Geschlechterdebatte

Aus für Gender in Norwegen

24. September 2012, von Eckhard Kuhla

Harald Eia, mit einem MA in Soziologie und Norwegens bekanntester Komiker, kam nach seinem Studium zu der Erkenntnis, dass die Gendertheorie – nach der Mann und Frau gleich seien und alle Unterschiede ihre Ursache ausnahmslos in gesellschaftlichen Prägungen hätten nicht mit den klassischen Wissenschaften wie Biologie, Anthropologie etc. übereinstimmen.

Harald Eia

Sein Kommentar: „Ich fühlte mich von meinen Universitätslehrern betrogen“. Eia’s Idee war es, das „Gender Paradox“ in Norwegen zu hinterfragen. Dieses Paradox besteht in einem Widerspruch zwischen jahrzehntelanger „gendersensibler“ Erziehung zur Gleichheit (hier der Genderplan [1] des Europäischen Rats von 2011) und den nach wie vor unterschiedlichen männlichen und weiblichen klassischen Berufswahl. Dieser Unterschied war bezeichnenderweise seit langem größer als in vergleichbaren Ländern. Das Thema wurde mehr und mehr zu einem Tabu in der norwegischen Öffentlichkeit. Das wollte Harald Eia u.a. durchbrechen.

Er organisierte ein Kamerateam und stellte bekannten norwegischen Wissenschaftlern kritische Fragen zur Gendertheorie im Vergleich zu Erkenntnissen aus den klassischen Wissenschaften. Es waren Fragen über sexuelle Orientierung, Geschlechtsrollen, Gewalt, Rasse und Erziehung. Er tat dies mit seinem fundierten Vorwissen in einer geplant naiven, aber humorvollen Fragetechnik. Solche Art Fragen waren die Wissenschaftler nicht gewohnt, besonders nicht bezüglich der bis dato sakrosankten Gendertheorie. Viele Interviewte merkten erst danach, was da eigentlich abgelaufen war. Ehe sie sich beschweren konnten, gingen seine Interviews im Frühjahr 2011 beim staatlichen TV-Sender NRK in der Sendereihe „Gehirnwäsche“ auf Sendung. Die Öffentlichkeit war schockiert und die Wissenschaft entsetzt.

NRK sendete sieben EIA-Videos [2]. Das Video, was am meisten die Wissenschaftsszene und dann die politische Szene anheizte, war das Video Nr.1: „The Gender Equality Paradox“. Es war das Thema, was Harald Eia veranlasste, die „Basics“ der ganzen Gender-Theorie zu hinterfragen. Harald Eia thematisierte im ersten Video die hoffnungslosen, jahrzehntelangen, ”gendersensiblen” Umerziehungsversuche zu einer geschlechtsunabhängigen Berufswahl. Das Ergebnis: ein unverändertes Berufswahlverhalten von Mädchen und Jungen. Ebenso sehenswert ist das Video Nr 7 “Nature and Nuture”, in dem es um die klassische Frage der genetischen und kulturellen Einflüsse auf den Menschen geht.

Wissenschaftliche Diskurse waren in Norwegen generell bis zu den Eia-Videos öffentlich einfach nicht existent. Nach den TV Sendungen fand über Wissenschaft und speziell über das „Gender“ Thema eine landesweite Debatte statt. Über diese Entwicklung wird in der Pressemitteilung des Europäischen Journalistenverbandes [3] folgendes Resümee gezogen:

So even if Eia’s methods have been critisised, there is now a general agreement that the result of this project has been good for both the sciences and society as a whole. For the first time, science is really being discussed. Even if many strange things have been said and written, this has been (and still is) a unique educational process for both the general public and the scientific community.

Ein späteres Ereignis in diesem Zusammenhang war noch viel sensationeller: am 19.Oktober 2011 erschien eine Pressemitteilung, die die Schließung des NIKK, des Nordic Gender Institute zum Jahresende 2011 ankündigte. Damit war der Förderstop auch für Genderstudies des skandinavischen Institutes verfügt. Dies wurde mit einer einstimmigen Entscheidung des Nordic Council (ein Rat aller vier skandinavischen Minister für „Gender equality and migration“) beendet. Der Council begründete [4] seine Entscheidung damit, dass es dem NIKK mit seinen Genderstudies nicht gelungen sei, weder zur wissenschaftlichen Debatte in allen nordischen Ländern beigetragen, noch mit Umsetzung ihrer Ergebnisse die Brücke zur Gesamtgesellschaft geschlagen zu haben. Und das in dem „Genderland Nr. 2“ auf der Welt (nach dem Global Gender Gap Index 2011 [5])! Auch der Versuch, die Genderstudies durch sinnvolle Projekte zu ersetzen, wurde von dem Council abgelehnt.

Das ist alles Monate her. Wir erfuhren von den Videos von unseren französischen Kollegen im Mai 2012. Allerdings konnten wir damit nicht sonderlich viel anfangen, weil die Hintergründe unklar waren. Erst kürzlich gelangte obige Pressemitteilung über diverse Google Alerts an unsere Adresse. Warum diese monatelange Verzögerung? Warum war darüber bisher in der deutschen Presse monatelang nichts zu finden? Gab es da ein Schweigekartell? Und wenn ja, warum? Wir vermuten: die Gründe für den Förderstop könnten auch in Deutschland zu einer möglichen Evaluation der deutschen Gender Studies führen:

Es braucht eine Art „Besessenheit“ eines Einzelnen (hier: ein Mann), so ein Evaluation – Projekt zu initiieren und gegen eine geschlossene ideologische Front durchzustehen. Die seit den 70ern praktizierte „Genderlehre“ – ohne Austausch mit den klassischen Wissenschaften – ist im sozialdemokratischen Norwegen wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Die befragten Genderexperten waren es offensichtlich nie gewohnt, dass ihre Theorie öffentlich hinterfragt wurde. Ihre Diskursfähigkeit wurde somit kaum auf die Probe gestellt. Die Staatsideologie „Gender“ wurde auch in Norwegen durch die Bürgergesellschaft nie legitimiert. Gender gehörte nicht zum öffentlichen Diskurs, obwohl es gerade ihn manipuliert hatte. Der Wohlfahrtsstaat (in Norwegen noch finanziert durch die Erdölförderung) ermöglichte eine Parallelwelt dieser Ideologie, beide sind allerdings eine schädliche Kooperation eingegangen. Harald Eia konnte zeigen: „Money corrupts science“.

Eine Google – Analyse der Netz-Reaktionen zu unserem Artikel hat ergeben: die Reaktionen stammen bisher fast ausschließlich aus der Bloggerszene, d.h. die online – Ausgaben der Printmedien schweigen und ebenso schweigt die Genderszene. Das bedeutet, dass der eigentliche Diskurs über die Gendertheorie noch nicht begonnen hat. Die Genderszene kann es sich schlicht „leisten“, zu schweigen. Und die Medien? Dazu hören wir von einem Journalisten der Printmedien: “Gender liegt nach wie vor unterhalb der Wahrnehmungsschwelle eines normalen Lesers“. Das ist wohl wahr, denn man sollte bedenken, dass schätzungsweise 90% der Bevölkerung noch nie etwas von „Gender“ gehört hat. Das ist Programm. Ein staatsideolgisches Programm, welches ungehindert durch eine parlamentarische Opposition, weiterhin ihre stetig fließenden Fördermittel in Millionenhöhe bezieht. Darüber besteht parteienübergreifend ein stillschweigendes Einvernehmen. Genderprojekte sind “Abnickprojekte”. Diese Tatsachen sind mit einzubeziehen, wenn man an eine Übertragung, an einen Transfer auf die deutsche Situation denkt:

Was lernen wir für unsere deutschen Verhältnisse aus dem norwegischen Vorfall? Der Gleichheitsgedanke ist in Norwegen seit Jahrzehnten stärker verankert als in Deutschland, und trotzdem hat es nur eines Komikers bedurft, um nachzuweisen, dass die Gendertheorie nur aus einer Ansammlung von unbewiesenen Behauptungen besteht. Es ist unfassbar: trotzdem meint die Genderideologie, einen universellen, ja sogar totalitären Anspruch zu besitzen – ohne öffentlichen Widerspruch, geschweige denn Empörung… Zunächst übertragbar auf deutsche Verhältnisse sind im besonderen die Argumente des Förderstops des Nordic Councils: die überwiegende Abkapselung der Gendertheorie von den klassischen Wissenschaften (ein interdisziplinärer Diskurs würde den ideologisch-totalitären Kern der Genderideologie bloßstellen). Eine Ausnahme stellt die Pädagogik dar. An den Hochschulen und in den Kultusministerien ist sie mit der Genderideologie in den letzten Jahren eine Art Symbiose eingegangen.

Genau wie in Norwegen wurden in Deutschland jahrzehntelang die Phänomene der Abkapselung und Scheu vor Öffentlichkeit einer Staatsideologie, wie die Genderideologie, von der Gesellschaft nicht hinterfragt. Im Gegenteil: die Gendertheorie konnte sich zu einem gut subventionierten Tabuthema entwickeln. Die Gründe für den Förderstop, beschlossen von den skandinavischen Ministern des Nordic Council, sollten für uns eine bedeutsame politische Signalwirkung haben, weil er u.a. den gesellschaftlichen Nutzen von Gender Studies prinzipiell in Frage stellt. Diese Entwicklung hat kürzlich auch an Universitäten in den USA eingesetzt. Ein Transfer der norwegischen Erfahrungen auf unsere Situation muss hier bei der Frage der sachgemäßen Mittelverwendung der Fördermittel und der fehlenden Umsetzbarkeit ansetzen.

 

[1] Genderplan: http://www.coe.int/t/dghl/standardsetting/equality/03themes/standards-mechanisms/EG(2001)7_en.pdf

[2] EIA-Videos: http://www.youtube.com/watch?v=-u_AnNTSujA%20

[3] Europäischen Journalistenverbandes: http://eusja.wordpress.com/2010/04/26/norway-brainwashed-science-on-tv-creates-storm/

[4] begründete: http://agensev.de/wp-content/uploads/NC-Beschlussvorlage-Schließung1.pdf

[5] Global Gender Gap Index 2011: http://www3.weforum.org/docs/WEF_GenderGap_Report_2011.pdf

[6] www.agensev.de: http://www.agensev.de

 

Bildnachweis: Harald Eia

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge
Wissenschaft

Genderisten zitieren Simone de Beauvoir falsch

06. Januar 2014, von Hadmut Danisch
Im Gender-Feminismus wird die Auffassung, dass Geschlechter keine natürliche Grundlage haben, sondern alleine kulturell erzeugt wären, stets und nur damit begründet, dass Simone de Beauvoir das einfach so gesagt hätte.
Sie wird immer und im Feminismus fast überall mit dem Ausspruch zitiert „Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht.” Das soll...

Politik

Willy Brandt im Widerstand gegen die NS-Diktatur in Norwegen: Endlich dokumentiert und erforscht

Zur Pionierleistung von Manfred Dammeyer 04. Januar 2016, von Peter Munkelt
Willy Brandt, erster sozialdemokratischer Bundeskanzler, SPD-Vorsitzender fast ein Vierteljahrhundert lang, Friedensnobelpreisträger 1971, ist in zahlreichen Biografien porträtiert worden. Brandt selbst hat mehrere Autobiografien verfasst. Man könnte also annehmen, bisher Unbekanntes in seinem Leben sei nicht mehr zu...

Gesellschaft

Nicolaus Sombart: Erotik ist Verführung

8. Oktober 2012, von Prof. Adorján Kovács
Eine intelligente Alternative zum Gender-Mainstreaming Erinnert sich noch jemand? Die Sexualhysterie der deutschen Medien erreichte Mitte letzten Jahres einen Höhepunkt. Das reale alter ego des Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer reiste nach dessen Rückzug aus der Werbung ins Gellért-Hotel nach Budapest, wo er mit vielen Kollegen ein (nach...

Geschlechterdebatte

Marcel Helbig und die Aggressionen gegen Jungen

18. September 2015, von Lucas Schoppe
In ihrem Buch Das faule Geschlecht beschrieb die Journalistin und Grünen-Politikerin Claudia Pinl 1994 Strategien, die von arbeitsscheuen Männern entwickelt worden seien, um Frauen für sich schuften zu lassen. Pinl hatte damit so viel Erfolg, dass sie noch zwei Bücher zum selben Thema folgen lassen konnte (Männer können putzen. Strategien gegen die Tricks...

Geschlechterdebatte

Vom emanzipatorischen Wert der Verleumdung

Zur Tagung „Wessen Internet?" in der Friedrich Ebert Stiftung 1. Mai 2015, von Lucas Schoppe
Ich weiß nicht, ob es heroisch ist oder masochistisch oder einfach nur ein wenig seltsam. Nachdem ich wegen eines Umzugs eine Weile hier nichts geschrieben hatte, habe ich mir ausgerechnet die seltsame Tagung „Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz" der sozialdemokratischen...

Geschlechterdebatte

Facebook: Nazi-Mist ist okay, Feminismus-Kritik muss weg

06. Juni 2013, von Lucas Schoppe
Vor ein paar Monaten habe ich zum ersten (und letzten) Mal ein Bild bei Facebook gemeldet. Das Bild vom 4.1. zeigt eine Dose Nüsse, beschriftet ist sie mit den Worten „Buchenwald’s Beste“, darunter steht „Cash-Jews“ (also etwa: Geldjuden), neben den Schriftzug „Nur echt mit dem Stern“ ist ein Judenstern gezeichnet, unten prangt ein Hakenkreuz mit dem Satz...

Geschlechterdebatte

Gewalt gegen Jungen ist okay: Bitte spenden Sie jetzt!

Ein Brief an das Kinderhilfswerk Plan 28. Februar 2016, von Lucas Schoppe
Sehr geehrte Damen und Herren vom Kinderhilfswerk Plan,Ich hatte zunächst lange nach der Pointe gesucht. „Gewalt gegen Mädchen“ steht auf Ihren Plakaten, das Wort Gewalt ist dick und rot durchgestrichen, und daneben sieht uns ein großes Mädchengesicht an. Eine aggressive Kampagne, mit Anzeigen und Beilagen in vielen Medien...

Geschlechterdebatte

Die weibliche Definitionsmacht

14. Juni 2013, von Prof. Walter Hollstein
Seit dem Feminismus in den Siebzigerjahren steht der Mann in der Kritik von Frauen. Dabei werden von Frauen Forderungen an den Mann gestellt, neue Männerbilder entworfen und die Erwartungen der Frauen an den Mann beschrieben. Der Mann selber als soziale Wirklichkeit kommt dabei nicht vor, ebenso wenig wie seine Bedürfnisse und Wünsche.
Ein aktuelles...

Geschlechterdebatte

Warum es eine starke Frauen- und eine schwache Männerbewegung gibt

7. Oktober 2012, von Arne Hoffmann
Eine Rezension zu Matthias Stiehlers Buch "Der Männerversteher: Die neuen Leiden des starken Geschlechts"
Derzeit scheint es pro Jahr mindestens ein Buch zu geben, das die männerpolitische Debatte entscheidend voranbringt. War es 2008 Professor Walter Hollsteins "Was vom Manne übrig blieb" und 2009 die von Paul-Hermann Gruner und Eckhard Kuhla herausgegebene...

Geschlechterdebatte

Die neue Lüge: Das Gender Unpaid Gap

25. Mai 2015, von Michael Klein
Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung hat man die Zeichen der Zeit erkannt: Die Lüge mit dem Gender Pay Gap, sie fällt nur noch bei den Allereinfältigsten auf fruchtbaren Boden.
Bei der Mehrheit der Bevölkerung hat sich zwischenzeitlich herumgesprochen, dass wer weniger arbeitet, mehr Teilzeit arbeitet, weniger Überstunden macht, weniger Berufserfahrung hat und...

Geschlechterdebatte

Neoliberalismus, Emanzipation und Frauenquote

08. Mai 2013, von Prof. Günter Buchholz
Reinhard Jellen hat einen Artikel unter dem Titel „Über die Frauenquote“ geschrieben, der hoffentlich dazu beiträgt, die im Grunde unglaubliche feministische Verblendung innerhalb der Mitte-Links-Parteien erst einmal wahrzunehmen, um sie dann aufzulösen.
Als Leitsatz des Artikels stellt er ein Zitat voran: „While feminism has delivered for some...

Gesellschaft

Die Theorie hinter dem Zeitgeist der Beliebigkeit. Eine Buchbesprechung

16. Januar 2017, von Prof. Adorján Kovács
Der Philosoph Daniel von Wachter unterschied in einem Vortrag vor drei Jahren zwischen zwei Arten von „Philosophie“: Es gebe einmal die „literarische oder existenzielle Philosophie“, die „oft dunkel, geheimnisvoll, kryptisch, quasireligiös“ sei, sich „oft unklar und unscharf ohne Definitionen“, dafür aber „mit langen Sätzen“ ausdrücke.
Diese Art von...