Geschlechterdebatte

Häusliche Gewalt gegen Männer - ein feministisches Tabu

Wie das Magazin "Chrismon" Gewaltopfer verhöhnt (und zur Gewaltspirale beiträgt)

Von Arne Hoffmann   5. April 2012

Über die letzten Jahrzehnte hinweg hat die Männerrechtsbewegung beharrlich immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass hunderten von internationalen Untersuchungen zufolge häusliche Gewalt zu mindestens dem gleichen Ausmaß von Frauen ausgeht wie von Männern. Die bisher von Ideologinnen gefahrene Strategie, so zu tun, als ob häusliche Gewalt "Männergewalt" wäre (und damit ein Zeichen "patriarchaler Unterdrückung der Frau in unserer Gesellschaft insgesamt"), lässt sich deshalb immer schwerer aufrechterhalten.

Zu einer neuen Strategie gegen diese Aufklärung holt derzeit das evangelische Magazin "Chrismon" aus, das etlichen führenden Tageszeitungen beigelegt ist und dadurch eine Auflage von 1,6 Millionen Exemplaren erreicht. Zu seiner Redaktion gehören mehrere eingefleischte Feministinnen, die früher beispielsweise für die "taz" und die EMMA gearbeitet haben. Insofern findet man in Chrismon schon seit einiger Zeit Beiträge, die Männer – beispielsweise als arrogante Affenhorde – liebend gerne herabsetzen. In der Regel lässt man solchen Müll schlicht in den Papierkorb wandern. Eine Reihe von Beiträgen zum Thema häuslicher Gewalt, die "Chrismon" aktuell veröffentlicht, ist jedoch so skandalös und dermaßen verantwortungslos, dass man es sich damit nicht mehr so einfach machen kann.

In einer längeren Strecke von Beiträgen der "Chrismon-Chefreporterin" Christine Holch wird zunächst der Eindruck vermittelt, dass, wenn es um schwere häusliche Gewalt geht, die Täter fast automatisch männlich sind. Zu diesem Zweck schildert Holch zunächst ausführlich einen Fall, bei dem es der Darstellung des mutmaßlichen weiblichen Opfers zufolge zu massiver einseitiger Gewalt in der Partnerschaft kam. Die Darstellung des männlichen Partners bleibt den Lesern wie selbstverständlich vorenthalten. Die Schilderung der anonymen Frau hingegen wird als Tatsache dargestellt und als typisch präsentiert. Darauf folgt ein vermeintliches "Faktendossier", in dem fast durchgehend, wieder wie selbstverständlich, nur von weiblichen Opfern die Rede ist. Sexuelle Gewalt beispielsweise umfasse demnach "alle sexuellen Handlungen und jedes sexuelle Verhalten, das der Frau aufgedrängt oder aufgezwungen wird". Sexuelle Handlungen, die Männern aufgezwungen werden, stellen für Chrismon also keine sexuelle Gewalt dar. Willkommen in der Steinzeit der Geschlechterdebatte.

Allerdings scheint auch Holch klar zu sein, dass man nach den jahrelangen Aufklärungskampagnen der Männerbewegung mit der Nummer nicht mehr durchkommt, so zu tun, als ob häusliche Gewalt ausschließlich von Kerlen verübt wird. Deshalb enthält ihre lange Artikelstrecke ganz zum Schluss ein winziges Feigenblatt mit der Überschrift "Auch Frauen schlagen". Dieser Abschnitt ist allerdings dermaßen verharmlosend, dass mehreren Lesern, die mich auf diese Beiträge aufmerksam gemacht haben, der Atem stockte. So heißt es dort:

Auch Frauen sind gewalttätig. Ihre Übergriffe beschränken sich jedoch allermeist auf einmaliges Kratzen, Beißen, Wegschubsen, leichtes Ohrfeigen. Diese Gewalt ist daher nicht vergleichbar mit der wiederholten, systematischen und verletzungsträchtigen Gewalt, die Frauen von Männern erfahren.

Während häusliche Gewalt in der kriminologischen Forschung längst als systemisch und wechselseitig eskalierend erkannt wurde, möchte Chrismon also gerne den überholten feministischen Sexismus aufrechterhalten, dem zufolge Frauen die bemitleidenswerteren Opfer und Männer die brutaleren Täter sind. Wenn sich häusliche Gewalt von Frauen schon nicht mehr komplett verleugnen lässt, dann kann man sie doch vielleicht wenigstens so weit herunterspielen, dass sie wie ein Windhauch erscheint? Die Botschaft, die hier vermittelt werden soll, ist klar: Frauen schubsen ihren Mann vielleicht mal leicht weg, Männer schlagen ihren Frauen regelmäßig die Zähne aus, brechen ihnen die Knochen und prügeln sie zu einer blutigen Masse zusammen. Und zwar "wiederholt" und "systematisch". Chrismon hat Satan endlich ausfindig gemacht: Er verbirgt sich im y-Chromosom.

Wie die nüchterne Wahrheit aussieht, ermittelte hingegen der Soziologe Bastian Schwithal in seiner Dissertation "Weibliche Gewalt in Partnerschaften: Eine synontologische Untersuchung" Weibliche Gewalt in Partnerschaften. Eine synontologische Untersuchung. Schwithal gibt darin einen Überblick über die Forschungslage, was die Täter bei schwerer häuslicher Gewalt angeht:

Übersicht "Studien: Severe Violence" gibt die Ergebnisse von 94 Studien und Untersuchungen hinsichtlich schwerer Gewaltformen ("severe violence") wieder. Ähnlich wie bei "minor violence" lässt sich auch hier die Beobachtung machen, dass ein höherer Anteil an Frauen schwere Gewalt gegenüber einem Intimpartner gebraucht als umgekehrt. Das Verhältnis von Männern und Frauen im Hinblick auf "verübte Gewalt" ist 47,0% zu 53,0%. Bei "erlittener Gewalt" ergibt sich hinsichtlich der Geschlechtsverteilung folgendes Bild: 52,3% Männer gegenüber 47,7% Frauen hatten schwere Gewaltformen durch einen Intimpartner erlitten.

Bei "Chrismon" ist man ahnungslos, was diesen Forschungsstand angeht, und macht den Lesern weis, derartige Behauptungen seien Hirngespinste von Väterrechtlern:

Trotzdem vertreten Männer vor allem aus dem Umfeld der Väterrechtsbewegung (in der vor allem Scheidungsväter organisiert sind) die These, dass Frauen und Männer gleichermaßen Opfer und TäterInnen bei Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen seien. Doch für diese These gebe es keine Belege, sagt die Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle.

Keine Belege, bis auf hunderte von internationalen Studien, die die feministische Chrismon-"Expertin" Monika Schröttle entweder nicht kennt oder allen Ernstes für von Scheidungsvätern herbeiphantasierte Truggebilde hält. Wem bei einer derart massiven Irreführung der Chrismon-Leserschaft nicht der Mageninhalt hochkommt, der muss schon über den unerschütterlichen Gleichmut eines Buddhas verfügen.

Irritierend ist in diesem Zusammenhang auch, dass Chrismon nicht auf einen neutralen Kriminologen zurückgreift, sondern auf die hochumstrittene, aber in der feministischen Ideologie tief verankerte Monika Schröttle, die immer wieder heftige Kontroversen mit nicht-ideologisierten Fachleuten führte. (Dr. Jürgen Gemünden etwa musste sich gegen Anfeindungen Schröttles verwahren und wirft ihr vor, den Stand der Forschung nicht zu kennen; Professor Gerhard Amendt äußert sich hier in klaren Worten zu Schröttle.) Auch in ihrem nächsten Buch – "Gewalt gegen Migrantinnen in Europa" – scheint Schröttle nur ein Geschlecht für würdig zu befinden, seine Opfererfahrungen zu untersuchen. Solche Leute kramt man normalerweise als "Experten" nur hervor, wenn man eine konstruktive Sachdebatte verhindern und stattdessen polarisieren möchte.

Nun haben die Chrismon-Ideloginnen allerdings noch immer das Problem, dass Opfer weiblicher Gewalt, etwa der von seiner Frau blind geprügelte Wolfgang Futter, durch die Medien inzwischen einigermaßen bekannt geworden sind. Was tut man bei Chrismon? Man tut so, als ob diese Opfer allesamt seltene Ausnahmefälle wären:

Es gibt allerdings einige wenige Männer, sagt Gewaltforscherin Monika Schröttle, die tatsächlich von ihrer Partnerin schwer misshandelt werden. Das kann zum Beispiel die Konstellation sein, dass ein Mann, der eine Blockade hat, sich zu wehren, auf eine sehr aggressive Partnerin trifft. Diese Männer brauchen – wie jedes Opfer – Hilfe und Anerkennung ihres Leids.

Wow – herzlichen Dank für die großartige Erkenntnis, dass Menschen, die blind geprügelt, mit kochendem Wasser übergossen oder die Kellertreppe heruntergestoßen wurden, ebenfalls "Hilfe und Anerkennung ihres Leids" brauchen! Für jeden einfühlsamen Menschen wäre dieser Satz banal – für Feministinnen wie Monika Schröttle und die Chrismon-Redaktion scheint er einen so großen Lernfortschritt darzustellen, dass es eigens erwähnt werden muss. Aber: Was geschieht denn mit den Männern, die keine "Blockade" haben, sich zu wehren? Sie gehen in die nächste feministische Statistik mit hoher Wahrscheinlichkeit als "Täter" ein. Kann man Männern vor dem momentanen Klima an Vorverurteilungen wirklich raten, sich zu "wehren"? Und ist "wehren" – also die in der Regel wechselseitig erfolgende Gewalt aufrechtzuerhalten – überhaupt die vernünftigste Reaktion, wie hier suggeriert wird? Wäre es nicht weit sinnvoller, die Situation bzw. die Partnerschaft mit einer gewalttätigen Frau zu verlassen? Es wird von Satz zu Satz abenteuerlicher, was den Lesern hier vermittelt wird. Mit dem aktuellen Stand der Gewaltforschung hat es in der Tat überhaupt nichts zu tun.

Geradezu infam wird Chrismon allerdings gleich im nächsten Satz:

Trotzdem braucht man für Männer nicht genauso viele Schutzeinrichtungen wie Frauen, Männerhäuser etwa, analog zu den Frauenhäusern, dazu ist die Zahl schlichtweg zu gering.

Die Art, wie hier Gewalt relativiert und einzelne Opfergruppen gegeneinander aufgerechnet werden, lässt einen gruseln. Aber eben das ist das Fazit, um das es Chrismon bei seinem ideologischen Feigenblatt eigentlich geht: MÄNNLICHE GEWALTOPFER BENÖTIGEN NICHT DENSELBEN SCHUTZ WIE WEIBLICHE. Professor Gerhard Amendts Forderung nach Gewaltschutzhäusern für beide Geschlechter scheint bei vielen Feministinnen massiven Widerstand auszulösen – so wie die Vorstellung von Frauen als brutalen Täterinnen die feministische Ideologie insgesamt gefährlich ins Wanken bringt. Zu dieser Form von Abwehr werden auf Cuncti in den nächsten Tagen noch vielsagende Interviews mit dem Anti-Gewalt-Trainer Burkhard Oelemann und einer Expertin für häusliche Gewalt, der Sozialpädagogin und Eheberaterin Barbara Kiesling, erscheinen.

Auf die Spitze treibt Chrismon seine Verhöhnung männlicher Gewaltopfer schließlich mit dem folgenden Satz:

Dass Männer Opfer werden, ist ein großes Tabu – vor allem unter Männern.

Richtig gewesen wäre: Dass Männer Opfer werden ist ein großes Tabu – vor allem unter Feministinnen. Es ist die Männerrechtsbewegung, die gerade mit diesem Tabu aufräumt. Gedankt wird es ihr von der Chrismon-Redaktion nicht. Dabei hätte sich Chrismon die peinliche Bloßstellung, die mit diesen verantwortungslosen Artikeln für das Magazin verbunden ist, am einfachsten ersparen können, wenn sie zum Thema "Gewalt gegen Männer" einmal bei Vereinen wie MANNdat und AGENS nachgefragt hätte, die sich nachweislich für Männer einsetzen, und nicht ausgerechnet bei Feministinnen, die Männer in erster Linie als Täter sehen. Wer Informationen über die Gewalt an Einwanderern erhalten möchte, fragt schließlich auch bei Migrantenverbänden nach und nicht bei der NPD.

In den USA ist man schon wesentlich weiter als hierzulande. Beispielsweise wies die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Deborah Capaldi darauf hin, dass die Höhe des Risikos einer Frau, Opfer zu werden, maßgeblich davon abhängt, wie sehr sie selbst dazu neigt, häusliche Gewalt auszuüben. So zeigt sich bei Studien über Frauen, die in einem Frauenhaus lebten, dass zwei Drittel von ihnen im vergangenen Jahr selbst schwere Gewalt gegen ihren Partner ausgeübt hatten. Und Männer, die in der Partnerschaft mit einer Frau körperlich aggressiv sind, weisen bei einer anderen, friedlicheren Partnerin ebenfalls ein gänzlich anderes Verhalten auf – was die Behauptung, bestimmte Männer seien nun mal Schläger, widerlegt. Wie Deborah Capaldi 2009 auf der Anti-Gewalt-Konferenz "From Ideology to Inclusion" nachvollziehbar erklärte, schadet der bisherige, von der Chrismon-Redaktion und Monika Schröttle gewählte Weg der Einseitigkeit auch Frauen: Da er die tatsächliche Forschungslage bei häuslicher Gewalt ignoriert und sich kaum darum kümmert, auch Täterinnen von Gewaltakten abzuhalten, wird der wechselseitige Ablauf häuslicher Gewalt so in Wahrheit aufrechterhalten. Opfer werden beide Geschlechter. Chrismon mag also das Ziel haben, über häusliche Gewalt aufzuklären und diese zu verhindern, trägt durch seinen ideologisch bedingten Sexismus tatsächlich jedoch zu ihrem Fortbestand bei. Bei 1,6 Millionen Lesern, wohlgemerkt. Auch diese verheerenden Auswirkungen hätte Chrismon mit einer einzigen Anfrage bei MANNdat oder AGENS verhindern können.

Aufgrund der konsequenten Anwendung des Gleichstellungsgesetzes wurde in England inzwischen übrigens das erste Frauenhaus geschlossen, weil man dort keine männlichen Opfer aufnehmen wollte. In Deutschland hingegen wird Gleichstellung nur praktiziert, solange Frauen davon profitieren. Den Gedanken, dass Gleichberechtigung auch zugunsten von Männern angelegt werden könnte, müssen sich diese hierzulande wohl aus dem Kopf schlagen (lassen).

Auch in Deutschland wird sich irgendwann die Erkenntnis durchsetzen, dass Gewalt nicht männlich, sondern menschlich ist. Blätter wie "Chrismon" und von ihnen zum Zitieren gezielt ausgewählte feministische Forscherinnen dürften sich diesem Prozess zwar weiterhin mit aller Kraft entgegenstemmen und ihn damit so lange wie möglich aufhalten – stoppen können sie ihn nicht.

 

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