Geschlechterdebatte

Geschlechterdebatte: Messen mit zweierlei Maß

Rezension zu Arne Hoffmanns "Not am Mann"

27. April 2014, von Dr. Alexander Ulfig

Moderne Gesellschaften weisen paradoxe Entwicklungen auf. Gemeint sind gesellschaftliche Prozesse, die sich gegenseitig widersprechen.

mass-terrrrwugu

Als Paradebeispiele für diese Paradoxalität können Entwicklungen herangezogen werden, die man in den kommunistischen Staaten beobachten konnte. Paradox war dort erstens die Kluft zwischen der Politik sowie den Medien einerseits und der gesellschaftlichen Realität andererseits.

Paradox war ebenfalls, dass fast alle Bürger der kommunistischen Staaten nach außen – also in der Öffentlichkeit – die kommunistischen Parolen und Phrasen nachplapperten, in Wirklichkeit jedoch etwas ganz anderes dachten. Drittens wollten die Kommunisten ein Optimum an Freiheit, Demokratie und Wohlstand, also das Paradies auf Erden schaffen, haben aber das Gegenteil davon errichtet.

Paradoxe Entwicklungen und Phänomene beobachten wir gegenwärtig in der Geschlechterdebatte und -politik. Während Politik und Medien bis zum Ermüden tatsächliche oder angebliche Diskriminierungen von Frauen thematisieren, werden die mittlerweile in allen Bereichen der bundesrepublikanischen Gesellschaft vorliegenden Benachteiligungen von Männern nicht wahrgenommen. Die Geschlechterdebatte und -politik werden von einer Paradoxie, dem Messen mit zweierlei Maß beherrscht.

Der Medienwissenschaftler und Männerrechtler Arne Hoffmann widmet dieser Paradoxie sein neuestes Buch Not am Mann. Sexismus gegen Männer. Gleich am Anfang des Buches zitiert er den Soziologen Jens Alber, der betont, dass wir in der Geschlechterdebatte

„inzwischen ein ebenso beeindruckendes wie bedrückendes Maß einer verzerrten Realitätskonstruktion erreicht haben, das allmählich einer kollektiven Gehirnwäsche nahekommt.“ (S. 7)

Verstärkt wird das Messen mit zweierlei Maß durch die Arbeit von Lobbygruppen in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft, also durch die Arbeit des institutionalisierten Feminismus: des Staatsfeminismus.

Hoffmann gibt zahlreiche Beispiele für das Messen mit zweierlei Maß vor dem Hintergrund einer breiten Analyse von Männerdiskriminierungen. Ich möchte daraus drei Beispiele herausnehmen, die sich m. E. besonders gut dafür eignen, die oben genannte Paradoxalität zu demonstrieren.

Frauen steht ab ihrem 30. Lebensjahr eine Hautkrebsfrüherkennungsuntersuchung zu, Männern erst ab dem 45. Lebensjahr, obwohl Hautkrebs bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen.Cover Not am Mann

Obwohl zwischen achtzig und neunzig Prozent der Obdachlosen Männer sind, wird es bei weitem nicht so intensiv diskutiert wie die Einführung einer Frauenquote für das obere Management, von der ca. 200 Frauen profitieren würden. Wären achtzig bis neunzig Prozent der Obdachlosen weiblichen Geschlechts, würde man mit Sicherheit ein landesweites Notstandprogramm etablieren.

Die Medien vermitteln den Eindruck, dass bei bewaffneten Konflikten Frauen „besonders stark betroffen“ seien, obwohl die meisten Todesopfer bei solchen Konflikten Männer sind. Hillary Clinton erklärte in diesem Zusammenhang vor Jahren:

„Frauen waren immer die ersten Opfer des Krieges.“ „Frauen verlieren ihre Ehemänner, ihre Väter und ihre Söhne im Kampf.“(S. 128)

Hoffmann belegt, dass hinter dieser Rhetorik ein klares politisches Kalkül steckt: Würde man Männer als Hauptopfer anerkennen, müssten die Hilfsressourcen mit ihnen geteilt werden. Und das ist politisch nicht gewollt.

Entscheidend ist die Frage, was dem geschilderten Messen mit zweierlei Maß zugrunde liegt. Welche psychosozialen Bilder und Mechanismen sind hier am Werk?

Für Hoffmann sind es ähnlich wie für den Geschlechterforscher Gerhard Amendt die traditionellen Rollenbilder. Männer merken zwar, dass sie massiv diskriminiert werden, aber sie trauen sich nicht, ihre Diskriminierungen zu thematisieren und gegen sie vorzugehen. Das würde dem traditionellen Bild vom starken Mann widersprechen. Männer sollen in unserer Gesellschaft weiterhin als die Starken, Frauen als die Schwachen, Männer als die ewigen Täter, Frauen als die ewigen Opfer gelten.

Paradoxerweise hat der Feminismus die traditionellen Rollenbilder nicht beseitigt, sondern geradezu verstärkt. Männer, die sich über ihre Lage beklagen, werden von prominenten Feministinnen als „Weicheier“, „Heulsusen“ und „Waschlappen“ bezeichnet. In diesen Bezeichnungen kommt ein reaktionäres und rechtes Männerbild zum Ausdruck: Männer sollen „stark“ sein, sich nicht beschweren, keine Ansprüche stellen usw.

In Deutschland haben solche Bezeichnungen und das ihnen zugrunde liegende Gedankengut eine ganz besondere Brisanz, denn die SS-Männer waren keine Weicheier, keine Heulsusen und keine Waschlappen; sie haben sich nicht beschwert und sind durchs Feuer gegangen. Es ist erschreckend, dass Feministinnen, die sich als „links“ bezeichnen, diesem reaktionären und rechten Männerbild folgen.

Auch im Hinblick auf die Frauen werden im Feminismus und in der Gleichstellungspolitik die traditionellen Rollenbilder nicht beseitigt, sondern reproduziert. Die Stigmatisierung von Frauen als ewige Opfer verhindert, dass sie als freie, selbständige und starke Individuen wahrgenommen werden. Nur Männern wird Freiheit, Autonomie und Stärke zugesprochen.

Der Forderung nach einer Frauenquote im Management liegt m. E ebenfalls ein traditionelles Rollenbild zugrunde: Frauen wird nicht zugemutet, Eigeninitiative zu entwickeln, eigene Firmen zu gründen und sie zum Erfolg zu führen. Sie sollen von einflussreichen und machtvollen Männern, von den Konzernbossen, mit Stellen beschenkt bzw. versorgt werden. Die traditionelle Versorgermentalität kommt in der Forderung nach Frauenquote stark zum Ausdruck.

Als Kritikpunkt bleibt anzumerken, dass Hoffmann, der als Linker gilt, auf klassen- und schichtenspezifische Benachteiligungen kaum eingeht. Diskriminierungen waren in der Geschichte der Menschheit in erster Linie klassen- und schichtenspezifisch. Menschen aus der Unterschicht (Männer wie Frauen) wurden von Menschen aus der Oberschicht (Männern wie Frauen) ausgebeutet, unterdrückt und diskriminiert. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Auf diesen zentralen Aspekt der Diskriminierung macht immer wieder der Ökonom Günter Buchholz aufmerksam. Die Gleichstellungspolitik verzichtet auf die Diskriminierungskategorie „Klasse/Schicht“ zugunsten der Kategorie „Geschlecht“, womit sie sich in unauflösbare Widersprüche verfängt; sie müsste beispielsweise zeigen, inwiefern Frauen aus oberen Schichten mehr diskriminiert werden als Männer aus der Unterschicht und warum diese Frauen in den Genuß von Fördermaßnahmen kommen, von denen Männer aus der Unterschicht nur träumen können. Die Gleichstellunspolitik kann als eine Lobby- und Klientelpolitik für eine relativ kleine Gruppe von Frauen aus der oberen Mittelschicht bezeichnet werden.

Die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling hat eindrucksvoll geschildert, worum es feministischen Netzwerken und Seilschaften geht:

„Diese Frauen versuchen mit allen Mitteln, Frauenpolitik zu erhalten und ihre Pfründe zu wahren.“
„Sich für Männer und Jungen zu engagieren, sehen sie als einen persönlichen Angriff an. Einige haben Angst um ihren Arbeitsplatz, andere wollen ihr Gedankengut einfach nicht ändern. Vielleicht können sie es auch nicht, wenn sie bereits ideologisiert sind?“ (S. 207)

Weit davon entfert, ideologisiert zu sein, bietet Hoffmann eine Perspektive für die Neugestaltung der Geschlechterpolitik. Seine Position kann als eine zutiefst humanistische bezeichnet werden. Er orientiert sich an dem Ideal der universellen Menschenrechte. Hoffmanns humanistisches Postulat lautet:

„Ein Mensch, der diskriminiert wird, zum Opfer wird oder aus anderen Gründen leidet, verdient Zuwendung und Unterstützung – unabhängig vom Geschlecht.“ (S. 10)

Hoffmann fordert dementsprechend „den Respekt vor jedem Individuum“. (S. 42) Obgleich er sich für Männerrechte und für Männerpolitik einsetzt, deutet er an, dass er das Denken in binären Kollektividentitäten (die Männer versus die Frauen) letztlich überwinden möchte. In anderen Worten: Solange Frauen bevorteilt und Männer benachteiligt werden, sollte man sich für Männer einsetzen. Sobald in der Politik ein Gleichgewicht geschaffen wird, d.h. die Belange von Frauen und Männern gleichermaßen berücksichtigt werden, könnten wir ruhig darauf verzichten, von den Frauen und den Männern zu sprechen, und wieder anfangen, Menschen als Individuen zu betrachten.

Arne Hoffmann, Not am Mann. Sexismus gegen Männer, Gütersloh 2014.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge
Politik

Wer sind wir eigentlich?

2. Juni 2013, von Bernhard Lassahn
Worum geht es? Um Liebe, Dreckwäsche, Bärte, Handschellen und Strukturen. Um einen alten Schlager und um die neue SPD. Und um das Schnabeltier.
Manchmal frage ich mich: Wer sind wir? „Wir sind Nobelpreisträger“ (Friedenspreis für die Europäische Union). „Wir“ waren sogar Papst (Benedikt XVI.). Und „wir“ waren Fußballweltmeister (Frauenfußball 2007). Nun hat auch die...

Geschlechterdebatte

Frauenpolitik und Karrierismus

Oder: Wie die Linken auf ihre Ideale verzichten 16. August 2015, von Dr. Alexander Ulfig
Früher haben große Teile der Linken Karriere abgelehnt. Sie wurde als Ausdruck der Entfremdung angesehen und galt als Inbegriff von Geldgier, hierarchischen Strukturen, Konkurrenz und Ellenbogenmentalität, kurz: als Inbegriff des falschen Lebens.
Seit geraumer Zeit beobachten wir eine Rehabilitierung des...

Wissenschaft

„Führungsposition“ - ein Unwort in der Wissenschaft

30. Oktober 2012, von Dr. Alexander Ulfig
Das Wort „Führungsposition“ hat sich in allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft fest etabliert. Überall ist von „Führungspositionen“ als dem höchsten Ziel der beruflichen Karriere die Rede.
Feministinnen und Frauenpolitikerinnen sehen im Erlangen von „Führungspositionen“ durch Frauen die Vollendung von Emanzipation und Gleichstellung. Auch die...

Geschlechterdebatte

Feminismus - so funktioniert er in der schulischen Praxis

10. Mai 2013, von Dr. Andreas Kraußer
Aktuell erreichte uns der beeindruckende Erfahrungsbericht eines Abiturienten. Darin zeigt sich ein Mechanismus von perfektem, arbeitsteiligem Wirken von Feministinnen.
Mit öffentlich inszenierten Aufschreien zu Sexismus und anderen Nichtigkeiten binden Vulgärfeministinnen öffentliche Aufmerksamkeit, während Politfeministinnen, fest etabliert in den...

Geschlechterdebatte

Warum eine Frauenquote für Top-Positionen niemandem nützt – vor allem nicht den qualifizierten Frauen

09. Februar 2015, von Christine Bauer-Jelinek
Die vielzitierte „Gläserne Decke“, die besagt, dass Frauen auf ihrem Karriereweg (von Männern) behindert würden, ist ein Mythos – auch wenn deutlich weniger Frauen in Top-Positionen zu finden sind. Die Vorstellung von benachteiligten und unterdrückten Frauen einerseits und bestens verdienenden Männern, denen ein „roter Teppich“ für ihren Aufstieg an...

Geschlechterdebatte

Warum Feminismus nicht links ist (und die Männerrechtsbewegung nicht rechts)

15. Mai 2013, von Lucas Schoppe
„Links=feministisch?“ So ist auf Genderama ein Gastbeitrag des ehemaligen SPD- und Linken-Mitglieds Sven Janssen betitelt.
Janssen geht davon aus, dass eine Männerrechtsbewegung nur erfolgreich sein könne, wenn sie an der „Wurzel des Problems“ ansetze – dass nämlich feministische Positionen nicht einfach Ergebnisse „von intellektuellen Verirrungen“ wären, sondern deshalb...

Wissenschaft

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert 25. November 2014, von Lucas Schoppe
Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4x3,5x3,5 Kilometer groß. Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung": Sie landeten eine kleine Raumsonde auf...

Geschlechterdebatte

Warum „Gleichstellung“ kein Auftrag des Grundgesetzes ist…

…und warum Gleichstellungs-Politiker das auch gar nicht wollen 7. März 2017, von Lucas Schoppe
Neulich bei Twitter erfand die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast ein alternatives Grundgesetz.
Im herkömmlichen Grundgesetz findet sich das angegebene Zitat nicht, auch nicht an der Stelle, die Künast mehrmals zum Beleg anführt - mit dem freundlichen Hinweis, dass „ein Blick ins Gesetz (…) die...

Geschlechterdebatte

Bin ich jetzt ne Frau?

16. Dezember 2012, von Hadmut Danisch, zuerst erschienen in Hadmut Danischs Blog
Was hindert mich eigentlich daran, mich als Frau zu bewerben? Nur mal so zum Zwecke des Disputs, um Schwächen und Disploits gegen die Politik zu diskutieren:
Was hindert mich eigentlich daran, mich als Frau auf Vorstandsposten, Aufsichtsratssitze und Professuren zu bewerben und die Frauenquote für mich in Anspruch zu...

Geschlechterdebatte

Eine Quote für das Eigenlob

02, April 2016, von Sabine Beppler-Spahl
Die Unterstützer der Frauenquote feiern sich selbst. Der Emanzipation der Frau haben sie nicht geholfen. Die Quote verstößt gegen grundlegende Freiheitsrechte.
Endlich haben Deutschlands Frauen es geschafft. Die Herrschaft der Männer ist überwunden. Das zumindest war die Botschaft des vor einem halben Jahr verabschiedeten Quotengesetzes. Ab Januar müssen die ca....

Geschlechterdebatte

Die Frauen und die Medizin

11. August 2015, von Dr. Andreas Unterberger
Und wieder haben die weiblichen Kandidaten an allen medizinischen Universitäten Österreichs signifikant schlechter abgeschnitten als die männlichen. Und wieder soll deshalb der Medizin-Test umgearbeitet werden.
Und wieder geht die genderistische Suche los, ob es nicht doch einen Test gibt, der endlich die Frauen erfolgreicher machen würde. Es ist aber in...

Gesellschaft

Die Theorie hinter dem Zeitgeist der Beliebigkeit. Eine Buchbesprechung

16. Januar 2017, von Prof. Adorján Kovács
Der Philosoph Daniel von Wachter unterschied in einem Vortrag vor drei Jahren zwischen zwei Arten von „Philosophie“: Es gebe einmal die „literarische oder existenzielle Philosophie“, die „oft dunkel, geheimnisvoll, kryptisch, quasireligiös“ sei, sich „oft unklar und unscharf ohne Definitionen“, dafür aber „mit langen Sätzen“ ausdrücke.
Diese Art von...