Geschlechterdebatte

„Individuelle Freiheit oder kollektivistischer Feminismus“

8. Mai 2012, von Prof. Gerhard Amendt*
(* Gründer des Instituts für Geschlechter und Generationenforschung der Universität Bremen)

Wer allen Ernstes glaubt, dass die Fortsetzung der Frauenbewegung der institutionalisierte Feminismus gewesen sei, der muss nicht minder verwegen behaupten, dass die kommunistischen Zirkel der 70er Jahre die Weiterentwicklung der 68er Bewegung gewesen seien. Beide sind vielmehr Auflösungserscheinungen der damaligen Studentenbewegung. Was feministische und kommunistische Zirkelbildung im Kern unterschied, war die aufklärerische Überzeugung der 68er, dass Männer und Frauen unbesehen ihrer sozialen Klassenzugehörigkeit individuell und zugleich gemeinsam ihr Konflikte lösen können.

Von dieser Vorstellung hat der Feminismus nichts wissen wollen. Er hält es für ausgeschlossen, dass Frauen sich aus problemreichen Lebensverhältnissen ohne fremde Hilfe befreien könnten. Er entwarf einen facettenreichen Opferdschungel, der jede Hoffnung auf individuelle Veränderung unmöglich erscheinen ließ. Vom anspruchsvollen Weg der Aufklärung fiel er zurück in die autoritäre Erlösung der Massen durch besserwisserische Eliten. An die Stelle der Welterlösung unter roten Fahnen trat im Feminismus das Banner des Hasses gegen alles Männliche, das alle Frauen vereinigen sollte.

Den fanatischsten Feministinnen waren abgeschnittene Penisse als Symbole Frauen befreiender Macht gerade nur recht. Andere beschieden sich eher mit der um sich greifenden Mysandrie, die kein gutes Haar an Männern ließ und sie als allmächtige Täter dämonisierte. Die Mysandrie fand ein Zuhause in vielen Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, in Zeitschriften- und Buchverlagen, besonders im Alltag der Universitäten, den Schulen und ganz besonders in der Politik - eigentlich überall, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. All das ist nicht neu.

Hingegen ist neu wie das Altbekannte plötzlich in die Öffentlichkeit dringt, die bislang von diesem Wissen kunstvoll ferngehalten wurde. Auch und gerade das Bundesfamilienministerium hat unbesehen seiner parteipolitischen Besetzungen kräftig am Schleier dieser verhängnisvollen Ideologie mit gestrickt. Nicht zu Unrecht steht der Vorwurf im Raum, Studien und Kampagnen finanziert zu haben, deren Ergebnisse durch willfährige Feministen in Wissenschaft, Aktionsgruppen und Beratungseinrichtungen vor Überraschungen schützten sollten. Als unliebsame Überraschung galt, dass Männer doch gänzlich anders sind, als ihre abschätzigen Beschreibungen es nahelegen. Denn das hätte an den Grundfesten der feindseligen Polarisierung der Geschlechterbeziehung gerüttelt. Die Mär vom weiblichen Opferstatus wäre in sich zusammengebrochen. Auch der grundgesetzlich verbotenen positiven Diskriminierung, die Frauen zu Lasten von Männern bevorzugt, wäre damit das Fundament entzogen worden. Annäherung in den Beziehungen von Männern und Frauen durften nicht einmal gedacht werden. Als eine Familienministerin der CDU in Gutsherrenart von Männern als "Kerlen" unwidersprochen reden konnte, war jedem klar, dass der Geist des Freund-Feind-Denkens Ton angebend geworden war. Sprachlos nahm das die Öffentlichkeit hin, obwohl Unbehagen bereits spürbar wurde.

Jetzt hingegen wird donnerähnlich gegen den Mythos von den wehrlosen Frauen eine selbstbewusste Korrektur gesetzt: Danke, emanzipiert sind wir selber! JenerFeminismus wird zurückgewiesen, der meint, dass einige auserwählt seien, Frauen und Männern vorgeben zu müssen, wo der Weg zur Veränderung lang geht. Die gut gemeinte Entmündigung durch Rollendiktat wird als totalitäre Zwangsbeglückung abgelehnt. Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, dass Frauen sich als "feministisch" beschreiben. Vielmehr geht es um den institutionalisierten Feminismus, der politisch die Ideologie einer gespaltenen Gesellschaft betreibt und dessen Überleben daran hängt, dass sich daran nichts ändert.

Es gibt zwischen den damaligen kommunistischen und heutigen feministischen Elitezirkeln trotz sonstiger Unterschiede eine augenfällige Gemeinsamkeit. Das, was sie für richtig halten, muss den uneinsichtigen Massen als Beglückung aufgezwungen werden. Sie versprechen sich vom Einzelnen nichts, und dass er das Gute für sich selber zu erkennen vermag, trauen sie ihm ebenso wenig zu. Deshalb hat der Feminismus alle Frauen in den Topf eines homogenen Opferkollektivs geworfen. Diesen Topf führen die Feministen dann ins gelobte Land, in dem Milch und Honig fließt. Das hat weder etwas mit der Frauenbewegung zu tun, noch ist es zukunftsfähig. So stellt sich beschleunigt heraus, dass der illusionäre Wunsch des ideologischen Feminismus, für immer und ewig eine soziale Bewegung vortäuschen zu können, nicht fortpflanzungsfähig ist.

Die große Hoffnung ist bereits zerstoben, dass eine geschmeidige Übergabe der Stafette an die Generation der jungen Frauen erfolgen könne. Die lehnen nicht nur die Loyalitätserwartung der mysandrisch gestimmten Altvorderen ab. Sie mögen auch den grantig frustrierten Ton über Männer nicht, noch wollen sie abgeschnittene Penisse als Siegestrophäen von der Walstatt bejubeln. Sie entziehen sich der mysandrischen Rhetorik feministischer Ikonen, die das Fühlen der jungen Generation vergiften will.

Und was ist die Antwort auf diesen Versuch der Selbstbesinnung? Es trifft sie derselbe aus lebensgeschichtlicher Enttäuschungen entstandene schneidende Hass, der sich allen Kritikern bislang entgegengestellt hat. Wer sich der quasi-religiösen Erlösungsbotschaft des Feminismus entzieht und der Ideologie der polarisierten Welt von bösen Männern und guten Frauen abschwört, der wird wie in jedem leicht durch Wahnvorstellungen zusammengehaltenen Zirkel zum Verräter. Deshalb trifft sie der Hass einer Bascha Mika, die ihnen Erbärmlichkeit und Fahnenflucht mitten im tobenden Kampf vorwirft. Der Urteilsspruch lautet: frevelerische Vernachlässigung des Gruppengeistes und Hinwendung zu Individualität und Freiheit. Das trifft alle, die meinen: Emanzipieren können wir uns selber!

Es holt jener Ungeist sie ein, mit dem bislang Männer in Wissenschaft, Berufen und Institutionen verfolgt werden, wenn sie sich der bräsigen Opferideologie widersetzten und auf der gemeinsam zu verantwortenden Geschichte wie der Suche nach gemeinsamen Lösungen bestehen. Ungleichheit sehen Feministen als Folge des Frauseins und nicht durch die Zugehörigkeit eines jeden zu einer sozialen Klasse oder seiner Lebensplanung bestimmt. Geschlecht hätte mutmaßlich die Kategorie der sozialen Lage als Bestimmung von Status, Einkommen und Familienkultur ausgehebelt.

Woran lässt sich nun aber zeigen, dass der Feminismus das emanzipatorische Interesse der Frauenbewegung durch totalitär Anmutendes ersetzt hat? Das sei an den Massendemonstrationen gegen die illegale Abtreibung in den 70ger Jahren gezeigt. Dieser sozialen Bewegung ging es darum, dass Frauen durch Bevölkerungspolitik und christliche Moral nicht zu "Gebärmaschinen" herabgewürdigt werden. Mein Bauch gehört mir war ein politisch verdichteter Slogan, der das Recht "auf Verfügung" über den eigenen Körper beschrieb. Die Bewegung gegen das Abtreibungsverbot des § 218 StGB handelte kollektiv, damit in erster Linie Frauen ihr Leben individuell gestalten können. Es ist diese Individualisierung, die vom ideologischen Feminismus aufgegeben wurde und die den radikalen Bruch mit der Frauenbewegung markiert.

Vergleichbar kommunistischen Zirkeln wurden die Interessen des Einzelnen der Ideologie elitärer Zirkel untergeordnet. Die Organisation war alles, der Einzelne hingegen nichts. Im Hinblick auf den Feminismus wurde das lange Zeit nicht wahrgenommen. Zwar war die Öffentlichkeit nicht gerade begeistert, aber vom Unterhaltungswert der aggressiven Rhetorik doch einigermaßen gefangen. Wozu sich aufregen, solange es einem persönlich nicht betraf.

Das ändert sich zur Zeit. Denn immer mehr Eltern werden von den Auswirkungen feministischer Ideologie auf ihre Söhne in Kindergärten, Schulen und Universitäten aufgeschreckt. Lange Jahre waren die Menschen bereit, sich Darstellung von Frauen als Opfern aus Schuldgefühlen, aus widersprüchlichem Amüsement oder Sprachlosigkeit über sich ergehen zu lassen. Das Ende dieser Duldsamkeit beschleunigt sich zur Zeit, weil die feministische Ideologie partnerschaftlich ausgehandelte Familienmodelle von Millionen von Menschen als rückschrittlich abtut. Frauen und Männern soll die Möglichkeit genommen werden, ihre familiäre Arbeitsteilung nach privaten Wünschen auszuhandeln. Stattdessen soll feministische Rollendiktatur herrschen, die Frauen wie Männer zur beruflichen Karriere zwingt. Spätestens hier wird augenfällig, dass es dem institutionalisierten Feminismus nicht um die selbst gewählte Gestaltung persönlichen Lebens, sondern um die Ausrichtung der Menschen entlang feministisch verordneter Zwangsbeglückung geht. Dieser Zwang gilt Feministinnen als gerechtfertigt, weil ihre undurchschaute persönliche Feindseligkeit gegenüber Männern keinen andern Ausweg aus Konflikten sich vorstellen kann. Deshalb sollen alle Frauen durch Ganztagsbeschäfigung und vergesellschaftete Kindererziehung ökonomisch unabhängig werden.

Nach der Logik des Opferfeminismus müsste diesem das "wahrhaft feministische Manifest" der englischen Arbeitsmarktökonomin Catherine Hakim willkommen sein, das die Anerkennung des Werts von erotischem Kapital und weiblicher Fruchtbarkeit empfiehlt. Sie sieht die größtmögliche ökonomische Unabhängigkeit aller Frauen herauf ziehen, wenn diese ihre erotischen Ressourcen gewinnbringend einsetzten. In einem marktökonomisch orientierten Beitrag von 2011 schlug Hakim vor, dass Frauen aus dem größeren sexuellen Begehren von Männern, die ständig immer nur das eine wollen, nie versiegendes Kapital schlagen. Geld für Sex müsse im Beruf und genauso in Partnerschaften als Tauschprinzip anerkannt werden, weil Männer das erotische Kapital der Frauen glauben kostenlos verwerten zu können.

Männern und Frauen die Wahl ihres familiären Leben zu überlassen, würde aber auch das weit gefächerte System bevormundender Hilfen in Frage stellen, das in den letzten 30 Jahren einem Schleppnetz gleich über das Phantasma der schutzbedürftigen Frauen ausgebreitet wurde. Emanzipiert zu sein und sein Leben selber zu bestimmen, würde die Arbeit zahlloser feministischer Ratgeberinnen, Opferforscherinnen und Mentorinnen untergraben, die aus der Ideologie feindseliger Polarisierung und weiblicher Hilflosigkeit Existenz und Einkommen beziehen. Die Vorstellung vom weiblichen Opferkollektiv würde an Glaubhaftigkeit verlieren. Nicht minder würde das paranoide Feindbild vom Mann, der sich nicht nur in dunklen Parks, sondern in jeder Pore des gesellschaftlichen Lebens versteckt hält, um Frauen seinen patriarchalischen Absichten zu unterwerfen, seine Strahlkraft verlieren. Dann würde das Familienministerium zukünftig nur noch fördern, was die gemeinsame Verantwortung für Konflikte bedenkt.

Wie sehr feministische Phantasien von machtlosen Frauen mit dem Selbstbewußtsein junger Frauen kollidieren, zeigt ein Vorgang an der Universität Wien. Junge Frauen wehren sich vehement gegen gestandene SPÖ-Frauen, die ihnen eine Zulassung zum Medizinstudium unterhalb der Anforderungen an Männer zum Geschenk machen wollen. Sie lehnen diese Förderung ab, weil sie ihnen den Makel von Quotenstudentinnen und später Quotenärztinnen zuweisen würde. Dieses Selbstbewußtein manifestiert die Weltfremdheit einer aus Opferideologie abgeleiteten Frauenpolitik. Für SPÖ-Politikerinnen ist das hingegen Interessenpolitik, weil sie hoffen, damit ein von der Konkurrenz mit männlichen Politikern ausgenommenes Politikfeld für sich schaffen zu können.

Selber emanzipiert zu sein kommt einer Kriegserklärung an die Selbstverliebtheit von Feministinnen in die Ohnmachtsideologie gleich, die ihnen Einkommen, Sinnstifung und Herrschaft beschert. Die parallel existierenden Arbeitsmärkte ohne Konkurrenz und Leistungskontrolle in Wissenschaft, Pädagogik, Parteien und Verwaltungen stünden damit ebenso zur Disposition. Die Nutznießer der Ohnmachtsideologie wähnen sich deshalb zu Recht existentiell gefährdet, wenn Risse in ihrer politisch befeuerten Opferrhetorik erkennbar werden. Das macht nachvollziehbar, warum gegen abweichende Meinungen mit aggressiv-gewaltsam Verstößen gegen demokratische Diskursformen reagiert wird. Gewalttätigkeit hat sehr oft mit dem Gegenteil der Hilflosigkeit zu tun.

Der Erosionsprozess wird in der Wissenschaft erkennbar, wenn Professorinnen männliche Absolventen dazu gebrauchen, eigene Ansichten zu publizieren, die jedoch die politischen Ansichten der Professorin sind. Der manipulierte Student soll die harsche Kritik für Unwissenschaftliches auf sich ziehen und so die Genderprofessorin schützen. Der Schleier des Selbstverständlichen, der den Feminismus bislang umgab, reißt immer öfters ein. Das wird auch Irritationen unter Männern auslösen. Zwar haben sie in den letzten 3o Jahren zur mysandrischen Abwertung weitgehend geschwiegen. Unberührt hat es sie allerdings nicht gelassen, wie ich in der Studie über das Vielsagende Schweigen der Männer demnächst zeigen werde.

Allerdings gibt es eine Gruppe von Männern, die die feministische Ideologie vorbehaltlos anerkennt. Sie sind fest davon überzeugt, dass die feministischen Projektionen über Männer mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Sie bezeichnen sich als Pro-Feministen, weil sie sich mit den "Opfern" identifizieren und weil sie es vorziehen, lieber stark und schlecht als schwach und gut dar zustehen. Ebenso glauben sie, dass sie sich damit vor der üblichen Männerverdammung schützen können. Sie wähnen sich von der Mysandrie nicht gemeint. Nach den Ausführungen der Bundesfamilienministerin, Kristina Schröder, und Caroline Waldeck (Piper Verlag 2012) trifft sie nicht zum ersten Mal der Vorwurf, an der Infantilisierung von Frauen aktiv mitzuwirken.

Das Bild von den Frauen als Opfern beschreibt ein synthetisches Kollektiv, das mittlerweile nicht nur politisch, sondern andernorts zu einem einträglichen Geschäftsfeld geworden ist. Fragen, wie Männer und Frauen ihre privaten und beruflichen Beziehungen mit oder ohne Kinder in einer ständig sich wandelnden Welt und vor allem schwerwiegenden ökonomischen Verwerfungen miteinander vereinbaren, sind viel zu komplex, als dass sie dem polarisierenden Denken von Feministinnen überlassen werden sollten. Zum Glück äußern sich jetzt auch immer mehr Männer zu diesen Fragen. Die Zeit des vielsagenden Schweigens hat ein Ende!

Bildnachweis: Kristina Schröder


 

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