten These. Die öffentliche Wahrnehmung ist durch den Einfluss von Frauenbewegung und Feminismus in den letzten Jahren sehr selektiv eingestellt worden. Weibliches Problemverhalten wird öffentlich kaum thematisiert, andererseits werden männliche Probleme, vor allen Dingen männliche Benachteiligungen nicht wahrgenommen.

Ich versuche das an einem - wie ich finde - sehr eindrücklichen Beispiel aus den USA zu verdeutlichen. Joan Ryan, selber Feministin, hat vor kurzem einen größeren Artikel im "San Francisco Chronicle" geschrieben über Selbsttötung in der Adoleszenz. Motivation war, dass einer der Freunde ihres einzigen Sohnes sich selber umgebracht hat. Dieser Suizid hat sie sehr erschüttert, weil es ihren Sohn sehr erschüttert und ihr auch eine große Angst ausgelöst hat. Sie ist dem Fall dann nachgegangen und ist über den konkreten Fall auf das statistische Material gestoßen, das belegt, dass mehr als 86% der Selbsttötungen im Jugendalter in den USA auf Jungen entfallen.

Was vom Manne übrig bliebJoan Ryan hat dann die Fantasie entwickelt, wie die gesellschaftliche Reaktion wohl aussähe, wenn es umgekehrt wäre. Dann - so beschreibt sie - gäbe es einen nationalen Aufschrei. Die Zeitungen wären voll davon; die großen nationalen Talkshows nähmen sich des Themas an; die Regierung würde sofort Geld für Präventionsprogramme zur Verfügung stellen usw. Dann schreibt sie: “Meine feministischen Schwestern und ich würden uns sogleich fragen, was läuft denn falsch in einer Kultur, in der so viel mehr Mädchen als Jungen gezwungen sind, ihrem Leben selber ein Ende zu setzen?“.

Dass sich männliche Jugendliche suizidieren, ist es aber kein öffentliches Problem. Es wird auch in unseren Breitengraden unproblematisiert hingenommen, dass sich in der Adoleszenz 8-10 mal mehr Jungen umbringen als Mädchen, und im Erwachsenenalter 3-4 mal mehr Männer als Frauen.

Männnlichkeit scheint gesellschaftlich nicht mehr viel wert zu sein. Vor ein paar Jahren hat ein Meinungsforschungsinstitut in Berlin einige tausend Berlinerinnen und Berliner gefragt, ob sie stolz auf ihr jeweiliges Geschlecht seien. 81% der Frauen haben es bejaht, aber nur 17% der Männer. Das kann man als Beleg nehmen für die gegenwärtige Identitätskrise des männlichen Geschlechts. Aus früheren Zeiten lassen sich andere Dokumente finden. Goethe formuliert in seinem Drama "Egmont": "Welch Glück sondergleichen, ein Mannsbild zu sein". Nun werde ich das selbstverständlich nicht als Ideal präsentieren, zumal es vielleicht auch ungerecht gegenüber Goethe wäre, der ja auch ganz andere Männerbilder beschrieben hat, z.B. im Werther.

Wesentlich erscheint mir in diesem Kontext, dass eine solche Überhöhung und Idealisierung des eigenen Geschlechts - ob sie nun früher in Bezug auf Männer oder heute ja häufig in Bezug auf Frauen formuliert wurden - immer auch bedeutet eine Abwertung und Deformierung des jeweilig anderen Geschlechts. Friedrich Nietzsche hat in seinem Essay „Jenseits von Gut und Böse“ geschrieben: “Der Mann muss das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum auffassen.“ Vor knapp mehr als 100 Jahren hat der Leipziger Arzt Paul Möbius einen kleinen Bestseller gelandet mit dem Titel “Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. Das könnte man ausdehnen, also auch auf hauseigene Autoren und Vorbilder wie z.B. Sigmund Freud, das schenke ich mir jetzt.

Dieses androzentrische Erbe sollten Männer nicht vergessen. Das ist das eine, das andere ist, dass solche Idealisierungen immer auch verbunden sind mit einem Defizit an Selbsterkenntnis und Selbstreflexion. Wer sich selbst erhöht, der vermeidet ja auch kritisches Nachdenken über sich selbst, und das ist sicher nach wie vor noch ein Problem von nicht wenigen Männern. Ein Beispiel dazu. Kurz vor der inzwischen vorletzten Bundestagswahl hat die „Brigitte“ ein langes Interview mit dem damaligen Kanzler veröffentlicht. Es war überschrieben mit einem Zitat von Gerhard Schröder :“Es reicht doch, wenn ich Ich bin.“ Das ist typischer Ausdruck dieser traditionellen, selbstherrlichen Haltung, die nur sich selber wahrnimmt.

Kurz eine allgemeine Bemerkung: In den Sozialwissenschaften wird „Identität“ differenziert in personale und soziale Identität. Unter personaler Identität versteht man das Bild, das wir so von uns selbst entwerfen, wie wir uns selbst sehen und wahrnehmen, also unser Selbstkonzept. Die soziale Identität ist das, was wir an Status erworben haben, was wir an Rollen in der Gesellschaft übernehmen müssen.

Diese Trennung ist eine theoretische. Das Selbstkonzept speist sich realiter sehr stark aus den eigenen sozialen Erfahrungen, und offenbar ist es auch so, dass dies bei Männern das noch ein Stück stärker ist als bei Frauen. Bei Männern ist Identität auch stärker verbunden mit der eigenen Arbeitsleistung und mit dem, was man arbeitend erreicht hat. Der Arbeitsmann ist eigentlich immer noch in unserer Kultur das Maß aller Dinge, obwohl das von der Realität längst überholt wurde. Ich nenne nur einige Indikatoren:

Arbeit ist heute für keinen Mann mehr eine lebenslange Garantie, wie in den 50er und 60er Jahren. Auch die männliche Ernährerrolle ist mitnichten mehr eine Selbstverständlichkeit. Im Gegensatz dazu steht, dass Männer immer noch auf diese Ernährerroller-Rolle fixiert sind - selbst dann, wenn ihre Frauen wesentlich mehr verdienen als sie und sie also allenfalls Nebenverdiener sind.

Das worüber Männer arbeitend sich früher klassisch definieren konnten, ist heute weitgehend erodiert: Bergbau, Schwerindustrie, Metallbranche und inzwischen ist auch die Autoindustrie nicht länger krisenfest. Es ist für Männer auch sehr viel schwieriger geworden, sich mit ihrer Arbeit zu identifizieren, da Millionen Männer z.T. mehrfach ihre Arbeit verloren haben, sich umschulen ließen, wieder neue Arbeit beginnen mussten, dann auch die nach ein paar Jahren verloren haben. Das macht klassische Identifikationsprozesse kaum noch möglich.

Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft sich immer mehr zur einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt, und Dienstleistungen sind etwas, was Frauen aufgrund ihrer Sozialisation von Empathie, Teamwork, Aufmerksamkeit, Emotionalität oder Kooperation sehr viel besser können. Es gibt in diesem Zusammenhang ja auch den Slogan: “Die Zukunft der Arbeit ist weiblich“, was sich auch jetzt in der Krise verdeutlicht.

Aktuell sind wesentlich weniger Frauen arbeitslos geworden als Männer. Es gibt Länder, in denen das noch sehr viel dramatischer ist als bei uns. In Kanada z.B. sind in den letzten zwei Jahren von allen Menschen, die arbeitslos geworden sind, 81% Männer. Auch wenn man auf die jungen Männer und Frauen schaut, sind die jungen Männer signifikant häufiger arbeitslos als Frauen.

Dann noch eine letzte Entwicklung, wobei ich mich auch eigentlich immer wundere, dass diese kein öffentliches Thema ist: Wenn man sich die sozial Benachteiligten unserer Gesellschaft anschaut: chronisch Kranke, Langzeitarbeitslose, Obdachlose, Wanderarbeiter usw., dann sind es fast ausschließlich Männer. Ich bin immer solidarisch gewesen mit der feministischen Forderung, dass Machtpositionen, die ja nach wie vor von mehr Männern als von Frauen bekleidet werden, gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt sein sollen. Aber dann würde ich der Gerechtigkeit halber auch diskutieren wollen, wie es mit der Quote bei Entsorgungsarbeiten, dem Transport von Gefahrengütern oder bei der Müllabfuhr aussieht.

Schließlich sei noch auf eine brisante Entwicklung hinzuweisen, auf die der heute verstorbene Ralf Dahrendorf schon vor 15 Jahren aufmerksam gemacht hat: die Proletarisierung junger Männer in England; heute spricht man etwas beschönigend von Prekarisierung. Dahrendorf hat darauf hingewiesen, dass eine ganze Schicht junger Männern aus dem Arbeitsprozess herausgefallen ist und zwischen Apathie und Gewalt am Rande der Gesellschaft lebt.

Inzwischen belegen auch Berichte aus Deutschland, z.B. die Berliner Untersuchung "Not am Mann", dass es vornehmlich in den neuen Bundesländern eine größere Schicht von jungen Männern gibt, die mit minimalen Budgets auskommen müssen, die aufgrund ihrer prekären Lage keine Chance auf eine Partnerschaft haben und die sich negativ auszeichnen durch ein soziales Rückzugsverhalten.

Das ist auch politisch nicht ungefährlich, weil Apathie demokratischer Teilhabe entgegensteht. Äußern sich diese Männer dennoch politisch, tun sie dies dann häufig im rechtsextremen Spektrum, nicht zuletzt auch, weil der Rechtsextremismus ein im traditionellen Sinne intaktes Männerbild vertritt. Darauf haben auch schon vor mehreren Jahrzehnten eine Sinus-Untersuchung im Auftrag der damaligen Bundesregierung oder der Gießen-Test von Horst-Eberhard Richter und Elmar Brähler hingewiesen, ohne dass das z.B. Folgen für die politische Bildungs- und Jugendarbeit gehabt hätte.

Ein zweiter Problembereich, der in der öffentlichen Wahrnehmung auch immer zu kurz kommt, ist die gesundheitliche Situation der Männer. Im Prinzip führen Männer bei fast allen Krankheiten - von der kleineren Erkältung über die Bronchitis bis zur Leberzirrhose oder HIV-Infektion - die Statistiken an. Männer sind im gesellschaftlichen Durchschnitt sehr viel kränker als Frauen, und sie sterben im gesellschaftlichen Durchschnitt sechs Jahre früher. Auch hier erhebt sich die Frage, wie wäre die öffentliche Anteilnahme, wenn das Geschlechterverhältnis umgekehrt wäre.

Symptomatisch für den gesellschaftlichen Umgang mit Männlichkeit ist auch der Tatbestand, dass die Politik trotz der Krankheits- und Mortalitätsfakten seit Jahren einen Männergesundheitsbericht verweigert. Frauengesundheitsberichte gibt es dagegen seit Jahren.

Ein drittes und vorletztes Beispiel ist der Auch hier haben sich die Verhältnisse in den letzten Jahren sehr stark verändert. Während vor 2o-30 Jahren noch Mädchen diskriminiert waren, geschieht dieses heute mit Jungen. Nun sind Jungen die „Problemgruppe“. Jungen ballen sich in den Hauptschulen, signifikant weniger Jungen als Mädchen machen Abitur, signifikant weniger studieren. In den USA - die uns immer ein stückweit voraus sind, positiv und negativ- sind schon mehr als zwei Drittel der Studierenden junge Frauen.

Auch praktisch alle Schulprobleme liegen bei Jungen, ob es sich um Schulversager handelt, vorzeitige Schulabgänger, Legastheniker, Kinder mit autistischen Störungen oder Kinder mit dem ADHS-Syndrom, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Lage der Geschlechter wird man aber noch grundsätzlicher anschauen müssen: Klaus Hurrelmann hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass Jungen heute 80% ihrer Zeit mit Frauen verbringen, also mit Müttern, Tanten, Omas, Freundinnen der Mütter etc., so dass man eigentlich schon von einem weiblichen Erziehungsghetto sprechen muss, ohne das dies jetzt mit Schuldzuweisungen verbunden sein soll. Das weibliche Erziehungsghetto zuhause setzt sich fort im Kindergarten, in den Grundschulen, inzwischen auch in den Gymnasien. Jungen sind überwiegend mit Frauen konfrontiert, mit Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Lehrerinnen, bei Schulschwierigkeiten mit Sozialarbeiterinnen und mit Psychologinnen.

Männer sind in der arbeitsteiligen Gesellschaft in der Erziehung wenig präsent. Insofern gibt es eine Situation, die auch als Erziehungsmatriarchat beschrieben wird und die - mit einem älteren Wort belegt - eine "vaterlose Gesellschaft" ist. Diese Entwicklung verstärkt sich dadurch, dass Familien mehr und mehr auseinander brechen. Wenn ein allein erziehender Elternteil zurückbleibt, sind das in über 80% der Fälle Frauen, was auch mit der gängigen Sorgerechtspraxis zu tun hat.

Nach neuesten Zahlen wachsen im deutschsprachigen Raum ein Fünftel aller Jungen bei ihrer Mutter auf. Daraus ergeben sich weitere Problematiken: Heute gehen junge Frauen relativ früh vom Elternhaus weg; früher war das genau umgekehrt. Von den jungen Männern leben bis ca. dem 26. Lebensjahr noch 40% zuhause; bei den über 40jährigen sind immerhin noch 8% bei ihrer Mutter. Das ist fast schon ein bisschen makaber.

Simone de Beauvoir hat sehr eindrücklich beschrieben, dass sie sich als Mädchen und als Frau in den Schulbüchern ihrer Zeit niemals wiederfinden konnte, weil die Helden immer Männer waren. Heute hat sich das sehr stark verändert. Schulinhalte und Schulbücher sind sehr feminisiert worden. Ich habe unlängst in einer großen deutschen Sonntagszeitung die Klage einer Berliner Mutter gelesen, die ihren Sohn zweimal aus der Schule genommen hat, weil er da einfach unglücklich war.

Im Fach Deutsch mussten die Kinder Bienengeschichten lesen, im Kunstunterricht Schmetterlinge malen und beim Sport Schleiertänze aufführen. Als Reaktion seien die Jungen dann sehr unruhig gewesen. Als Folge hätten sie sich immer wieder vor der Türe wiedergefunden oder seien mit Schulanweisungen nach Hause gekommen.

Jungen haben es heute in der Schule schwerer als Mädchen, man lässt sie einfach nicht mehr Jungen sein. Noch ein weiteres Beispiel: Ich hatte unlängst eine Diskussion in Basel, in der ein Lehrer erzählt hat, dass in seiner Schule jetzt eine Rektorin amtiert. Eine ihrer ersten Maßnahme war, auf dem Schulhof aus der Spielfläche, wo die Jungen Fußball gespielt und herumgetobt hatten, "Kommunikationsflächen" zu machen; denn sie sei als Frau der Auffassung, dass kommunizieren gesünder sei als Raufen. Das ist sicherlich nicht bösartig, sondern die Umsetzung ihrer weiblichen Denk- und Handlungsmuster. Nur: Die Jungen und deren männliche Bedürfnisse bleiben dabei auf der Strecke.

Über den Einfluss eines gewissen Feminismus und der einseitigen Praxis von "Gender Mainstreaming" ist solches nun allerdings weithin auch offizielle Politik geworden. Den Jungen sollen Eigenschaften abtrainiert werden, die, wie Bewegungsdrang, Wettbewerb, Leistungsstreben oder Autonomie, traditionelle Qualitäten von Männlichkeit sind. Eine Frauen- und Gleichstellungsministerin Ihres Landes hat vor einigen Jahren vom "Ausmerzen" dieser männlichen Eigenschaften gesprochen. Jungen müssten sich halt heute einfach in ihrem Verhalten an den Mädchen ausrichten, die Mädchen würden jetzt vorgeben, was richtig ist und was falsch.

Zur plastischen Einordnung solcher Politik ein Wort der amerikanischen Philosophin Christiana Hoff Sommers, die sich selber auch als kritische Feministin bezeichnet: “Wenn Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute leben würden, würde man bei ihnen ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostizieren und sie mit Ritalin ruhigstellen.“

Nun wird man solches noch etwas verallgemeinern müssen: Mir ist unlängst ein Buch aufgefallen, 2003 erschienen, von der amerikanischen Psychologin, Michele Weiner-Davis, mit dem Titel “Jetzt ändere ich meinen Mann“, Untertitel :“Wie Sie ihn umkrempeln, ohne dass er es merkt“. Das ist ja an sich schon wenig nett. Aber das Makabere daran ist, dass diese Psychologin allen ernstes dieses Umerziehungsprogramm konzipiert anhand des klassischen amerikanischen Hundetrainings. Im Klartext: Männer werden wie Hunde dressiert werden.

Ein irischer Psychiater, Anthony Claire, hat 2002 ein Buch geschrieben über seine Erfahrungen mit Männern. Darin stellt er die These auf, dass Männlichkeit heute aufgrund des feministischen Diskurses eigentlich eine Art Abweichung darstelle. Dies dünkt mich schon ein plausibler Gedanke. Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass sehr viele Eigenschaften, die früher Männern in einer sehr positiven Art und Weise zugeschrieben wurden sind, heute sehr negativ konnotiert werden. Aus Mut ist heute Aggressivität geworden, aus der männlichen Leistungsfähigkeit Karrierismus, aus der Autonomie eine Unfähigkeit zur Nähe.

Die Zuschreibungen haben sich gedreht. Was früher positiv war, ist heute negativ. Vor einer Weile hat mir eine Studentin ein Gedicht aufs Pult gelegt; es hat den Titel „Männer“. Von den zehn Strophen möchte ich zwei zitieren:

"So unnütz wie Unkraut wie Fliegen und Mücken
so lästig wie Kopfwehschmerz und Ziehen im Rücken
so störend wie Bauchweh und stets ein Tyrann,
das ist dieser Halbmensch sein Name ist Mann.

Er steht nur im Weg ´rum, zu nichts zu gebrauchen,
ist immer am meckern und ständig am fauchen,
er ist auf der Erden, ich sag´s ohne Hohn,
vom Herrgott die größte Fehlkonstruktion."

Das mag vordergründig noch lustig sein. Mit dem Spaß hört es auf, wenn wir in eine bestimmte feministische Literatur schauen. Ein populäres, weil auch weit verbreitetes Beispiel dafür ist die Bestseller-Autorin Marilyn French. In ihrem bekanntesten Werk „Frauen“ („The Women´s Room“) unterstellt French den Männern ausschließlich die drei Bedürfnisse des Vögelns, Tötens und Geldmachens. Ihre Definition von Männlichkeit ist eindeutig: „Was ist überhaupt ein Mann. Alles, was ich (...) um mich herum sehe, sagt mir, ein Mann ist einer, der fickt und tötet (..) und einer, der Geld verdient“.

Da aber nun die Männer, die die Autorin kennen gelernt hat, dem Töten wenig frönen konnten, „und keine großartigen Helden im Ficken sind und (in den meisten Fällen) nur in bescheidenem Maße Geld verdienten,“ so haben sie doch auch nichts anderes zu bieten. „Sie sind nur langweilig“. Wenn French in die Welt schaut, erblickt sie „verrottete Männer“ und „so großartige Frauen“.

So resümiert sie denn in ihrem Roman: „Meine Gefühle den Männern gegenüber sind das Ergebnis meiner Erfahrung. Ich empfinde wenig Sympathie für sie. Wie ein Jude, der gerade aus Dachau entlassen worden ist, sehe ich, wie der hübsche junge Nazisoldat sich windend, mit einer Kugel im Bauch, zu Boden fällt, und ich sehe nur kurz hin und gehe weiter. Ich brauche nicht einmal mit den Schultern zu zucken: Es berührt mich einfach nicht“.

Männer sind also generell Nazis, die als Unterdrücker und Widerlinge nichts anderes als den Tod verdienen. Das ist Männerhass pur. Dieser besonderen Hervorhebung bedarf es im übrigen nicht, weil French die Antwort in „Women’s Room’ selber liefert: „Du denkst jetzt, ich hasse die Männer. Ich glaube, das stimmt“.

Männerhass (Misandrie) ist per definitionem eine aggressiv feindselige und herabsetzende Haltung gegenüber Männern aufgrund ihres Geschlechts. Insofern ist Misandrie als Gegenpart zur Misogynie (Frauenhass) ebenso rassistisch und sexistisch wie dieser. In der Misandrie werden Männer als das angeblich von Natur aus böse Geschlecht diskriminiert und herabgesetzt.

In der Folge ist das eine Demütigung von Männern. Das verstärkt sich jeweils noch beim Thema Sexualität. Alice Schwarzer hat ja auch seinerzeit schon in ihrem Buch „Der kleine Unterschied“ den Penis als männliches Unterdrückungsinstrument dargestellt. Die amerikanische Radikalfeministin Andrea Dworkin geht noch weiter: "Die Aversion der Frauen gegen den Penis und gegen Sexualität muss als Weigerung der Frauen gewertet werden, dem wichtigsten Werkzeug männlicher Aggression gegen Frauen zu huldigen.“

Diese verbale Militanz wird dann noch verstärkt und setzt sich in eine physische um: “Ich möchte einen Mann zu einer blutigen Masse geprügelt sehen mit einem hochhackigen Schuh in seinen Mund gerammt, wie ein Apfel im Maul eines Schweins.“ Man hat mit Recht männlichen Sexismus, männliche Verachtung gegenüber Frauen kritisiert; aber Männerhass dünkt mich keinen deut besser.

Dabei ist der Feminismus - wenn man Simone de Beauvoir oder Betty Friedan nimmt oder auch jüngere Feministinnen, wie die Amerikanerin Susan Faludi oder die Französin Elisabeth Badinter - mit einem ganz anderen Menschenbild angetreten. Gloria Steinem hat in diesem Sinne ausdrücklich davon gesprochen, dass es dem Feminismus um die Vermenschlichung beider Geschlechterrollen geht. Davon ist im Radikal- oder Vulgärfeminismus nichts mehr übrig geblieben.

Nun ist in diesem Kontext ein wichtiges Thema, wie sich solche Bilder auf das männliche Selbstverständnis oder, anders formuliert, auf die männliche Identität auswirken? Adolf Portmann, der große Basler Zoologe, hat schon vor fünfzig Jahren darauf hingewiesen, dass wir Menschen Bilder von uns brauchen, um uns orientieren zu können. Tiere sind instinktsicher und werden von ihrem Instinkt geleitet. Wir Menschen als instinktarme Wesen müssen hingegen Selbstkonzepte entwickeln, um uns in der Welt zurechtzufinden. Die moderne Neurobiologie geht noch sehr viel weiter und definiert Leben als notwendigerweise Bilder generierenden Prozess.

Wenn nun solche demütigenden Bilder weitergereicht werden, vor allem an Jungen und junge Männer, ist dies in der Auswirkung fatal. Es führt zu Verhaltensunsicherheit, Desorientierung, Menschenverachtung und Gewalt. Empirische Untersuchungen korrelieren dieses negative Männerbild mit der zunehmenden Orientierungslosigkeit von jungen Männern und diese Orientierungslosigkeit wiederum mit der zunehmenden Gewalt.

Nun werden - und das ist bisher nicht thematisiert worden - solche negativen Bilder nicht nur von Frauen weiter getragen, sondern auch von Männern. Wir Männer sollten uns vielleicht auch einmal Gedanken darüber machen, wie es um unserer Würde eigentlich bestellt ist.

Volker Elis Pilgrim, einer der ersten Vertreter des Männerthemas in Deutschland, hat einmal sehr bündig geschrieben: “Männer sind sozial und sexuell Idioten". Andere Männer haben sich einfach zu Feministen erklärt, wie z.B. der Berliner Psychologe Wilfried Wieck. Andere Vertreter der Männerbewegung sind noch weiter gegangen. Rob Stoltenberg, ein US-amerikanischer Autor, hat schlicht erklärt, er weigere sich ein Mann zu sein. Er hat dazu auch das Buch geschrieben: “Refusing to be a man“.

Das makaberste Beispiel dieser Entwicklung von männlicher Selbstverleugnung ist wohl Robert Connell, Soziologe, renommiertester Männerforscher unseres Zeitalters, Gutachter der Vereinten Nationen, und Verfasser grundlegender Männerbücher. Connell ist vor kurzem zur Frau mutiert und trägt jetzt den weiblichen Vornamen Raewyn.

Noch ein allgemeineres Wort dazu: Es gibt parallel zur Frauenforschung auch eine Männerforschung. Wenn man sich da die Forschungsstrategien, die Themen und die Ergebnisse anschaut, dann muss man sich schon sehr wundern, dass diese Männerforschung sich a priori - also auch ohne überhaupt richtig zu forschen - auf Problembereiche beschränkt, die die feministische Frauenforschung vorgegeben hat: Machterwerb, Gewalt, Krieg, Unterdrückung, Pornografie oder sexueller Missbrauch.

Die Forscher bemühen sich nicht einmal, vorurteilslos und empirisch objektiv zu fragen, wie denn männliche Wirklichkeit tatsächlich aussieht. So kommen männliche Armut, männliche Deklassierungsprozesse, Misandrie, Ungerechtigkeiten bei Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren gegenüber Männern gar nicht erst in den "wissenschaftlichen" Blick. Stattdessen werden auch Änderungsvorschläge und Programme an weiblichen Zielvorstellungen und weiblichen Handlungsmustern ausgerichtet. Männer sollen sich an Frauen orientieren.

Es gibt seit geraumer Zeit auch spezifische Männertherapien, Männerberatungsstellen oder sozialpädagogische Männerarbeit. Wenn man sich deren Erfahrungswissen einmal anschaut und kritisch würdigt, dann ist der vorgeschlagene feministische Weg von feministischen Männern eindeutig ein Irrweg.

Es gibt so etwas wie eine männliche Gesetzlichkeit und die lautet: "Die Heilung des Mannes geschieht nicht über die Identifizierung mit dem Weiblichen, sondern in der eigenen aktiven Suche nach dem Männlichen". Das heißt im einzelnen:

  • die Auseinandersetzung mit unseren Wünschen und Träumen,
  • die Orientierung und Abarbeitung am Vater,
  • die Beziehung zum "großen" Vater als geistigen Lehrmeister (Vorbilder, Ideale etc.),
  • die Beziehung zu unserem eigenen "Tier", in unserem Körper und unserer Sexualität (das Animalische),
  • die Auseinandersetzung mit unserem "Schatten" (Aggressivität, Abgründe, Fehler etc.).

Auch in der alltäglichen Realität hat sich ja der "Softy" nicht unbedingt bewährt, weder bei den Männern noch bei den Frauen.

Zur Identitätsbildung gehört auch der Entwurf zu einer Art Dramaturgie des Lebens; in dieser definiert man selber seinen Standort in der Gesellschaft und im Umgang der Geschlechter und man bestimmt seinen Selbstwert. Schaut man da heute auf die jungen Männer, muss das Resultat dann doch sehr stimmen.

Die deutsche Bundesregierung hat zum 20jährigen Bestehen des Frauen- und Familienministeriums eine empirische Untersuchung über "20jährige Frauen und Männer" machen lassen, in der repräsentativ Lebensentwurf und Zukunftsvorstellungen ermittelt wurden. Das wesentliche Resultat: “Die jungen Männer leiden in ihrer subjektiven Befindlichkeit und fühlen sich in der Defensive. Die Frauen schreiben das Drehbuch und geben den Figuren eine Rolle. Der Mann ist Schauspieler mit der einzigen Aufgabe, die ihm zugeschriebene Rolle auszufüllen.“ Nun geht es nicht darum, ob diese Aussage im Einzelfall nun wirklich auch stimmt; es geht darum, dass die überwiegende Mehrheit der jungen Männer das heute so empfindet.

Wenn man heute auf die empirischen Befunde schaut, wird man feststellen müssen, dass Frauen, speziell junge Frauen, die Modernisierungsgewinner sind und junge Männer die Modernisierungsverlierer. Verlierer halten habituellerweise an traditionellen Vorstellungen fest, weil diese ihren letzten Halt darstellen. Wenn nichts anderes mehr so richtig funktioniert, wird auf Altes zurückgegriffen, auch wenn es sich als antiquiert erwiesen hat. In diesem Falle ist das die traditionelle Männlichkeit.

Männer formulieren in diesem Sinne und entgegen der wirtschaftlichen Realitäten, dass sie der alleinige Ernährer ihrer Familie sein wollen und die Partnerin, spätestens dann, wenn Kinder kommen, zuhause bleiben soll etc. Das steht nun überhaupt nicht mehr im Einklang mit den Vorstellungen der meisten jungen Frauen. Wenn ich noch einmal auf die genannten Studien Sinus, Shell oder z.B auch auf die österreichische Wertestudie rekurriere, dann ist es so, dass heute mehr als 80% der jungen Frauen einen sog. "modernen" Lebensentwurf haben. Das heißt konkret: Sie möchten erwerbstätig sein, sie möchten sich im Beruf selbst verwirklichen, sie möchten Karriere machen, aber sie möchten auch Familie haben.

Insofern ist die Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf dann ganz wichtig für sie und dafür wünschen sie sich auch ganz ausdrücklich einen partnerschaftlichen Mann, der Kindererziehung und Haushalt mit ihnen teilt. Nicht einmal 25% der jungen Männer haben einen vergleichbaren Lebensentwurf. So kann man sich vorstellen, zu welchen Problemen es dann einfach kommt, wenn - einmal ganz simpel gerechnet - mehr als 80% jungen modernen Frauen nicht einmal 25% junge moderne Männer gegenüber stehen. Der Crash der Geschlechter ist vorprogrammiert - mit den dramatischen Folgen von Trennungsleid und Kinderelend.

Die gegenwärtige deutsche Geschlechter- und Familienpolitik nimmt solche Tatbestände nach wie vor nicht zur Kenntnis. Sie macht weit stur und einseitig Frauenpolitik und Mädchenförderung und bleibt für die Probleme von Männern und Jungen blind. Jeweils ist dann die Empörung groß, wenn unbeachtete junge Männer dann mit gewaltsamen Aktionen auf sich und ihre Nöte aufmerksam machen. "Wir sind ein Problem, weil wir ein Problem haben".

Es wäre also an der höchsten Zeit, auch die Bedürfnisse und Problemlagen des männlichen Geschlechts politisch zur Kenntnis zu nehmen. Es bräuchte für Männer und vor allem für Jungen und junge Männer auch eine neue gesellschaftliche Orientierung. Vorgaben dafür gibt es z.B. auch aus der Männerbewegung. Jene Männer, die schon 1980 im kalifornischen Berkeley das erste "Männerzentrum" gegründet haben, haben damals formuliert: "Wir als Männer möchten unsere volle Menschlichkeit wieder haben... Wir möchten uns selbst gern haben; wir möchten uns gut fühlen und unsere Sinnlichkeit, unsere Gefühle, unseren Intellekt und unseren Alltag zufrieden erleben".

Dieser Wunsch ist bei einer Minderheit sicher vorhanden. Damit es auch zum Wunsch der Mehrheit wird und damit auch Frauen auf andere, veränderte Männer stoßen, müssten nicht nur Männern sich anstrengen, sondern Politik und Erziehungsinstitutionen hätten eine solche Entwicklung auch nachhaltig zu unterstützen.

Der Vortrag, gehalten im Juni 2009 bei der "Psychoanalytischen Vereinigung", basiert auf meinem Buch: "Was vom Manne übrig blieb - Krise und Zukunft des „starken“ Geschlechts" (Aufbau Verlag), Berlin 2008. Alle Quellen, Literaturangaben und Zahlen aus dem Vortrag sind dort ausführlich belegt.

 

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