Geschlechterdebatte

Männerdiskriminierung ist legal! - Ist sie das?

Von Prof. Günter Buchholz   11. April 2012

In den Hochschulen wird regelmäßig die vom „Netzwerk- und Karrieremagazin für High Potentials“ in München herausgegebene Zeitschrift „high potential“ verteilt (Hrsg. Caspar Brandi, München).

In der Ausgabe 12/2011 & 01/2012 findet sich auf S. 36 ein kurzer Artikel zum Thema „Ist spezielle Frauenförderung eigentlich gerecht?“. Diese von einem Leser des Magazins stammende Frage wird dort von der Univ.-Prof. Dr. Renate Ortlieb, Universität Graz, beantwortet. Sie wurde offenbar als Mitherausgeberin (mit Gertrud Krell und Barbara Sieben) des Buches „Chancengleichheit durch Personalpolitik“, das in 6. Aufl. im Gabler Verlag in Wiesbaden erschienen ist, um ihre Stellungnahme gebeten. Der Quellentext aus high potential lautet ungekürzt:

Ist spezielle Frauenförderung eigentlich gerecht? Stefan T. (27) aus Frankfurt/Main schreibt uns:

´Ich arbeite in einer Unternehmensberatung als Junior Berater. Mir und meinen männlichen Kollegen fällt deutlich auf, dass die weiblichen Beraterinnen (sic!) von den Vorgesetzten klar bevorzugt werden. Neulich hat ein Partner dies offen damit begründet, dass es für die Firma viel schwieriger sei, Beraterinnen zu gewinnen und vor allem zu halten als männliche Berater und man von daher auch zu mehr Zugeständnissen bereit sei. Für die Kolleginnen gibt es beispielsweise spezielle Rhetorikschulungen, an denen Männer nicht teilnehmen dürfen. Ich finde dieses Vorgehen nicht in Ordnung. Meine Kollegen raten mir aber von einer Beschwerde ab, da ich sonst schnell als Mimose oder Querulant dastehen würde. Muss man als Mann eine solche Zurücksetzung einfach runterschlucken, weil Frauen es lange Zeit schwerer im Beruf hatten?´

Die Personalexpertin Professor Dr. Renate Ortlieb nimmt Stellung zu der Frage:

´Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Sie sich zurückgesetzt, ausgeschlossen und benachteiligt – kurzum ungerecht behandelt fühlen. Und dies nicht als Individuum, sondern als Mitglied einer sozialen Gruppe. Nur weil Sie ein Mann sind. Und nur ´weil Frauen es lange Zeit schwerer im Beruf hatten´, wie Sie schreiben.

Allerdings: Gehört die Benachteiligung von Frauen tatsächlich der Vergangenheit an? Im Gegenteil, Ihre Kolleginnen erfahren auch heute noch Diskriminierungen. Die zugrundeliegenden Mechanismen können dabei subtil und nahezu unsichtbar sein. So zeigt die Forschung beispielsweise, dass Frauen in Meetings systematisch überhört werde, ihre Talente und Leistungen übersehen werden und sie seltener in soziale Netzwerke und Mentoring-Beziehungen eingebunden sind als Männer.

Dies schlägt sich unter anderem im 23-prozentigen Gender Pay Gap nieder – das heißt, der Bruttostundenverdienst beträgt im Durchschnitt nur gut drei Viertel des Verdienstes von Männern. Wenn ihr Arbeitgeber nun verschiedene Maßnahmen von Frauen beziehungsweise zur Vermeidung von Benachteiligungen eingeführt hat, so hat dies also nicht nur etwas mit vergangenen Zeiten zu tun, sondern es ist quasi ein ´Gegengift´ zu heutigen diskriminierenden Praktiken.

So sieht es auch der Gesetzgeber, der solche Maßnahmen explizit erlaubt: Arbeitgeber dürfen nach Paragraf 5 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes sogenannte ´positive Maßnahmen´ umsetzen, um die Benachteiligung von Frauen zu verhindern oder auszugleichen. Zu beachten ist, dass diese Maßnahmen geeignet und angemessen sein müssen. Das heißt, die von Ihrem Arbeitgeber angebotenen Rhetorikkurse müssen zum Abbau von Benachteiligungen ihrer Kolleginnen beitragen (= Eignung). Außerdem darf der Eingriff in die rechte Dritter nicht zu stark sein. Es ist also zwischen den bestehenden Benachteiligungen ihrer Kolleginnen und den Benachteiligungen, die Ihnen und Ihren männlichen Kollegen durch den Ausschluss von den Rhetorikkursen entstehen, abzuwägen (= Angemessenheit).

Viele Unternehmen setzen mittlerweile positive Maßnahmen um. Sie tun dies nicht aus sozialen oder moralischen Gründen, sondern weil sie wissen, dass ihr Unternehmen davon wirtschaftlich profitiert, wenn Frauen und Männer die gleichen Chancen im Hinblick auf ihr berufliches Vorankommen und ihre Persönlichkeitsentfaltung haben. Davon scheint ja auch ihr Arbeitgeber überzeugt zu sein. Er weicht damit übrigens auch nicht vom Grundsatz der Bestenauslese ab, wie manche befürchten. Denn meritokratische Prinzipien werden durch positive Maßnahmen gerade nicht verletzt, sondern – Stichwort Gegengift – ausdrücklich unterstützt.

Genau wie ihre Kollegen rate auch ich Ihnen daher von einer Beschwerde ab. Nicht nur wegen des Vorwurfs, eine Mimose oder ein Querulant zu sein, sondern weil mir die Praktiken Ihres Arbeitgebers effektiv und effizient erscheinen. Letztendlich werden sie damit auch für Sie persönlich vorteilhaft sein!´

Kritischer Kommentar

Das Ergebnis von Frau Ortlieb lautet - hier in meinen Worten und auf den Punkt gebracht:

Männerdiskriminierung ist gerecht und sie ist legal! Ist sie das aber wirklich? Bevor ich darauf eingehe, sind jedoch einige kritische Anmerkungen nötig.

Erstens fehlt im Hinblick auf angebliche Forschungsergebnisse bezüglich der Benachteiligung von Frauen jegliche Quellenangabe; diese Aussage hat daher hier den Status einer bloßen Behauptung.

Zweitens handelt es sich bei den behaupteten, noch bestehenden Diskriminierungen von Frauen allenfalls um „gefühlte“ - oder eingebildete oder taktisch behauptete - Diskriminierungen. Es fehlt an einer Objektivierung. Wären solche Diskriminierungen von Frauen nachweisbar, dann könnten Sie aufgrund des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes jederzeit gerichtlich eingeklagt werden.

Drittens handelt es sich beim 23-prozentigen Gender Pay Gap um eine Falschinformation, die jedoch, womöglich aus propagandistischen Gründen, hartnäckig weiterverbreitet wird; zur Kritik vgl.:

http://manndat.de/feministische-mythen/eine-legende-broeckelt-nun-auch-offiziell.html 

http://manndat.de/feministische-mythen/lohndiskriminierung-das-frauenministerium-klaert-auf.html

Viertens wird die angebliche Benachteiligung von Frauen hier zwar nicht belegt, aber dafür, nach dem Prinzip der Werbung, wie ein Mantra wiederholt, um die sogenannte positive Diskriminierung zu rechtfertigen. Aber welche denkbare Benachteiligung von Frauen sollte hier durch Rhetorik-Kurse ausgeglichen werden? Eine Schulung auf diesem Feld ist sicherlich für alle (!) Berater, männliche ebenso wie weibliche, sinnvoll und vermutlich nötig, schon deshalb, weil bei allen eine Verbesserung immer möglich sein dürfte. Jedenfalls ist das meine Einschätzung aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen als ehemaliger Senior Berater. Wenn Sie Beraterinnen vorbehalten wird, dann offenbar deswegen, weil diese rhetorische Schwächen aufweisen. Es mag betriebswirtschaftlich sinnvoll sein, diese zu beheben, aber eine vorhandene Schwäche - oder ein darauf beruhender Konkurrenznachteil - ist nun gerade keine Benachteiligung, die laut Gesetzestext allein eine positive Diskriminierung rechtfertigen könnte. Denn niemand benachteiligt hier irgendjemanden im Hinblick auf irgendetwas. Deshalb geht auch der Hinweis auf Paragraf 5 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes fehl. Wo keine Benachteiligung besteht, da ist auf Grundlage dieses Gesetzes keine positive Diskriminierung (oder Bevorzugung oder Privilegierung) zulässig.

Der Ausschluss aus der Rhetorikschulung ist allerdings objektiv eine Benachteiligung und Diskriminierung von Männern. Wenn die Unternehmensberatung die Rhetorik-Schulung in zwei getrennten Gruppen durchführen ließe, dann wären die Männer von dieser Übungsmöglichkeit nicht ausgeschlossen, aber dass sie von dieser ausdrücklich ausgeschlossen werden, ist zweifellos eine Diskriminierung. Und eine solche ist m. E. nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz unzulässig, eben weil damit alle Diskriminierungen ausgeschaltet werden sollen.

Die männlichen Junior- Berater könnten also sehr wohl anwaltlichen rechtlichen Rat einholen, um damit ggf. in einer möglichen Klage aufgrund des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes eine Gleichbehandlung durchzusetzen. Es wäre nicht das erste Gesetz, das einer juristischen Überprüfung nicht standhält.

Ob das aber in dieser Unternehmensberatungsgesellschaft politisch-praktisch oder pragmatisch gesehen ein empfehlenswerter Weg ist, das steht sicherlich auf einem anderen Blatt.

Mein Ergebnis lautet also: erstens handelt es sich in diesem Fall um Männerdiskriminierung, zweitens ist sie weder gerecht noch legitimiert, drittens ist sie nicht legal, viertens sind die von der Autorin vorgetragenen Argumente sämtlich falsch.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Cuncti-Dossier „Jung & Männlich“

13. Oktober 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Die Situation junger Männer in Deutschland wird immer prekärer.
21,6 Prozent weniger Männer als Frauen erwerben die Zugangsberechtigung zum Studium. 63,7 Prozent mehr junge Männer als junge Frauen sind arbeitslos (Jungen- und Männer-Genderindex).
 

Geschlechterdebatte

Sherlock Holmes und Professorin Moriarty

3. September 2012, von Prof. Günter Buchholz
Eine Rezension zu Hadmut Danischs Buch „Frauenquote“
Das hier besprochene und empfohlene Buch ist wichtig, weil es bewusst und begründet gegen die Political Correctness (PC) verstößt, die bekanntlich oft nicht mehr als ein öffentlicher sozial-psychologischer Zwang zur Verleugnung oder zur Lüge ist. Und manchmal nimmt sie sogar die Form offener Zensur...

Geschlechterdebatte

„Schreib nicht von Deiner Nachbarin ab!“

4. September 2012, von Robert Boder
„Lange bevor die PISA-Studie erschienen war, wussten wir beide, was in unserem Bildungswesen los ist, und ich habe einmal zu Ihnen gesagt, das komme daher, dass auf der einen Seite die Linke die Anforderungen in unseren Schulen immer weiter abgesenkt hat, um den Kindern aus nichtarrivierten Schichten den sozialen Aufstieg zu erleichtern (ein Motiv, das ich gut...

Geschlechterdebatte

So machen Sie Quotengegnergegner mundtot

4. Oktober 2012, von Stefan Sasse, zuerst erschienen auf Oeffinger Freidenker
"So machen Sie Quotengegner mundtot" verspricht die SZ anhand von den beliebtesten handentkräfteten Gegenargumenten zu erklären.
Was folgt, ist ein jeweils "beliebtes" Gegenargument zur Quote in Vorständen, um danach entsprechende Pro-Quote-Argumente zu bringen. Das ist natürlich ein Spiel, das zwei spielen können,...

Geschlechterdebatte

Cuncti-Dossier „Contra Frauenquote“

21. Oktober 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Die Frauenquote scheint eine beschlossene Sache zu sein. Die börsenorientierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen sollen ab 2016 verpflichtet sein, 30 Prozent der Aufsichtssitze mit Frauen zu besetzen.
Die Frauenquote wird die Bundesrepublik grundlegend verändern, denn sie verstößt gegen fundamentale Prinzipien unserer Gesellschaft:
 

Geschlechterdebatte

Frauenquoten und Statistik-Tricks

18. April 2013, von Thomas Petersen, zuerst erschienen bei DER STANDARD
Die Abstimmung im Deutschen Bundestag über Frauenquoten in Aufsichtsräten könnte auch für Österreich Signalwirkung haben. Wie seriös aber ist die Rechnung, die dem Ansinnen zugrunde liegt?
Oft wird angenommen, dass politische oder andere gesellschaftliche Akteure versuchen, die Öffentlichkeit dadurch zu manipulieren, dass...

Geschlechterdebatte

Die Frauenquote und ihr Rattenschwanz

27. Januar 2014, von Dr. Bruno Köhler
Die Beseitigung der Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes am Arbeitsplatz war eine der Hauptforderungen der Frauenpolitik vor 30 Jahren. Jetzt setzt die gleiche Frauenpolitik durch, dass die Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes in immer mehr Bereichen gesetzlich festgelegt wird: Per Frauenquote.
Dabei wird es nicht nur Dax-Unternehmen treffen, sondern...

Wissenschaft

Erstmals klar belegt: systematische Diskriminierung von Männern an Universitäten

22. Januar 2015, von Michael Klein
Vergessen Sie alles, was Sie über Meritokratie gehört haben! Meritokratie, das ist das Prinzip, nach dem diejenigen, die die besten Leistungen bringen, diejenigen sind, die mit begehrten Positionen belohnt werden. Professuren waren einst begehrte Positionen und Meritokratie das Prinzip, mit dem die Professuren besetzt wurden.
Unter der Ägide des...

Geschlechterdebatte

Die gesellschaftlichen Kosten einer gesetzlichen Frauenquote

Von Michael Klein   12. April 2012zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Politiker sprechen gerne von der Wissensgesellschaft, vom lebenslangen Lernen und davon, dass die moderne Welt so komplex ist. Fast als hätten manche von Ihnen Michael E. Porter gelesen, sind sie der Überzeugung, dass moderne Industriestaaten vor allem aus dem Wissen und der Technologie, die sich in Innovationen umsetzen...

Geschlechterdebatte

Rezension: “Frauenquoten – Quotenfrauen” von G. Amendt

28. Mai 2012, von Dr. Alexander Ulfig, zuerst erschienen bei MANNdat
Das Thema „Frauenquote“ ist ein Dauerbrenner. Es wird von der Politik immer wieder auf die Tagesordnung gebracht. In den Mainstreammedien wird eine Hurra-Propaganda für die Frauenquote betrieben, wobei gebetsmühlenartig immer wieder dieselben Parolen und Forderungen vorgetragen werden. Kritische Beiträge zur Frauenquote werden...

Geschlechterdebatte

Wer will die Frauenquote?

Interessen des Besitzbürgertums versus Interessen des weiblichen Angestelltenmilieus 10. November 2014, von Prof. Günter Buchholz
Wenn es - nach einem Diktum von Karl Marx - das (gesellschaftliche) Sein ist, das das Bewusstsein bestimmt, dann ist zu erwarten, dass es Sichtweisen gibt, die sich aus Gründen der sozialen Schichtung und den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Wahrnehmungs- und...

Geschlechterdebatte

Geschlecht und Neid

09. Januar 2016, von Dr. Alexander Ulfig
Neid tritt nicht nur im Verhältnis eines Individuums zu einem anderen Individuum auf. Er hat darüber hinaus gesellschaftliche Dimensionen und äußert sich auf unterschiedlichen Politikfeldern. Neid ist eine Grundlage des Feminismus und der feministisch geprägten Frauenpolitik.
Doch was ist Neid? Kann ein spezifischer Neid von Frauen auf Männer festgestellt...