Streitbar, Haltbar, Machbar, Lebbar

Zweierlei Frauenverachtung: H. Clinton versus D. Trump

Wer von beiden ist abschätziger gegenüber Frauen?

28. Januar 2017, von Prof. Gerhard Amendt

Der 45. Präsident der USA hat mittlerweile sein Amt angetreten. Die Enttäuschung auf der Verliererseite über den sicher geglaubten Sieg ist noch immer groß. Was vielen als Verrat an Hillary Clinton als einer Symbolfigur der Frauensache dünkt, bedarf der genaueren Betrachtung.

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Die Äußerungen  von Donald Trump über die Verfügbarkeit von Frauen – grab ’em by the pussy – hat im Demokratischen Lager nicht nur einen rituellen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Es hat die Gewissheit verstärkt, dass er sich damit das Genick gebrochen und den Sieg von H. Clinton unaufhaltsam gemacht habe. Es kam anders als gedacht.

Die Frauenfrage hat im amerikanischen Wahlkampf eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Allerdings wurde sie von zwei Standpunkten aus geführt, die nur bei oberflächlicher Betrachtung den Demokraten ein fortschrittliches und den Republikanern ein konservatives Frauenbild zuweisen. Übersehen wird, dass beide Kandidaten Frauenbilder mit unverkennbar konservativer Schattierung verbreiteten. So stand der Wahlkampf von Hillary Clinton in der Tradition eines konturlos gewordenen Feminismus. Was davon übrig blieb, weist alle Frauen als Angehörige eines Opferkollektivs aus. Ihr Leben sei das von Opfern feindlicher Mächte – dem Patriarchat. Individuelle Unterschiede oder von sozialen Schichten gäbe es nicht.

Wahlstrategisch wurde gemutmaßt, dass alle Frauen das so sehen und sich als Opfer fühlen. Wenn Clinton die gläserne Decke durchstoßen würde, dann würden alle Frauen das als persönlichen Sieg feiern. Denn alle seien sie von gläsernen Decken umgeben. So kam es, dass die Demokratische Partei alltägliche Herausforderungen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft als Problem gläserner Decken umdeutete. Clinton hatte nicht vor, Wesentliches im Leben von Frauen zu verändern. Armut und Deklassierung interessierten sie so wenig wie ihren Konkurrenten. Ihr Sieg hätte die gläserne Decke zwar durchstoßen. Dem ominösen Frauenkollektiv hätte es jedoch nichts gebracht. Vor allem die weiblichen Wähler der Demokraten haben das so gesehen und mittlerweile sehen das auch die Strategen der Demokratischen Partei so. Bei der Fixierung auf subkulturelle Belange von Minderheiten wird es zukünftig deshalb nicht bleiben. Materielle Interessen sollen wieder eine erhebliche Rolle spielen. Das zu vernachlässigen hat ihr den Verlust der Arbeiterschaft und von Teilen der Mittelklasse eingetragen. Die Demokratische Partei wird auf Abstand zur Identitätspolitik gehen.

Donald Trump hingegen hat die Frauenfrage ohne aktuelles Zutun eingeholt. Er äußerte vor Jahren, dass Frauen angesichts einflussreicher Männer „umfallen“ und sich folgenlos ans Genital greifen ließen. Männer aus Politik, Geschäftswelt, Showbusiness und Popszene würden vor allem über solchen Gelegenheiten als Zeichen selbstbewusster Macht verfügen. Ihnen sei der Zugang zu Frauen erleichtert, denn sie müssten Frauen nicht verführen, weil die selber kämen. Eben wie bei James Bond 007.

Da es in Wahlkämpfen nicht um analytische Erkenntnisse, noch um Lebenserfahrung geht, wurde Trump daraus im Demokratischen Lager ein Strick gedreht. Er sei verächtlich gegenüber Frauen, er werte sie ab, er sei ein Misogyn, der zur Gewalt gegen sie ermutige. Seit der Wahlniederlage wird darüber gegrübelt, warum ihm das den sicher geglaubten Genickbruch nicht gebracht hat.

Was Trump 2005 gesagt hatte, macht in linksliberalen Kreisen einen Mann zum „Sexisten“ und Gewalttäter und kommt in Medien und zahlreichen Ostküsten-Universitäten dem beruflichen Todesurteil gleich, das Job und Zukunftsperspektiven vernichtet. Selbst Nobelpreisträger sind davor nicht gefeit. Der Sexismusvorwurf gegen Trump hat allerdings aus ganz anderen Gründen nicht gegriffen. Die „subkulturelle Blasenmentalität“ der Demokraten hat nicht ahnen wollen, dass viele Wähler gänzlich andere Sorgen haben. Nebenbei hat die Genickbruchhoffnung die Irrelevanz von Debatten über „Gender, Sexismus und Männergewalt“ für die Mehrheit der Amerikaner erkennbar gemacht. Sie hat weitgehend nur Unterhaltungswert. Es ist erregend wie Pornografisches, nur ohne Nacktheit.

Für viele Frauen und Männer war es sicher eine unerfreuliche Facette des Kandidaten wie andere Äußerungen von ihm. Empörung darüber bringt aber weder Jobs noch soziale Sicherheit zurück. Und nicht wenige dürften darin achselzuckend ein Gran Wahres erkannt haben. Im liberalen Sexualitätsverständnis darf das aber nicht benannt werden, weil Sexualität steril, überraschungsfrei, wenig atemberaubend sondern an der Fiktion des herrschaftsfreien Zusammenspiels von Penis und Vagina orientiert sein soll. Was davon abweicht, macht sich der Gewalt an Frauen verdächtig. Dass Liebe und Wünsche nach Sicherheit sich mischen, schreckt Frauen sowenig wie Männer. Es ist naheliegend und bleibt dem Begehren nicht äußerlich. Dass viele Frauen „angesichts starker Männer“ eher interessiert sind eine Beziehung einzugehen als mit einem weniger starken Mann, das erschüttert nur diejenigen, die keine Alltagssorgen haben oder absichernde Beziehungen bereits eingegangen sind. Wie das abläuft, ist unendlich vielgestaltig. Es erfolgt intuitiv und eingebettet in erotische und kulturelle Gepflogenheiten, weil die Überlegenheit des Mannes, und sei sie noch so klein, seine Attraktivität steigert. Man muss dieses Verhalten auch evolutionsbiologisch sehen. Danach waren Frauen auf die männliche Stärke angewiesen, weil sie nur dann in Sicherheit Kinder aufziehen können. Daran hat sich bis heute trotz Pampers, Waschmaschinen, Fruchtflaschen, Sozialstaat und Berufstätigkeit von Frauen allenfalls nur in Nuancen etwas geändert. Deshalb geben Frauen noch immer dem versorgungsfähigen Mann den Vorzug vor dem reglementierenden Vater Staat.

Fellatio als Belohnung für treusorgende Männer

Die Lebensfremdheit des liberalen Kokons fällt zwischenzeitlich den Kritikern Trumps auf die Füße und tonangebende Feministen verwickeln sich in Widersprüche. Zu ihnen zählt die Journalistin und Buchautorin Nina Burleigh, die 1998 in der Sexaffaire von Präsident Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky im Oval Office für die feministische Empörung eine ganz andere Marschrichtung als 2016 vorgegeben hat. Damals verteidigte sie Bill Clinton und mokierte sich über Monica Lewinsky „Ich wäre glücklich ihm (Bill Clinton) einen zu „blasen“, einfach als Dank dafür, dass er die Abtreibung legal erhalten hat. Ich denke, dass die Frauen Amerikas Schlange stehen sollten (….), um ihre Dankbarkeit zu zeigen, dass er die Theokratie ihnen vom Leibe gehalten hat.“ Dankbare Frauen sollen es der Praktikantin gleich tun. Burleighs Ethik: Männer, die Frauen Gutes tun, haben sexuelle Belohnung verdient und unaufgefordert soll sie ihnen dargebracht werden. Wie will Burleigh Trump kritisieren, wenn sie sich selber so verhalten würde, wie Trump es beschrieben hat? Und die Feminismus-Ikone Gloria Steinem hat Bill Clinton damit verteidigt, dass Lewinski über einen uneingeschränkt freien Willen verfügt habe und sich nicht als Opfer und schon gar nicht als Anklagende gebärden solle. Für Anhänger der Opferrhetorik ist das ansonsten eine Selbstverständlichkeit.

Zwischen Trump und Bill Clinton machen Feministen einen Unterschied. Den einen mögen sie, den anderen nicht. Wen sie nicht mögen, dem lassen sie nicht einmal bräsiges Gerede durchgehen. Wen sie mögen, dem kommen sie ethisch und sexuell „entgegen“. Maßgeblich ist demnach nicht, was Männer tun, sondern was Feministen davon halten. Die feministische Ethik zur männlichen Effizienz wäre demnach recht simpel. Seid stark in unseren Augen und ihr bekommt Sex. Seid ihr es nicht, bleibt uns vom Leib. Pech für Männer, die ihre Macht überschätzen oder die Erwartungen von Frau unterschätzen. Ansonsten gilt weiterhin die Volksweisheit – Macht macht geil!

Wählen mit dem Kopf und nicht mit der Vagina

Frauen sollten Hillary Clinton wählen, weil sie eine Frau ist. Weil die Demokraten vergessen hatten, dass letztlich materielle Interessen Wahlentscheidungen bestimmen und nicht das anatomische Geschlecht, hat die Schauspielerin Susan Sarandon erbost mitgeteilt: Ich wähle mit meinem Kopf und nicht mit meiner Vagina.

Nichtsdestoweniger hatte Trump gegen die Gepflogenheit verstoßen, nach der Ein Mann genießt und schweigt. Er hat die feministische Ideologie beschädigt, nach der Frauen rein, selbstlos und vor allem Opfer sind, denn er hat ihnen materielle Erwägungen bei der Partnerwahl unterstellt. Darüber sich zu exaltieren, setzt feministische Weltabgewandtheit und Begeisterung für genderpolitische Empörungsdiskurse voraus.

Wirklichkeiten beim Namen zu nennen, kann in Zeiten der Political Correctness recht risikoreich sein. Obwohl Frauen alle Chancen haben in alle Gesellschaftsbereiche – vorbehaltlich ihrer sozialen Herkunft – vorzudringen, hat sich so gut wie nichts an den Erwartungen geändert, dass Männer „zum Verlieben“ ihnen überlegen sein sollen. Deshalb heiraten Frauen, wie die Forschung zeigt, noch immer nach Oben und Männer folglich noch immer nach Unten. Daran hat sich in den vergangenen 50 Jahren nur wenig geändert. Weil Schönheit bei Frauen und Geld bei Männern eine besondere Rolle spielen, können beide leichter die Schicht ihrer Herkunft verlassen. Für Männer gilt, dass sie Frauen den Wunsch nach Sicherheit und Versorgung erfüllen wollen. Zu ihrem Glück wollen Männer, was Frauen von ihnen erwarten. Denn darin spiegelt sich ihre Stärke, und es verleiht ihnen Anerkennung. Vergleichbar verschenkten Diamanten, in denen sie sich am Finger einer Frau wiedererkennen. „Starke“ Männer, das legen die Äußerungen von Trump zur „Zugänglichkeit“ von Frauen nahe, rückt nass-forsches Zugreifen in den risikoträchtigen Bereich von Übergriffigkeiten.

Identität oder Interessen

Selbst diese Äußerung, die als Gewalt gegen Frauen eingestuft wurde, hat ihm Wählerinnen nicht abspenstig gemacht. Im Gegenteil. Identitätspolitik von Minderheiten, die um Sexualität und Selbstwahrnehmung kreisen und als Selbstgebasteltes nach Lust und Laune mal so und mal so modelliert werden, spielen für die meisten Menschen keine Rolle. Für sie ist das narzisstischer Luxus von Subkulturen, den sie sich nicht leisten können. Die Mehrheit der Menschen sorgt sich vielmehr ums tägliche Brot, die Ausbildung der Kinder und den Lebenssinn. Denn „jenseits von Löhnen, Vorteilen und Sicherheit gibt es den Verlust der Würde, der Hoffnung auf eine Zukunft und des Sinns, dass es eine Welt gibt, zu der man gehört und die es wert ist, dass man darin eine Rolle spielt“ (Noam Chomsky). Der harte Gegensatz von Identität und Interesse, der auch hierzulande eine Rolle zunehmend spielt, spiegelt die stets wachsende Kluft zwischen den versorgten Schichten, die reichlich haben und der Mehrheit, die ums tägliche Brot kämpfen muss; eben die Kluft von Reich und Arm und Perspektivlosen.

Der Wahlkampf der Demokraten hat sich dafür nicht interessiert. Niemand wollte aussprechen, dass der Abwärtstrend unter den Wählern weitergehen würde. Jeder fürchtete, als Anti-Feminist oder Misogyn geziehen zu werden, wenn er die Politik der Kandidatin infrage stellte. So erstarrte die Clinton Kampagne in „oberflächlicher Fortschrittlichkeit, die sie als reale soziale Gerechtigkeit verpackte“ [1] und die sie mit Celebrities aus Hollywood garnierte. Wer dem sich entzog, wurde verächtlich dem „unrettbaren Haufen Bedauernswerter“ – irredeemable bundle of deplorables – zugeschlagen.

Die Marktkapitalisierung der Vagina

Die Trump’schen Erfahrungen, wonach einflussreiche Männer sich Vieles folgenlos erlauben können, hat durch die Gleichstellungsperspektive der Soziologin, Catherine Hakim[2] von der London School of Economics eine bemerkenswerte Aktualisierung erfahren. Aus der Sicht von Frauen erklärt sie zu einer befreienden Tugend, was Trump als Gewalt gegen Frauen vorgeworfen wird. Nach Hakim sollen Frauen unter streng kontrollierten Bedingungen sich durchaus „ans Genital greifen lassen“. Denn auch Hakim will als Feministin beruflichen Erfolg und Einkommen von Frauen verbessern. Dafür sucht sie nach einem Königsweg, der gerade nicht nur für gut ausgebildete Frauen, sondern ebenso für gering ausgebildete den Erfolg verbürgt. Sie will auch nicht, dass nur gut aussehende Frauen mit ihren Chefs ins Bett gehen und nachträglich belohnt werden. Sie sucht nach einer Lösung für alle Frauen, die im Sexualverhalten von Frauen und Männern verankert ist und allen Frauen in jeder erotischen Beziehung materielle Vorteile langfristig bringt. Sie hat ein Modell entwickelt, das sich auf umfangreiche Forschung stützt. Demnach sei nicht zu widerlegen, dass in den meisten Kulturen Männer Sex häufiger als Frauen begehren. Männer wollen immer nur das Eine. Frauen demnach etwas anderes oder weniger von dem Einen, das Männer unersättlich zu begehren scheinen. Grundlegend für ihr Gleichstellungsmodell ist, dass Frauen weniger Sex als Männer begehren. Demnach muss die Nachfrage nach Sex unter Männern teilweise stets unbefriedigt bleiben. Um das Bewusstsein der Frauen dafür zu heben, dass sie über ein knappes und hoch begehrtes Gut verfügen, bringt sie das Gesetz von Angebot und Nachfrage ins Spiel. Frauen sollen als rationale Marktteilnehmer den Preis für ihr Erotic Capital hochtreiben. Das sei die erfolgversprechende Grundlage für höheres Einkommen und besseren sozialen Status. Frauen können den Preis diktieren und sind nicht mehr dem Risiko ausgesetzt, unterhalb des Marktpreises für sexuelle Leistungen entlohnt zu werden. Frauen aller Schichten sollen das zu ihrer Strategie „im Büro wie im Bett“ erheben. Deshalb empfiehlt Catherine Hakim die Marktkapitalisierung der Vagina. Die Diskriminierung der Frauen könne damit beendet werden. Der Begriff des Empowerment der Frauenbewegung als Selbstermächtigung nimmt hier eine grotesk-perverse Bedeutung an.

Dazu müssten Frauen allerdings ihr Verhalten ändern. Statt sich leichtsinnig der Verliebtheit hinzugeben, sollen sie einen kühlen Kopf bewahren, um sich materielle Vorteile vor dem Sexualakt zu sichern. Gegenüber dem alten Virginitätsmodell, das Frauenwert verkörperte, hat das feministische Modell den Vorteil, dass es in jeder neuen Beziehungen sich einsetzen lässt. Der Tauschwert bleibt also erhalten.

Bleibt dann nur noch die Frage, worin sich das feministische Modell von Clinton von dem der Trump’schen Lebensweisheiten unterscheidet? Nun, beide ähneln sich in ihren Ergebnissen. Nur ihre Wege dorthin unterscheiden sich. Trump liefert Frauen den Zufällen männlicher Zuvorkommenheit aus, was sie in infantile Abhängigkeit zwingt. Clinton hingegen setzt sie wohlfahrtsstaatlichem Paternalismus aus. Frauen sollen sich mit dem Opferstatus abfinden. Auch das infantilisiert Frauen. Und Hakims feministische Versprechung macht aus schwierigen Beziehungen ein Verhältnis der Prostitution.

All das verändert die Beziehungen der Geschlechter zueinander nicht. Es bleibt bei althergebrachten Verhältnissen. Der dritte Weg gegenseitiger Anerkennung, der muss wohl erst noch beschritten werden.

[1] Sarah Jones: Hillary Clinton’s Celebrity Feminism Was a Failure. New Republik online 11. November 2016

[2] Catherine Hakim: Women, careers, and work-life Preferences. British Journal of Guidance & Counselling, Vol. 34, No. 3, August 2006; s. a.Erotic Capital. In: European Sociological Review VOLUME 26 NUMBER 5 2010 499–518

 

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