Geschlechterdebatte

Weibliche Beschneidung - ein Beitrag zur Gleichberechtigung

27. November 2012, von Prof. Adorján Kovács

Um es gleich klarzustellen: Der Autor ist sowohl gegen die religiös motivierte Beschneidung von Jungen als auch gegen die von Mädchen, solange sie nicht selber frei und verantwortlich zustimmen können.

scalpel-2

Die religiöse Erziehung würde durch ein Verbot der religiös motivierten Beschneidung im Säuglings- und Kindesalter überhaupt nicht beeinträchtigt. Es handelt sich um eine nicht rückgängig zu machende physische Stigmatisierung. Genau diese Irreversibilität ist aber beabsichtigt und genau darum nicht akzeptabel, unabhängig davon, wie harmlos das Stigma auch immer sei.

Nachdem nun jedoch als sicher gelten darf, dass die religiös motivierte Beschneidung von Jungen in Deutschland per Gesetz erlaubt sein wird, fragt man sich, warum die religiös motivierte Beschneidung von Mädchen nicht auch im Sinne der Gleichberechtigung erlaubt wird.

Genau dies forderte Mohamed Kandeel, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität in Menofiya, Ägypten, und Mitglied der Genfer Stiftung für Medizinische Ausbildung und Forschung (gfmer), wie die Journalistin Cigdem Toprak in Welt Online berichtete.

deutsche-befindlichkeitenDie Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes e. V. Deutschland hatte bereits in einer Stellungnahme zum Gesetzesentwurf der Bundesregierung zur männlichen Beschneidung davor gewarnt, dass die Legalisierung männlicher Beschneidung zu Forderungen nach einer Legalisierung weiblicher Beschneidung  auf Grundlage des Gleichheitsgrundsatzes führen werde. Genau dies ist eingetreten.

Allerdings wird die weibliche Beschneidung juristisch bislang in jedem Fall als „Genitalverstümmelung“ angesehen. Das ist aber medizinisch nicht einzusehen. Kandeel führte aus: „Eine weibliche Beschneidung des Types I sei gleichwertig wie die Beschneidung, die bei Jungen vorgenommen wird. Beim Typ I wird teilweise oder vollständig der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut entfernt.“

Wenn das Ausmaß der Entfernung gesetzlich geregelt und auf die Klitorisvorhaut beschränkt würde, würde dies ebenso wie die Beschneidung beim Jungen zu einer geringen Reduktion der sexuellen Empfindlichkeit führen und in den Folgen tatsächlich mit der männlichen Beschneidung vergleichbar sein, gegen die der Vorwurf der „Genitalverstümmelung“ nicht erhoben wird.

Davon abgesehen ist, wie die Bevölkerungsentwicklung in den Ländern zeigt, in denen auch weitgehendere, tatsächlich verstümmelnde Formen der weiblichen Beschneidung üblich sind, die Fortpflanzungsfähigkeit in keiner Weise eingeschränkt, auf die es jenen Gesellschaften mehr ankommt als auf sexuelle Erfüllung. Es scheint aber in islamischen Kreisen keine einhellige Meinung darüber zu bestehen, ob denn die weibliche Beschneidung wirklich unabdingbar zum Islam gehört, sonst wäre die Forderung nach ihrer Legalisierung mit dem gleichen Nachdruck erhoben worden wie die nach jener der männlichen Beschneidung. Die Chance dazu war nie größer als jetzt in der „Komikernation“.

Die Forderung wäre dann aber sicher auf den Widerstand der feministischen Ideologie getroffen, die ja von allen im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien vertreten wird. Alle diese Parteien (die eine mehr, die andere weniger) vertreten aber auch ein multikulturelles Deutschland. Erlaubt man nun die weibliche Beschneidung, um sich das Wohlwollen einer starken Minderheit zu erhalten oder bleibt man dabei, alle Formen weiblicher Beschneidung als „Verstümmelung“ zu bezeichnen und zu verbieten, wie der Feminismus es will? Die Uneinigkeit der islamischen Gruppierungen verhindert, dass wir diesen Zweikampf zwischen politisch angesagten Gesinnungen werden verfolgen dürfen. Schade.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Ist Deutschland jungenfeindlich? Betroffene reden Klartext über Beschneidung

6. August 2012, von Dr. Bruno Köhler, zuerst erschienen bei MANNdat
Das spektakuläre Urteil des Kölner Landgerichtes über die Strafbarkeit von Beschneidungen bei Jungen hat die Politik aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen.
Im Gegensatz zur Beschneidung von Mädchen, will die Politik die Beschneidung von Jungen legalisieren. Dabei überrascht, wie schnell die Politik bei der Hand ist, das Recht auf...

Gesellschaft

Religionen sind zu schonen – um jeden Preis? 10 Thesen und Antithesen

Von Dr. Meike Beier & Mario Lichtenheldt, zuerst erschienen bei MANNdat
Die Beschneidung von Jungen aus religiösen Motiven ist eine Straftat!
Mit dieser Feststellung hat das Landgericht Köln Ende Juni 2012 eine Welle der Empörung ausgelöst. Der Zentralrat der Juden und muslimische Verbände in Deutschland, ja sogar die eigentlich gar nicht betroffene katholische Kirche sowie unzählige andere...

Geschlechterdebatte

Schwanzgedanken - Nachwehen zur Beschneidungsdebatte

14. Oktober 2013, von Kevin Fuchs
Warum das Mantra um moderne Rollenbilder eine Lüge ist Im Getümmel des Gefechts geht allzu vielen allzu oft der Blick für's Ganze schnell verloren. Der Lärm, Geschrei, Getöse, Rauch und Nebel hüllen uns den Sinn, den Wald zu sehen, nicht die Bäume. Erst wenn sich Schweigen über's Schlachtfeld legt, und sich der Pulverschleier senkt, dann tut sich zögernd auf, was...

Geschlechterdebatte

Rezension: un-heil – ein Buch zur Beschneidung von Jungen

13. Mai 2012, Von Dr. Bruno Köhler, zuerst erschienen bei MANNdat
Mit „un-heil“ liefert der Autor Mario Lichtenheldt ein Buch, das vorrangig Jungen und deren Eltern ansprechen, sie über das Thema Phimose und Beschneidung informieren und sie über ihre Rechte und Möglichkeiten aufklären will.
Darüber hinaus möchte es natürlich auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein Thema lenken, das...

Politik

Wie glaubwürdig sind die Grünen?

20. September 2013, von Torsten Herwig
Am 22. September ist Bundestagswahl und die GRÜNEN bangen um ihre Stimmen. Zu Recht, wenn man die Pädophilieskandale der letzten Zeit und „die grüne Unfähigkeit, sich zu schämen" in Betracht zieht. Gerade wurde bekannt, dass offenbar auch Jürgen Trittin persönlich in die Pädophilieaffäre der Grünen verstrickt ist.
Ein Blick zurück Erinnern Sie sich noch an...

Geschlechterdebatte

Beschneidung: Ignoranz und Sexismus

9. Oktober 2012, von Harald Stücker, zuerst erschienen auf "Evidenz-basierte Ansichten"
Die Beschneidungsdebatte ist geprägt von Ignoranz und Sexismus. Ignoranz in Bezug auf die sexuelle Anatomie des Mannes und in Bezug auf die frauenverachtenden Ursprünge des Amputationsrituals. So kommt es zur Tabuisierung jeglichen Vergleichs von weiblicher und männlicher Genitalverstümmelung. Dieses Tabu ist...

Geschlechterdebatte

Zum Kölner „Beschneidungsurteil“

1. Juli 2012, von Prof. Adorján Kovács
Über die Freiheit der Justiz und die Selbstbestimmung des Menschen.
Das kürzlich gefällte und rechtskräftige sogenannte „Beschneidungsurteil“ des Landgerichts Köln hat öffentlich hohe Wellen geschlagen. Auch Aussenminister Westerwelle meinte, sich kritisch dazu äußern zu müssen, mit Hinweis auf die „Weltoffenheit“ Deutschlands. Dabei übersah er wohl die...

Geschlechterdebatte

Die männliche Genitalbeschneidung

19. Juli 2012, von Prof. Matthias Franz, in anderer Fassung zuerst erschienen in der FAZ
Die Beschneidung der Vorhaut ist der älteste und am häufigsten durchgeführte operative Eingriff überhaupt. Lediglich bei vier Prozent der Jungen besteht eine medizinische Indikation zur Zirkumzision.
Die Genitalbeschneidung von männlichen Säuglingen und Kindern wird in Deutschland zumeist aus rituellen...

Geschlechterdebatte

Ethikrat: Kein Blankoscheck für Beschneidung!

13. September 2012, von Dr. Bruno Köhler, zuerst erschienen bei MANNdat
Nein, der Ethikrat hat sich nicht einstimmig für die Legalisierung ritueller Beschneidungen ausgesprochen, auch wenn das in verschiedenen Medien absichtlich so dargestellt wird. Im Gegenteil: Es gab äußerst kontroverse Diskussionen.
Der Jurist Prof. Merkel, Uni Hamburg, Ethikratsmitglied, hob das Recht auf körperliche...

Geschlechterdebatte

Die Jungfrau und die geheimnisvollen Maskulisten

15. August 2012, von Bernhard Lassahn
„Für die Jungfrau sieht ohnehin erstmal jeder Penis gleich aus.“ So schreibt Antje Sievers. Das wundert mich. Ich dachte bisher, dass eine Jungfrau noch keine Vergleiche hat. Oder nur wenige.
Aber Antje Sievers wird es wissen. Ihr glaube ich das gerne. Denn so wie die Jungfrau über den Penis urteilt, so urteilt sie selber – ohne richtig hinzugucken. Sie...

Geschlechterdebatte

Die Routine-Beschneidung Neugeborener - ein medizinisches Ritual

7. August 2012, von Prof. Thomas Szasz, zuerst erschienen auf szasz-texte.de
Ich begriff, dass ein Ritual immer bedeutet, etwas wegzuwerfen; die Zerstörung unseres Getreides oder unseres Weins auf dem Altar unserer Gottheiten.
—Gilbert K. Chesterton, Tremendous Trifles (1909)
I.Eine umfangreiche Literatur beschäftigt sich mit den medizinischen Argumenten für oder gegen die routinemäßige...

Gesellschaft

Beschneidung von Jungen: Fragen und Antworten zu einem politischen Tabuthema

17. Juli 2012, von Edwin Reichhart, Dr. Meike Beier und Dr. Bruno Köhler, mit einem Kommentar des Rechtsexperten Prof. Holm Putzke, zuerst erschienen bei MANNdat
Im Jahr 2010 wurde ein Gesetzentwurf zur härteren Bestrafung der Beschneidung von Mädchen im Bundestag beraten. Dies war Anlass für Personen und Organisationen, die sich ernsthaft für die Interessen und Anliegen von Jungen einsetzen,...